Comische Kinderbücher / »Lilli packt alle ihre Kinder in den Wagen und geht zu Comic Sans«

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Die unter Typophilen best gehasste Schrift Comic Sans, hat in Kinderbüchern durchschlagenden Erfolg. Auf jedem Computer verfügbar und trotz naivem Outfit mit einer gewissen Neutralität ausgestattet, hat diese Systemschrift scheinbar wirklich das Zeug dazu bei 'Profis' und 'Laien' gleichermaßen Verwendung zu finden.

Ich habe einfach mal vier Kinderbücher meiner Tochter aus dem Regal gefischt. Zwei, bei denen diese niedliche Schrift auf dem Cover prangt und zwei, die sie als Textschrift verwenden. Alles jüngere Publikationen, bei denen mir vor allem eines auffällt: Der Kontrast zwischen professioneller Kinderbuchillustration und einfallsloser Typografie.

'Ich bin ich' riesengroß in Comic Sans auf eine Titelillustration gesetzt ... das tut schon weh. Wenn ich der Grafiker gewesen wäre, hätte ich eher meine Tochter mit dem Schriftzug beauftragt oder mich zumindest inspirieren lassen und selbst einen Stift zur Hand genommen. Abgesehen davon, es gibt weiß Gott genügend bessere Fonts, die hier in Frage kommen!

Wenn ich von diesen Büchern nicht auf dem Titel mit solchem Fastfood konfrontiert werde, darf ich zumindest den im Inhalt befindlichen Text in Comic Sans lesen und fühle mich dabei wie der Kleine, der gegen seinen Willen von der Tante abgeknutscht wird.
Man könnte meinen, diese Bücher seien alle von einem bösen Comic Sans-Verlag, der Illustratoren abzockt und die Typo dann selber draufknallt. Aber Fehlanzeige, sie kommen alle von unterschiedlichen Verlagen. Das riecht eher nach einer Comic Sans-Verschwörung der Kinderbuchindustrie!
Nein, im Ernst, ist das Misverhältnis von Illustration und Typo etwa auf zu kleine Budgets zurückzuführen? Man muß ja sparen wo man kann! Letztendlich werden Kinderbücher nicht für Typografen gemacht, die auch noch Kinder haben. Das wissen auch Verlage. Meine Frau zum Beispiel, hat mit dieser Schrift kein Problem und die Bücher sind ansonsten eigentlich ganz gut.
Immerhin, in einem der Bücher wird sie im Impressum erwähnt ... Schrift: Comic Sans.
Das nenne ich Liebe zum Detail!
Cheese!

Lars

Die Comic-Sans ist wie die Arial. Zu dem Thema fällt mir die JUST LEFT HAND (Designer: Just van Rossum, 1990, FontFont) ein: Ein Font welcher all zu oft für "handgeschriebene" Kommunikationsinhalte verwendet und gefoltert wurde. Zwar ist dieser Font gut gestaltet, ersetzt aber nicht die Originalität und den Mut einer eigenen Handschrift. Den Font gibts übrigens auch schon für umme. Für alle Faulen:

http://www.free-font-download.com

nike

bei kinderbüchern ist die kluft zwischen guter und schlechter typografie unglaublich.

einige bücher sind fantastisch typografiert und andere sind nicht mal in der lage einen sauber zu spationieren.

Lene Steinmann

Es ist wirklich schade, dass hier die nunmehr unbegrenzten Möglichkeiten der Schriftwahl nicht ausgenutzt werden. Beobachtet habe ich das Phänomen "Comic Sans" übrigens auch bei Esoterikern, Heilpraktikern und Sozialpädagogen...

Digibo

Sehr oft wird die Comic Sans auch bei jeder Art von Verein eingesetzt. Ich habe früher eine zeitlang ehrenamtlich für einen "Verein für Freizeit- und Naturerlebnisse" das Programmheft gestaltet, Paul hat die Illus dazu beigesteuert. War echt eine runde Sache. Leider wurde dann bei jeder Ausgabe die Comic Sans gefordert, ich habe immer kämpfen müssen, um andere Schriften verwenden zu dürfen. Irgendwann war mir das dann zu blöd. Jetzt setzen sie ihr Heft selber im Word mit Comic Sans als Brotschrift und alle sind glücklich.

thomas

Den Font gibts übrigens auch schon für umme.

