Interviews

Chloé Poizat / French Illustrators Special

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Paris, die große französische Stadt an der Seine, ist ein Magnet für Menschen sämtlicher Himmelsrichtungen und Lebenslagen: auf der Straße schieben junge Hipster-Väter den Baby-Buggy, an den Pariser Universitäten gehen die Jungdozenten zum Austauschjahr nach Shanghai oder Amerika, während ältere Franzosen begeistert stundenlang Schlange stehen, um die erstklassigen Museen zu besuchen. Und natürlich hat Paris eine lebendige, professionelle, international vernetzte Design-Szene, die wir euch im kommenden SLANTED Magazin #25 – Paris  vorstellen. Am 7. Mai organisiert SLANTED mit der HFG Karlsruhe zusätzlich eine eintägige Konferenz mit namhaften SprecherInnen aus Paris: Chacun à sa façon – Graphic Design in Paris. Spannend ist auch die Arbeit der Pariser Illustratoren und Illustratorinnen, die wir in den nächsten Wochen auf dem Blog genauer betrachten möchten.

© Photography by Pascal Béjean

In den ersten Monaten des Jahres 2015 hatte Chloé Poizat eine Reihe Illustrationen in der französischen Tageszeitung Le Monde – jede ein bildlicher Kommentar zu aktuellen politischen Themen. Ihre Motive, die man auch in der Tageszeitung Libération oder in der New York Times sieht, sind hart am Rande dessen was man kommerziell unterbringen kann, es gibt, sagen manche, ein düsteres, unheimliches Element in ihren Collagen. Oft sind darin altmodische Illustrationen des 19. Jahrhunderts verarbeitet. Wer will, kann ein wenig an Max Ernst denken, den sie selbst mit besonderem Respekt erwähnt. Aber Chloé bringt Farbe, Drama und starke Motive ins Spiel. Chloé Poizat hat Poster für Theater und Musik gemacht, Buchumschläge und illustrierte Kinderbücher sowie illustrierte Bücher für Erwachsene. Chloé hat an der École des Beaux-Arts d’Orléans studiert, sie ist 44 Jahre alt und lebt in Paris.


Le Monde, 2015, Internationaler Frauentag

Was war bisher dein schönstes Projekt?

Zweifellos die Illustrationen für den Festival-Führer der Libération im Sommer 2000. Eine kurzfristige Arbeit mit vorgegebenem Thema, aber mit völliger Freiheit. Es gab eine wichtige technische Beschränkung: die meisten Bilder wurden zweifarbig (schwarz und rot) umgesetzt.

Wo hast du daran gearbeitet?

Damals hatte ich ein Atelier in der Rue du Faubourg du Temple, gegenüber der Libération, auf der anderen Seite der Place de la République. Ich ging zu Fuß, um meine Zeichnungen zur Zeitung zu bringen – unglaublich! Das Atelier ist der wichtigste Ort in meinem Leben, der Ort, an dem ich am meisten Zeit verbringe und wo ich mich wohl fühle.

Le Monde, 2015, Kultur-Terrorismus

Was ist stärker: Papier, Stift oder Vektor?

Ich liebe Papier, alle Papiersorten, es ist der Ankerpunkt jeder Arbeit, ein Gegenstand und ein Ort der Sehnsucht. Für Illustrationen bin ich schon vor einigen Jahren von Papier zu Vektor gewechselt; es ist eine unvergleichliche Erleichterung für Auftragsarbeiten.

In welcher Projektphase arbeitest du am liebsten mit anderen?           

Manchmal, bei einem komplizierten und schwierigen Thema, gibt es echte Gründe, bei der Konzeption mit der Art Direktion zusammenzuarbeiten. Aber ich glaube, dass man im Allgemeinen der Fantasie so viel Freiraum wie möglich einräumen, sie nicht einzäumen, und folglich dem Illustrator vertrauen sollte. In den meisten Fällen, und das teile ich mit vielen meiner Illustratoren-Kollegen, mag ich es nicht wirklich, wenn man bei der Konzeption eingreift.


Le Monde, 2015, Langsames französisches Wirtschaftswachstum 

Ist die Arbeit für Zeitungen einfach?

Im Allgemeinen ja. Trotzdem hängt es vom Thema ab, vom Art Director und von seiner Fähigkeit, seine Position und eine gewisse Freiheit gegenüber der Redaktion zu verteidigen. Manchmal übernimmt die Redaktion die Kontrolle und das ist für das Bild oft schlecht.

Willst du die Illustrationen beschreiben, die du 2015 für Le Monde gemacht hast?

Das ist eine Rubrik, die Illustratoren einlädt, mit Bild und Überschrift eine Meinung zur Tagesaktualität zu formulieren. Ich durfte vorher schon mehrfach Bilder für diese Rubrik machen. Sie erlaubt eine ziemlich große Freiheit. Der Illustrator selbst wählt das Thema und den Titel. Und die Rubrik bringt einen anderen Faktor in die Zeitung, weil sie auf Humor abzielt und eine gewisse Wildheit, die man in Presseillustrationen nicht mehr oft sieht. Die Einladung läuft für drei oder vier Wochen, in denen du ein Bild pro Woche machst. Es ist heute in der Presse außergewöhnlich als Illustrator - ich spreche nicht von Pressekarikaturisten - eine solche Bühne zu bekommen. Von Illustratoren, so habe ich den Eindruck, erwartet man Bilder, die dekorativ sind und keine Meinung vertreten.


Le Monde, 2015, Fahrverbot in Paris an abwechselnden Tagen, wegen Feinstaub 

Wer ist der beste Illustrator / Illustratorin der Vergangenheit, für den du dankbar bist?

Jacques Prévert und Max Ernst, aber das sind keine Illustratoren.

Erinnerst du dich wo du am 7. Januar warst?

Ich war im Atelier und den ganzen Tag von der Welt abgeschnitten, am Ende des Tages habe ich Facebook geöffnet und alle diese Profile entdeckt, die schwarz geworden waren, bevor ich verstand, warum. (Viele Franzosen haben an dem Tag ein schwarzes Quadrat als Profilbild hochgeladen oder den Satz Je suis Charlie auf schwarzem Hintergrund platziert.)

Libération, 2000, Festivalführer    


Ladyboy Project, 2013

Libération 2014, Sexuelle Belästigung in der U-Bahn von Lille


La Stampa, 2013, Buchauswahl zu Weihnachten 


Neujahrsgrüße 2014


Le Monde, 2014, Trennung von Religion und Staat an der Universität


Nautilus, 2014


Neujahrsgrüße 2015

Titel Bildmotiv: Chloé Poizat, Le Monde, 2015, Drohnen über Paris 

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