Interviews

3 Minuten Katastrophe / Facharbeit von Katharina Wix am Institute of Design Düsseldorf

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 Das Unglück des LZ 129 erlangte 1937 durch die neuen Medien Radio und Kino als »Hindenburg-Katastrophe« weltweite Bekanntheit. 3 Minuten, die eine Welt veränderten. – Diese 3 Minuten wurden zu einem Projekt, das Katharina Wix eineinhalb Jahre beschäftigte und aus dem das Buch »3 Minuten Katastrophe«, das mit einem red dot Award ausgezeichnet wurde, entstand.

Für ihr Buch ist eine Gliederung des Ablaufs und Klärung der Absturzursache zweitrangig. Im Mittelpunkt steht vielmher, wie man den Geschehnissen und der Flut widersprüchlicher Informationen als einzelner Mensch gegenübersteht. Es geht um die Konfrontation mit dem Gesehenen und Gehörten, und um planlose Ermittlungen, die von gegenseitigen Beschuldigungen und wilden Theorien geprägt waren.

Die »Hindenburg-Katastrophe« ist ein sehr interessantes Thema. Wie kam es dazu, dass du dich mit ihm beschäftigt hast?

Ich bin von Natur aus ein sehr neugieriger Mensch und habe damals gerne den Discovery Channel gesehen. So bin ich schon das ein oder andere Mal mit dem Unglück der Hindenburg in Berührung gekommen. Als dann in meinem Kurs die Aufgabe gestellt wurde, sich mit 3 Minuten eines Ereignisses zu befassen, tauchte das Thema wieder aus den grauen Windungen meiner Erinnerung auf. Es würde etwas sein, das meine technische Auffassungsgabe ansprechen, aber auch meine emotionale Belastbarkeit auf eine Probe stellen würde.

Deine Arbeit baut auf alten Fotos, aber auch Ton- und Filmmaterial auf. Eine Recherche ist da sicherlich anspruchsvoll. Wie bist du vorgegangen? Wo bist du fündig geworden? Und welches Material konntest bzw. durftest du wie nutzen?

Ein schwieriges Thema. Der Startschuss meiner Recherche liegt schon über dreieinhalb Jahre zurück und es ist schwer, im Nachhinein eine bestimmte Vorgehensweise darzustellen. In der ersten Zeit galt vor allem das Schrotgewehr-Prinzip: Weite Streuung. Google, Wikipedia, YouTube, Bibliotheken und das Zeppelinmuseum in Ludwigshafen waren meine ersten Anlaufstellen und sehr gut bestückt. Später landete ich über einige digitale Detektivarbeit auf der Website des FBI und im Blog eines US-amerikanischen Journalisten, die sich als wahre Schatztruhen erwiesen. Dieser Journalist, Patrick Russel, gestattete mir, seine Texte für mein  Buch zu nutzen. Was genau ich darüber hinaus verwenden durfte, kann ich bis heute nicht sagen, da sich das Urheberrecht in den USA von unserem sehr unterscheidet. Ich wollte in keinem Fall meine gestalterische und inhaltliche Arbeit von unsicheren rechtlichen Verhältnissen beeinflussen lassen – das Projekt war schließlich nie zu kommerziellen Zwecken gedacht. Es ist im Augenblick ein künstlerisches Einzelobjekt, das ich nicht produziere oder anders verbreite, da ich mich rechtlich wohl in einer Grauzone bewege. Im Impressum habe ich dies auch gekennzeichnet und bitte alle Rechteinhaber sich bei mir zu melden, sollten sie durch die Verwendung der Bilder ihre Rechte verletzt sehen. Zurzeit arbeite ich jedoch daran, einen Verlag zu finden, der mich beim Einholen ebendieser Rechte unterstützt. Wie gesagt, ein schwieriges Thema.

In deinem Buch möchtest du die »Flut widersprüchlicher Informationen«, der der einzelne Mensch gegenüber steht, zeigen. Wie gelingt dir das?

Im Grunde habe ich die Informationen so aufbereitet, dass jeder Leser sie in der Art aufnimmt, wie es wohl viele vor über 70 Jahren getan haben. Das zweite Kapitel, »Die Ermittlungen«, enthält die verschiedensten Fragmente der Ermittlungsstadien. Dort jagen anonyme Verschwörungsbriefe wissenschaftliche Abhandlungen über die Beschaffenheit der Außenhülle, nur um dann wieder von einer Zeugenaussage über ein initiales Feuer im Heck unterbrochen zu werden. Es herrscht eine absolute Unordnung. Nichts ist vorsortiert und definitiv und doch scheint jedes neue Fragment plausibel, sodass jeder Leser seine Sicht auf das Unglück ständig revidiert. Wie damals, als weder Ermittler noch die Öffentlichkeit wussten, was wirklich geschehen ist. Aber auch in den grundlegendsten Gestaltungsmitteln spiegelt sich diese unterschwellige Unsicherheit wider. So habe ich als Schrift einen stark unterbrochenen, zum Teil schwer lesbare Typewriter-Font genommen. Er lehnt sich nicht nur an die Typografie der FBI Akten an, sondern erodiert auch das Vertrauen der Leser in das Gelesene.