Das hätte mich schon schwer gewundert. http://www.free-font-download.com ist eine Suchmaschine für umsonst. Aber bezahlen muß man für eine Lizenz derFF Just Left Hand natürlich trotzdem. Also, macht Euch keine Hoffnungen Ihr 'Faulen', Comic Sans ist für Euch immernoch die erste Wahl! :-)

Es mag ja des öfteren vorkommen, das Grafik-Designer nicht mit einer Handschrift gesegnet sind, die für einen Buchtitel geeignet ist (Das ist so ähnlich wie mit dem Singen, wenn man auf einmal ein Mikrophon vor sich hat). Andererseits ist eine Handschrift tausendmal authentischer als ein Handwriting-Font und unter Umständen ist ein gewisser Makel das eigentliche Moment, das einen Schrftzug richtig gut macht! Darum möchte ich Lars beipflichten: Es wäre schön, wenn Grafiker in solchen Fällen mehr Mut hätten! So viele interessante und schöne Sachen könnten entstehen ...

Digibo

Eigentlich wäre es ja auch toll, wenn die Illustratoren selber Hand anlegen würden und extra Schriften für ihre Bücher zeichnen würden.

Bestes Beispiel:

Andre Rösler, Kannst du brüllen (Peter Hammer Verlag)
Kannst du brüllen

Die Schrift "Brüll" als Freefont von Volcano Type (ohne Lizenzblödsinn):
Brüllfont

Nick Tornado

> Ja, wenn man sich eine Weile damit beschaeftigt und vom Kunden genug Zeit bekommt, um eine Handschrift zu entwickeln, dann finde ich das wunderbar. Vor allem auch Illustratoren sind da gefragt, die haben ja im Idealfall schonmal einen ganz guten Strich. Insgesamt ist das wieder ein schoener Fall vonb "zurueck zum Bleistift", und das find ich doch schonmal gut. Generell ist es aber halt, wie die Illustration, ein Handwerk, das nicht zu unterschaetzen ist und Zeit braucht.

> Bei Illustration eine "organische" Schrift dazuzusetzen ist gaengige Methode, aber nicht die einzige Loesung. Manchmal ist auch der Kontrast ganz schoen. Ich denke, das kann man nicht generalisieren. Kinderbuecher koennen auch in einer schoenen Grotesk gesetzt sein, vor allem wenn die Illus sehr expressiv sind und schonmal viel Aufmerksamkeit erregen. Wenn dann auch die Schrift laut ist, dann wird's manchmal auch zu laut.

> Ich bin insgesamt kein Freund von digitalen Handschriften, weil es halt immer irgendwie ein Fake ist. Wenn es aber dann schon digital gemacht wird, ist die Comic Sans gewiss die Arial der Handschriften. Es gibt soviele andere... (Siehe auch den Bericht ueber Comicraft in diesem Blog, oder die Bruell, klar) Somit ist es ein Fall von fehlendem Interesse der jeweiligen Agenturen, sich einen netten Fond-Fundus fuer solche Faelle anzulegen. Oder setzen sie ihre anderen Jobs auch in Systemschriften? Der Geschaeftsbericht in Arial? Die Visitenkarten in Geneva? Au weia.

melissa rogg

Ich bin Grafikdesign-Studentin und was wir als allererstes gelernt haben war:
benutzt kein Microsoft Word
und
NIEMALS COMIC SANS!
und das hat auch seine Gründe. Die Schrift mag vielleicht für Kinderbüche naher liegen. Allerdings, es hat auch einen Grund, warum sie COMIC sans heißt. Ich glaube keiner der Buchautoren oder Illustratoren möchte sein Kinderbuch als Comic deklariert bekommen.
Meine Semesterarbeit dieses Semester war ein Kinderbuch. Und ich habe eine klassische Serifenschrift gewählt, die Century. Gut lesbar und ein schönes Schriftbild.

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