Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit am Department Design der HAW Hamburg, gestaltete Charlotte Luise Bräuer das Buch »Auf der Suche nach Zora. Ein Entdeckerbuch«. Betreut wurde sie von Prof. Stefan Stefanescu (Editorial Design) und Prof. Dr. Mirjam Schaub (Theorie) und das hat sich wahrlich gelohnt: Die Stiftung Buchkunst verlieh ihr für die Arbeit den Förderpreis für junge Buchgestaltung und schrieb dazu: »Eigentlich eine medienphilosophische Arbeit mit Mitteln der Buchgestaltung.«

 

Aus dem Beschreibungstext: Inspiriert von Italo Calvinos »Unsichtbaren Städten« beschäftigt sich Charlotte Bräuer in ihrer Bachelorarbeit »Auf der Suche nach Zora. Ein Entdeckerbuch« experimentell mit dem Thema der Stadt – der virtuellen und reellen, aus historischen und modernen Blickwinkeln betrachtet –, mit dem Gedächtnis – dem von Einzelpersonen, insbesondere ihr selbst, aber auch dem von Gesellschaften –, sowie mit dem Reisen – als Zeitreise von damals nach heute, als Spaziergang von Straße zu Straße und Stadt zu Stadt, als Wanderung von Objekt zu Gedanke, als Flanieren durch die innere Architektur ihres Kopfes und ihrer in diese eingebetteten Erinnerungen. Dafür werden ausgewählte Texte eines historischen Nachschlagewerkes mit modernem Bildmaterial kombiniert und dieses im Anschluss hinsichtlich der Assoziationen, die es auslöst, untersucht.

 

Wir haben Charlotte ein paar Fragen zu ihrer Arbeit gestellt:

Wie kam es zu deiner Arbeit?

Bei dem Buch handelt es sich um meine Bachelorarbeit im Studiengang Kommunikationsdesign an der HAW Hamburg. Ich hatte mich schon seit Längerem mit Vertretern des künstlerischen Bereichs beschäftigt, deren Herangehensweise an Gestaltungsprozesse durch die Auffassung geprägt wird, dass Bedingungen, Regeln, Zwänge und Wiederholungen Kreativität fördern und zu nicht oder zumindest nicht im Detail planbaren und dadurch umso interessanteren Ergebnissen führen. Im Designbereich interessieren mich da die Arbeiten beziehungsweise die Arbeitsweise von Luna Maurer, die sich 2012 mit Jonathan Puckey und Roel Wouters in Amsterdam zum Studio Moniker – Design & Technology zusammenschloss. Gemeinsam veröffentlichten sie das Conditional Design Manifest (conditionaldesign.org/manifesto), in welchem unter anderem festgestellt wird, dass Regeln dazu dienen, sich auf die Freiheit und das Spiel, welche innerhalb der Grenzen stattfinden können, zu konzentrieren. 

Ein ähnliches Grundprinzip der kreativen Beschränkung vertreten auch die Gruppen des Ou-X-Po, wobei das »Ou« für »Ouvroir« steht, eine inzwischen veraltete französische Bezeichnung für »Werkstatt«. Während meines Erasmus 2012 in Paris an der École Nationale Supérieure des Arts Décoratifs beschäftigte ich mich mit der Oulipo (L’Ouvroir de Littérature Potentielle, frz. für »Werkstatt für Potenzielle Literatur«) und Oubapo (L’Ouvroir de la Bande Dessinée Potentielle, frz. für »Werkstatt für alle denkbaren Comics«). Erstere wurde 1960 unter dem »Zeichen der Verbindung von Präzision und Phantasie« gegründet, eines der bekanntesten Werke ist Georges Perecs Roman »La Disparation« von 1969, der vollständig ohne den Buchstaben »e« auskommt.