Du erwähnst die damals »neuen Medien« Radio und Kino, durch die viele Menschen erreicht werden konnten. Wie hat die Berichterstattung dazu beigetragen, dass aus dem Unglück eine Katastrophe wurde?

Es war näher. So viel näher. Nicht nur zeitlich gesehen. Jeder, der damals die verzweifelten Worte Herbert Morrisons hörte, wurde starr vor Ergriffenheit. Da gab es keinen Abstand, keine sachliche Rekapitulation, die Menschen erlebten durch Bild und Ton mit. Mir ging es da nicht anders, als ich 70 Jahre später die Tonaufnahme in Endlosschleife abspielte, um ein Transskript zu schreiben oder das Videomaterial nach Standbildern durchforstete. Diese Art der Berichterstattung war emotional und machte alles, was sie zum Gegenstand hatte, größer. Mit Abstand betrachtet ist nicht viel zerstört worden – die meisten haben überlebt – und doch wird man das Gefühl nicht los, dass die Welt aus den Fugen geriet. Deklaration spielte hier auch eine große Rolle. Offenbar reichte vielen Journalisten damals das Wort Unglück nicht. Es passte nicht so recht zu den fesselnden Bildern, die aus den USA um die Welt gingen. Es musste etwas größeres her. Und war das Wort erst einmal im Umlauf, hat sich auch die Art und Weise, wie die Menschen darüber sprachen geändert. Die wahren Ausmaße des Unglücks waren ja nicht jedem sofort bekannt gewesen, aber indem man von einer Katastrophe sprach, wurde die Öffentlichkeit unbewusst darauf geprägt. Sie sah, was sie erwartete und das machte vor allem eines: Auflage.

Man ahnt: diese 3 Minuten hatten eine riesige Wirkung. Du schreibst, dass sie eine Welt veränderten – inwiefern?

In vielerlei Hinsicht. Der Absturz der Hindenburg leitete das Ende der kommerziellen Luftschifffahrt ein und begrub damit eine Art zu reisen, die damals als einer der größten technischen Fortschritte bezeichnet wurde. Ohne das Unglück wäre es denkbar, dass auch heute noch Luftschiffe zur regulären Personenbeförderung genutzt würden. Auch wurde der bereits schwelende Konflikt zwischen Deutschland und den USA angeheizt, hatten diese doch ein Embargo über die Lieferung von Helium an Nazi-Deutschland verhängt und die Luftschiffreederei dazu gedrängt, auf hoch brennbaren Wasserstoff auszuweichen. Ein Faktor, der wahrscheinlich maßgeblich mit verantwortlich war, dass das Symbol der Überlegenheit, das bis 1937 von den Nationalsozialisten gerne als Propaganda-Vorzeigeobjekt genutzt wurde, vor aller Welt zu Staub und Asche zerfiel. Für den Sensationsjournalismus bedeutete dieser Augenblick die Geburtsstunde. Zu zeigen wie Menschen aus 100 Metern Höhe mit einem Sprung den Flammen zu entkommen versuchten, schockierte und faszinierte das Publikum zu gleich. Sie schrieen förmlich danach, traumatisiert zu werden, so wie wir es heute gewohnt sind. Katastrophen steigern den Absatz, damals wie heute.

Die Arbeit entstand zwischen 2008 und 2009 am Institute of Design Düsseldorf und wurde von Nanni Goebel betreut. – Katharina Wix, www.frau-wix.de

 

Thomas Ruh

Hm, ob Zufall oder "unglücklich" recherchiert (http://faz-community.faz.net/blogs/fernsehblog/archive/2011/02/05/making...), das Zeppelinmuseum steht nach wie vor in Friedrichshafen am Bodensee.

Katharina Wix

Lediglich vertauscht! Danke für den Hinweis.
Ich war schließlich 2008 selbst da, in Friedrichshafen und das Museum liegt ja auch direkt am Bodensee. Aber vielleicht sollten wir den Ludwigshafenern auch ein Museum vorschlagen …

Natalie

Ich finde das Buch sehr, sehr gut!!! Es ist genauso gestaltet, wie ich mir das interessante Thema über die Hindenburg vorstelle!!! Ich hatte bereits das Glück und konnte mir das Buch persönlich ansehen. Die Haptik und das Design passen völlig zusammen!! Eine saubere, gut recherchierte (naja, das mit der unglücklichen Recherche ist schlecht ausgedrückt. Friedrichshafen war wohl eher ein Tippfehler, weil die Autorin vor Ort vom Zeppelin Bilder gamacht hat. Die Bilder kann man im Buch bewundern) und schöne Arbeit! Respekt!!

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