GRINGO GRAFICO VS SAGMEISTER / zwei neue Erscheinungen im Hermann Schmidt Verlag

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Die einen sind jung, wild und neugierig, der andere ist längst ein Star, wenn nicht DER Star der Design Szene. Beide Bücher haben einiges gemeinsam, und doch trennt sie Welten. "On the road for food and fame!" lautet der Untertitel der beiden Deutsch-Gringos Benjamin Bartels und Maximilian Kohler. Fame ernteten sie bereits mit einem ADC Silber Nagel. Dafür waren sie auf der Walz, klopften auf ihrem Weg entlang der Panamericana an Türen von Agenturen und Büros, von Vancouver bis Peru.

Ebenso mutig wie das Unterfangen dieser Reise (es hat beide schließlich 10.000,- €und ettliche Nerven gekostet) sind die Verleger. Bertram und Karin Schmidt Friedrichs verfolgen seit Jahren einen sehr deutlichen Kurs. Durch das Verlagsprogramm führt ein roter Faden (beste Typografie, gute Gestaltung, perfekte Verarbeitung) und nur wenige Perlen fallen aus der Reihe. Vielleicht hat es nach dem nicht so erfolgreichen EBOY etwas länger gebraucht, um sich von diesem Schlag zu erholen und die Identität zu schärfen. Gringografico ist jedenfalls kein Buch welches ich in diesem Verlag vermutet hätte. Und das ist gut so. Kleine Überraschungen tun gut. Nur so wird Geschichte gemacht.
Zum Buch selbst: die Gestaltung ist eher old school (mir zu viel Tape, Klammern, Kollagen), zum Glück wirkt das plakative Gelb dem ganzen entgegen. DIe Storry ist sehr persönlich und einfach geschrieben. Gringografico ist sicherlich kein Stück Literatur. Aber eine Geschichte die so jung und naiv präsentiert wird, dass man den zwei Greenhorns (pardon) alles verzeiht und gerne die Tips und Tricks zum Leben, Reisen, Arbeiten etc entgegen nimmt.

Dass SAGMEISTER ein ganz anderes Kaliber ist, weiß inzwischen jedes Kind. Nach Carson und Brody ist er der neue Weltstar. Für den Verlag ein "sicheres Ding" – das Buch, in Lizenz gedruckt (erschien in USA bei Abrams), geht kurz nach Erscheinen bereits in seine zweite Auflage. Sagmeister begibt sich mit seiner Arbeit, ganz wie die Gringos, auf eine Reise, bei der es ihm jedes mal darum geht, neue Ausdrucksformen im Design zu finden. Was oberflächlich betrachtet wie eine Masche wirkt bekommt durch begleitende Texte eine gewisse Tiefe. Die Claims und Botschaften von Sagmeister werden nicht mit Satz- und Computer-Schriften geschrieben – nein – das wäre zu einfach. Es müssen schon Kakteen, aufblasbare Figuren, Zäune und microscopische Bildmontagen (LeadAward Gold 2008) sein. Und wenn es die Möglichkeit gäbe, Wolken am Himmel wirklich zu verschieben (und nicht im Photoshop), Meister würde es machen, sage ich. Wunderbarer, beneidenswerter Luxus, so viel Zeit und Geld zu haben um so arbeiten zu dürfen. Und keine Grafik zu machen, sondern Kunst. Die Klaviatur der Selbstinszenierung (die wahre Kunst in der Kunst) beherrscht Sagmeister dabei bestens. Und keiner wird sie ihm neiden, weil er dieses Spiel einfach sagenhaft gut beherrscht.

Things I have learned in my life so far
Dinge, die ich bisher im Leben gelernt habe
248 Seiten im Schuber
zu 15 Signaturen zusammengetragen, mit denen das lasergeschnittene Cover variiert werden kann
Text englisch
Format 24,1 x 17,1 cm
ISBN 978-3-87439-747-6

http://www.sagmeister.com/
http://www.thingsihavelearnedinmylife.com/
http://www.typografie.de/










nur ein Gast

Ich habe großen Respekt vor der Arbeit - aber gestalterisch ist Gringografico absolut grauenhaft. Wirklich furchtbar!

Poldi

Ich kann mich ja irren - aber gibt es das Sagmeister-Buch nicht schon seit anfang des Jahres und das Gringo gar noch länger?