Im Kontext dieser Recherchen stieß ich auf das wunderbare Buch »Die unsichtbaren Städte« von Italo Calvino und war fasziniert von der Detailliertheit der Bilder, die beim Lesen der 55 kurzen Kapitel vor meinem inneren Auge entstanden. Dieses Buch, welches manchmal als Weltpoem bezeichnet wird, ist inspiriert von Marco Polos im späten 13. Jahrhundert aufgezeichneten Reisebeschreibungen »Il Milione. Die Wunder der Welt«.

Aus den 55 Städten habe ich als Inspiration und Basis für mein Buchprojekt die Stadt Zora, beschrieben im Kapitel »Die Städte und die Erinnerung 4«, ausgewählt. Man liest von ihr als einer Stadt, die nicht vergessen werden kann; anhand deren Architektur in all ihren Details man sich erinnern kann, woran auch immer man sich erinnern möchte. Dass sie aber – um all die Eselsbrücken aufrecht zu erhalten, die sich in ihr finden – sich nicht verändern kann, ist letztlich ihr Untergang. Diese Ideen fand ich wahnsinnig spannend.

Zudem hatte ich im Mai 2012 im Rahmen des Festival de l'Affiche in Chaumont bei einem einwöchigen Workshop unter der Leitung von Jonathan Puckey und Pinar&Viola mitgemacht und dort angefangen, mich mit der Repräsentation der Welt durch Google Maps und Google Street View zu beschäftigen. Ich brachte Stunden damit zu, mich am Bildschirm durch die relativ kleine Stadt Chaumont zu bewegen und nach Situationen zu suchen, aus denen ich Geschichten zusammensetzen konnte. Mich reizte auch die Bildästhetik dieser Fotografien, voller Verzerrungen, Bildfehler, Verpixelungen… Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich unbedingt ein größeres Projekt mit diesem quasi unerschöpflichen Bildmaterial angehen wollte. Aus diesen zwei Grundideen hat sich Stück für Stück »Auf der Suche nach Zora. Ein Entdeckerbuch« entwickelt.

  

Wie denkst du, werden sich Städte in der Zukunft entwickeln? 

Während meines Erasmus-Semesters in Paris habe ich bei Ruedi Baur einen Kurs belegt, der sich mit der Transparenz, Vernetzung und Öffnung des Pariser Viertels Quartier Latin beschäftigte. In diesem Zusammenhang wurde viel über Theorien zur Stadt geforscht, gelesen, diskutiert, experimentiert. So habe ich etwa die Idee der Psychogeografie und Guy Debords »théorie de la dérive« kennengelernt – wie entstehen gefühlte Grenzen im Stadtraum, wie trifft man beim ziellosen Driften durch die Stadt Entscheidungen, biegt an einer Weggabelung etwa nach links ab und nicht nach rechts? Wie kann man solche Grenzen (z.B. mit Mitteln des Grafikdesigns) öffnen, die dem Viertel inneliegenden Möglichkeiten des Austauschs sichtbar machen? Dieser Kurs hat mich maßgeblich dazu angeregt, mir mehr Gedanken über die Stadt und unser Leben in ihr zu machen.

Ich selbst bin in einem sehr kleinen Dorf aufgewachsen, habe aber in den letzten Jahren in Großstädten wie London, Hamburg, Paris und nun Berlin gelebt. Dass die Weltbevölkerung in den nächsten Jahrzehnten immer mehr zur Stadtbevölkerung werden wird, machen die aktuellen Entwicklungen deutlich – heute lebt schon mehr als die Hälfte aller Menschen in Städten. Alle meine Freunde vom Dorf hielten pünktlich zum 18. Geburtstag ihren Führerschein in Händen, in meiner aus drei Leuten bestehenden Familie gab es drei Autos, weil sich der Alltag durch die Abwesenheit von öffentlichen Verkehrsmitteln ansonsten nur sehr umständlich hätte organisieren lassen. In Städten gibt es da andere Möglichkeiten, und ich hoffe, dass sie in Zukunft besser ausgebaut werden können, dass die Autos immer mehr aus dem urbanen Lebensraum weichen und die Städte grüner und nachhaltiger, leiser, sauberer und offener werden. Im Norwegenurlaub habe ich gerade an jeder Ecke Häuser mit begrünten Dächern gesehen – das sieht nicht nur toll aus, sondern könnte auch Möglichkeiten für den Nahrungsmittelanbau in Städten bieten. Es gibt ja auch schon verschiedenste Ideen für urbane Landwirtschaft.

