23. Leipziger Typotage 2017 / Rückblick

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Schrift und Erkenntnis, um diese manchmal schwierige Beziehung ging es am Samstag auf den 23. Leipziger Typotagen, die im Museum für Druckkunst stattfanden. Wir waren für euch live vor Ort, um unsere Eindrücke für euch zusammenzutragen.

 

Seit Erfindung des Buchdrucks und der damit einhergehenden Bedeutungssteigerung der Schrift als Massenmedium, spielt Typografie eine wichtige Rolle im Prozess der Erkenntnis. Wissen befreit und ermöglicht Kontrolle über die eigene Position. Dabei kann das geschriebene Wort als Schlüssel, aber auch als Hindernis wirken – ein Konflikt der schon Luther 1517 bewegt hat. In Anlehnung an das Reformationsjubiläum 2017 beschäftigten sich die Vorträge der Typotage Leipzig mit genau diesen Umwälzungen der Wissenskommunikation und richteten ihren Blick besonders auf die Rolle von Schrift und Typografie im Kontext von Gestaltungspraxis, Wissenschaft, Geschichte und Technik. 

So beschrieb Jürgen Spitzmüller die Bedeutung von Textgestaltung als Kontext für die Wissensgewinnung und ermöglichte einen Einblick in die sprachwissenschaftliche Perspektive, die lange nur das gesprochene Wort erforschte, sich nun aber immer mehr auch dem Geschriebenen zuwendet.

Auch Michael Schlierbach griff dieses Thema in seinem Vortrag über Bibelgestaltung »Rollen oder Schlagen« auf, denn, so Schlierbach, für die Auseinandersetzung mit dem christlichen Text spielt der typografische Kontext eine umso größere Rolle. Liest man von vorne bis hinten, richtet man sich nach Überschriften oder Versen oder nimmt man lieber eine gerollte Version, für die Erkenntnisgewinnung im Christentum keine kleinen Fragen. 

 

Besonders spannend war auch der Vortrag von Werner J. Wolff, der ein etwas exotischeres Gebiet der Typografie betrachtete: Das Setzen von Musik. Wie man Concertos, Minuets oder Orchestermusik in nutzbarer Form aufs Papier bringt ist nicht nur wegen der vielen Zeichen eine Königsdisziplin, die heute nur wenige beherrschen. Wie der Titel seines Vortrags »notieren – kodieren – erkennen« schon erahnen lässt, ist die Manifestation von Ton auf Papier ein Feld auf dem typografisch noch viel geforscht werden kann. 

Einige Vorträge widmeten sich auch dem Bildungsaspekt der Schrift. Welches Grundwissen sollen Schüler erhalten und kommt Lesen vor dem Schreiben oder lieber anders herum? Tobias-David Albert erläuterte die Schwierigkeiten hinter der Gestaltung einer Normschrift für Grundschüler und Lisa Neuhalfen erlaubte mit ihrem interessanten Vortrag einen Einblick in die Entwicklung und Gestaltung von Lese- und Schreibfibeln vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur heutigen Zeit. Marcel Henry berichtete außerdem von der Entwicklung der Schrift Erasmus MMXVI und deren Rolle in der Wissenskommunikation in verschiedenen Ausstellungen im Historischen Museum Basel.

 

Einen Blick in die Zukunft gewährte Tanja Diezmann mit ihrem abschließenden Vortrag »Type Tomorrow«. Hier stellte sie Projekte von Studenten der Hochschule für Künste in Bremen vor, die auf unterschiedlichste Arten und Weisen gestalterische Möglichkeiten zur Beschleunigung der Kommunikation im Digitalen erforschten. 

Insgesamt war die Konferenz toll organisiert, auch das Rahmenprogramm am Freitag- und Samstagabend, sowie der typografische Stadtrundgang und der Letterpress-Workshop am Sonntag kamen gut an. Wir freuen uns auf nächstes Jahr!

www.typotage.de

Fotos: © Lies Wolf, Klaus D. Sonntag

 

 

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