Unter dem Titel »Schrift NEU.« versammelten sich NEUgierige nun zum 22. Jahr in Folge anlässlich der Leipziger Typotage, um über das wohl bewusst in Anführungszeichen gesetzte »NEUE« in Schriftgestaltung und Typografie zu reflektieren. Und um so schöner ist es dann im schon ALTbewährten Veranstaltungsort Museum für Druckkunst nicht nur NEUE, sondern eben auch die ALTbekannten Gesichter wieder anzutreffen.

Freitag ging es los mit der Ausstellungseröffnung »Von Hand geschriebene Briefe«, kuratiert von einem der Referenten, Jost Hochuli. Die wundervolle Sammlung der Briefe aus der Feder von Jan Tschichold oder auch Prof. Gerrit Noordzij kann noch bis zum 3. Juli 2016 besucht werden. Und so viel sei verraten – es lohnt sich!

Am nächsten Morgen wurden wir ganz herzlich begrüßt mit Kaffee, Jutebeutel und Namensschild. Pünktlich um 10 Uhr versammelten sich alle im Vortragsraum. Der Moderator Guido Ahnert führte den ersten Referenten ein: 

Jost Hochuli, Grafiker und Buchgestalter aus St. Gallen, der uns vor allem durch sein Buch »Das Detail in der Typografie« bekannt ist. »Das was ich euch heute erzähle ist nicht NEU – wird es aber vielleicht wieder mal sein« Mit diesen einleitenden Worten erzählte er von seinen Helden Max Caflisch, Max Koller und Franz Zeier. Mit angenehmer Stimme und seinem leichten Schweizer Akzent wurde schnell klar, dass die Geschichte von den zwei Typografen und dem Buchbinder eine ist, die man gerne weiterschreiben möchte: Mikrotypografischen Möglichkeiten ausschöpfen, sich auf das Wesentliche reduzieren oder gar ein Ordnungssystem schaffen, dass kein Raster braucht.

Im Anschluss referierte der »Bücherbeobachter« Prof. Dr. Johannes Schneider über die »Erfindung der Druckseite um 1500«. Denn rund 60 Jahre nach dem Vermächtnis von Johannes Gutenberg mussten aufgrund des hohen Papierpreises noch viele Fehler geduldet werden: Wie etwa das Vergessen von Trennzeichen, das Platzieren von Überschriften ganz unten am Buchrand oder die vergessenen Zierbuchstaben, die quadratische Löcher in den Text rissen. Die sogfältige Suche nach Fehlern wurde dann vom Publikum weitergeführt und wir hätten noch so gerne mit dem Direktor der wunderschönen Universitätsbibliothek herausgefunden, wann die Klammer zum ersten Mal im Druck aufgetaucht ist…

Nach einer kurzen Kaffeepause stellte die frisch gebackene Doktorandin Julia Meer mit einem fordernden Lächeln eine Frage in den Raum: »Woher kommt es überhaupt das NEUE?« Mit der Bewegung der Avantgarde in den 1920er entstand die sogenannte »NEUE Typografie«. Die sympathische Referentin zeigte uns exemplarisch an Beispielen, dass die Stilmittel wie Reduktion, dynamische Flächenaufteilung und zweckmäßige Gestaltung auch schon von den Gebrauchsgrafikern zuvor gefordert wurden. Besonders interessant ist dabei ihr Resümee, dass damals so wie heute der Mythos des NEUEN oft von den Leuten entsteht, die am lautesten »NEU« schreien.

Dann freute ich mich besonders auf die beiden Typejockeys Anna Fahrwasser und Michael Hochleiter, die uns ganz stolz ihre Sammlungen präsentierten: Bierdeckel entstanden »im guten alten Hochdruckverfahren«, Fotos von Schildern und Beschriftungen oder die etwa 1000 Fotos von falsch verwendeten Apostrophen. Gut geordnet kann dann ALTES Inspiration für NEUES werden und zum passenden Moment wieder aus der Schublade oder auch vom virtuellen Pinterest Board geholt werden. Jetzt kommt natürlich die Frage auf, warum man Fotos von falschen Apostrophen sammelt? Klar, um die Fehlerquelle zumindest bei den eigens gestalteten Schriften durch eingebautes OpenType Feature autokorrigieren zu lassen. 