Calvino, der selbst in vielen Städten gelebt und gearbeitet hat – er selbst bezeichnete dies als seine »geographische Instabilität« – und der schon vor 40 Jahren die Meinung äußerte, diese seien dabei, sich in eine einzige Stadt zu verwandeln, in eine ununterbrochene Stadt, in der sich die Unterschiede verlieren, die einst jede einzelne charakterisierten, sagte über »Die unsichtbaren Städte«: »Die Städte sind ein Ensemble aus vielen Dingen: aus Erinnerung, aus Wünschen, aus Zeichen einer Sprache; Städte sind Orte des Austauschs (…), aber dieser Austausch ist nicht nur Austausch von Waren, es ist ein Austausch von Worten, von Wünschen, von Erinnerungen. Mein Buch öffnet und schließt sich, gibt den Blick frei auf Bilder glücklicher Städte, die, versteckt in den unglücklichen Städten, unablässig Gestalt annehmen und wieder verschwinden.«

Ich hoffe, dass die Stadt der Zukunft wieder Flaneure hervorbringt, von Entdeckerfreude angetriebene Suchende, durch immer neue Anregungen geleitet. Diese ziel- und planlos durch die Großstadt (typischerweise Paris) streifende literarische Figur des 19. Jahrhunderts scheint mir in unserer geschwindigkeitssüchtigen, ständig unter Zeitdruck stehenden und hocheffizienten Gesellschaft so gut wie ausgestorben zu sein. Und doch glaube ich, dass man gerade flanierend diese manchmal in kleinsten Details oder Situationen gut versteckten, glücklichen Städte entdeckten kann. Und so finden sich auch in meinem Buch Szenen des Zerfalls, der Einsamkeit und Grauheit – aber eben doch auch Momente der Schönheit, des Vergnügens und Lichts.

 

Was hast du bei Deiner Arbeit im Speziellen gelernt?

Vielleicht: Die Augen zu öffnen.

Im Untertitel ist mein Buchprojekt benannt mit »Ein Entdeckerbuch«. Was verstehe ich unter »entdecken«? Ein Entdecker ist jemand, der auf der Suche nach etwas Unbekanntem ist oder etwas bis dahin Unbekanntes entdeckt hat. Jemand, der etwas auf-deckt, den Schleier des Unbekannten lüftet, indem er es schaut und in der Folge auch anderen zugänglich macht. Entdecker wissen vor ihrer Entdeckung in der Regel nicht, was genau sie zu welchem exakten Zeitpunkt entdecken werden.