Beim gemeinsamen Mittagessen mit Buffet war genug Zeit sich zu stärken, um weitere Fragen an die Referenten zu richten oder auch andere Teilnehmer kennenzulernen.

Hungrig nach mehr machte Andrea Nienhaus. Und zwar nach mehr schönen E-Books. Die Organisatorin der »Electric Book Fair« erklärte, dass da noch Luft nach oben ist und nicht alle Verlage bereit sind die Möglichkeiten der »Electric Beauties« voll auszuschöpfen. Schöne Beispiele mit ansprechendem Leseerlebnis wie bei abookapart.com gibt es nur selten. Wichtig war ihr, auf die höheren Schriftlizenzierung hinzuweisen, denn anders als bei Webfonts wird die Schrift mit der EPub-Datei quasi mitgeliefert.

Attila Korap von Monotype knüpfte an den vorherigen Vortrag mit seinem liebevoll zusammengestellten Tagesablauf in Bildern an – genauer gesagt – in Bildern von »Schriften auf Bildschirmen«. Nach dem Handywecker am Morgen, dem Minidisplay an der Kaffeemaschine, die LED Anzeige der Bus Haltestelle und noch gefühlt 30 weiteren Bildern, zeigte er auch noch die Schrift auf dem Display seines Gitarrenverstärkers. Die darauf folgende Präsentationsfolie mit der Maus und dem blauen Elefanten galt wohl als Warnung. Dabei erklärte er seinen Zuhörern meisterhaft technische Details. Jetzt wissen wir, was Schriften für E-Books leisten müssen, warum die Rednerzeit von Vektorfonts im Vergleich zu Pixelfonts so hoch ist, und wie Monotype Spark hierbei durch Schnelligkeit überzeugt. Spannend bleibt am Ende, dass die Probleme bei kleinen Schriftgraden am Bildschirm doch gar nicht NEU sind, sondern uns schon zu Zeiten von Blei- und Fotosatz begegneten: zulaufende Punzen, unterschiedlich dicke Stämme oder die Verschmelzung des i-Punkts.

Hohe Begeisterung kam am Ende vor allem bei Zuhörern von Andrej Krátky auf, für die Fontstand noch ganz unbekannt war. Denn zusammen mit Peter Biľak hat der slowakische Schriftgestalter über ein NEUES Lizensierungsmodell von Schriften nachgedacht und es ist eine ganz wundervolle App dabei herausgekommen. Unter dem Motto »Try before buy« können nun Schriften eine Stunde getestet oder monatsweise gemietet werden. Und nach 12 Monaten bekommt man die Schriftlizenz mit Datei auf Lebenszeit. Das für mich NEUE war 3 Tage früher das Update vorgeführt zu bekommen mit speziell für Fontstand eingeführten Kategorien zur besseren Schriftsuche von Prof. Indra Kupferschmid. Fabelhaft!

Am Sonntag hatte man die Wahl: Typografischer Stadtrundgang oder Letterpress-Workshop? Dankeschön für die liebevolle Organisation, die wundervollen Vorträge. Wir freuen uns auf das nächste Jahr, auf NEUE und ALTE Gesichter.

 

Gast Wolfgang Zorn

Schön das es noch Typographen gibt. Ich durfte die Welt der Computertypographie begleiten und gestalten ich war in der Druckindustrie tätig und habe Bücher gesetzt und Packungsgestaltung durchgeführt.
Ob Beipackzettel oder Blistergestaltung – ich durfte in großen Werbeagenturen und Reinzeichnungen anfertigen. Ich war Belichter und Beschrifter mit einem Wort verfüge ich über ein gerütet Maß an Typo Wissen. Ich könnte viele diesbezügliche Fragen beantworten.
Nevil Broudy war ein erster freier Typogestalter - und wer kann schon noch Schriften selbst generieren.

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