Was ich nun entdecken und und worauf ich das Auge der Leser meines Buches lenken wollte, sind kleine Dinge. Details im Alltag, in jedem zugänglichen Szenen, die oft übersehen, nicht gewürdigt werden. Diese kleinen Dinge, die ich fand, waren etwa: Die Poesie und der Witz eines inzwischen veralteten Textes, für jedermann zugänglich im Internet. Die Schönheit unterschiedlicher Stadtstrukturen, aus der Vogelperspektive betrachtet. Die Entdeckerfreude beim Durchstreifen einer Stadt, welches sich selbst am Laptop bei einer unbekannten Stadt ganz anders anfühlt als bei einer, durch die ich mich reell viele Male bewegt habe. Die unterschiedlichen Stimmungen, die verschieden gefärbte Pixel auslösen können und die manchmal überraschenden Verknüpfungen, die mein Kopf zwischen einem Bildausschnitt und einer meiner Erinnerungen herstellt. Aber auch die spielerische Spannung – gibt es diesen Ort mit dem tollen Lexikoneintrag bei Google Street View und sieht er im Satelliten- und Straßenperspektivenbild so aus, wie ich ihn nach Lesen des historischen Textes vor meinem inneren Auge sah? Oder kontrastiert die moderne fotografische Darstellung mit meiner Vorstellung? Welcher Moment ist – zum Zeitpunkt der Aufnahme der Fotos durch Google Inc. (folglich vor einigen Monaten, einigen Jahren) – eingefangen, was für Wetter, für eine Jahreszeit? Wie kleiden sich die Menschen, was weist die Architektur für Charakteristika auf, gibt es viele freilaufende Hunde? Ganz allgemein gesprochen, wirkt die Stadt auf mich schön oder hässlich, macht es mir Freude durch ihre Straßen zu streifen, oder langweilt es mich? Mache ich sehr viele Screenshots und kann mich am Ende nur schwer für einen endgültigen entscheiden, oder finde ich kaum eine Ansicht, die mich anspricht? Was interessiert, stimuliert mich überhaupt? Ich stelle fest, dass mich außergewöhnliche Pflanzen, jedwedes Tier, marode Architektur, spannende Lichtsituationen, leicht Chaotisches, aufeinandergeschichtete Strukturen, einsame Menschen, starke Farbkombinationen anziehen und mir des Festhaltens würdig erscheinen. All das macht mir Freude, amüsiert mich, berührt mich – kann ich das dem Leser vermitteln und vielleicht an ihn weitergeben? Oder bleibt es mein subjektives Privatvergnügen und für andere vielleicht unverständlich, nicht nachvollziehbar?

Was ich entdecken, oder eher gesagt: erschaffen möchte, ist also mein eigenes virtuelles (im Sinne der Duden-Definition gemeint als »innewohnende Kraft oder Möglichkeit; die Möglichkeit zu etwas in sich begreifend«) Zora, so wie ich für mich Calvinos »Die Städte und die Erinnerung 4« interpretiere. Ich wollte die (virtuelle) Welt durchwandern und meinen Kopf, aber nicht völlig ungerichtet und beliebig, sondern geführt, und zwar von Calvinos Zora. An der Hand von »Zora Calvino« mein eigenes Zora finden. Dabei konnte ich zu Beginn der Arbeit nicht genau wissen, wohin ich am Ende gelangen, was ich entdecken würde und wie das vollendete Buch aussehen würde.

Sicher ist es fraglich, ob jeder Leser von »Auf der Suche nach Zora« den Schritt vom Google Street View-Bild zu meiner Assoziation wird nachvollziehen können. Ich hoffe aber, dass er sogar in diesem Fall das Buch als eine Einladung versteht, selbst auf die Suche zu gehen und Details (wieder-) zu entdecken, die er so vorher nicht sah – oder sich zumindest an der Gegenüberstellung von historischem Text und modernem Bild zu erfreuen.

Auf der Suche nach Zora. 
Ein Entdeckerbuch

Gestaltung: Charlotte Luise Bräuer
Hochschule: Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, Department Design
Betreuer: Prof. Stefan Stefanescu, Prof. Dr. Mirjam Schaub
Veröffentlichung: Januar 2014
Umfang: 1104 Seiten
Format: 14 x 19,2cm
Sprache: Deutsch
Specials: Fadenbindung, Festeinband mit Papierbezug und blauem Halbleinen, blaues Kapitalband, runder Buchrücken, dreiseitiger oranger Farbschnitt, ein oranges und ein blaues Leseband, zwei Lesezeichen
Preis: 350€ (bisher beträgt die Auflage 2 Stück; eine 2., höhere Auflage ist jedoch in Planung)
Kontakt: chalu@gmx.de

 

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