Was mir am Sagmeister-Buch nicht so gefällt, ist die "Ungebundenheit". Beim ersten Betrachten fiel es auseinandern und war auch zunächst nicht wieder zusammenzu bringen ...
Der Rest ist natürlich erste Sahne ....

Julia

Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich Gringo Grafico in der Hand und fand die Arbeit wirklich interessant. So viele Stops, so viele Jobs, so unterschiedliche Menschen, die die beiden Autoren auf ihrer Reise entdeckt haben. Gestalterisch hat das Buch noch ein bisschne mehr zu bieten, als hier auf den exemplarischen Seiten zu sehen ist. Ich finde, das Design passt zu dem, was es ist: Ein Tagebuch des Roadtrips! Wenn ich mich recht erinnere ist das Papier auch sehr dünn und weist nach wenigem Hin- uns Herblättern relativ schnell Wellen und Knicke auf - das macht die Arbeit irgendwie noch authentischer.

An Sagmeisters neuem Werk gefallen mit besonders gut die verschiedenen Cover, die der Schuber bekommen kann, je nachdem, welches Heftchen auf dem Stapel oben liegt. So zeigt jedes unmittelbar die persönliche Verbindung Sagmeisters zu jeder Arbeit. Gefällt mir sehr gut. Ich freu mich, ihn auf der Typo zu sehen!

Gast

Komisch dass etwas so "furchtbar grauenhaft" gestaltetes einen silbernen Nagel beim ADC erhält! Kann ja so schlecht nicht sein! ;)
Ich finds jedenfalls großartig!

Jürgen Siebert

Die beiden Bücher sind clever gewählt für einen Vergleich, obwohl sie sich um Meilen voneinander unterscheiden. Aber der Beweggrund beider ist der gleiche: die eigene Entwicklung fördern und protokollieren. In der Literatur würde man sie vielleicht als »Entwicklungsromane« bezeichnen. Sagmeister macht das – ers berufserfahrener Mensch - auf fortgeschrittenem Niveau, Gringo Grafico gehen den Einsteiger-Weg. Zwei tolle Bücher unterschiedliche Zielgruppen oder, oder für jemanden, der seinen Weg noch nicht gefunden hat.

nur ein Gast

Der ADC ist keine ernstzunehmende Instanz um Gestaltung zu bewerten. Es ist völlig egal, wer oder was, wann, wie und wo beim ADC gewonnen hat. Verstehst du, es ist einfach nicht wichtig.

Und mich beeinflusst es in meinem Urteil nicht mal ansatzweise. Und wer sich ernsthaft von einem ADC-Nagel beeinflussen lässt, tut mir schon fast leid.

Das Wort "oldschool" aus dem Bericht trifft es schon ganz gut. Aber es ist nicht mal gut gemachte Oldschool.

Ich bleibe dabei: grauenvoll, furchtbar, schrecklich. Und nicht würdig für ein eigentlich so spannendes Projekt.

René

Ich finde es immer wieder beeindruckend wie Sagmeister es schafft mit Grafik Design mein Herz zu berühren.
Das ist sehr inspirierend und hält einem vor Augen was man alles bewirken kann mit seiner Arbeit wenn man authentisch bleibt, mit Herz bei der Sache ist und Haltung bewahrt.
Ich freue mich sehr auf seinen Vortrag in Weimar.

Übrigens, ein sehr schöner Beitrag den es zu lesen sehr viel Spaß gemacht hat.
Danke dafür.

Gatter

Gringo Grafico ist grafisch wirklich mehr als gelungen. Ein absolutes Ausnahmebeispiel, gefällt mir sehr gut.

Gast

gringo graffico rockt wie die sau! auf allen ebenen ein absoluetr sieg. ich hab das buch gelsen und mir gedacht: sowas hätte ich auch gern mal als touri trip gemacht.

sagmeister is king!

Gast

nur ein gast: Es ist traurig, auf welche Art und Weise du hier argumentierst. kann man irgendwo Arbeiten von Dir sehen?

Gast

"arbeiten von dir sehen" was für ein bescheuertes Argument... man kann durchaus erkennen wenn was schlecht ist auch wenn man es selbst nicht besser macht

nur ein Gast

Falsch, ich habe gar nicht argumentiert. Ich habe nur gesagt, dass ich es furchtbar finde. Zu dem "warum" sind wir ja noch gar nicht gekommen.

Arbeiten von mir kann man im Internet nicht sehen.

maxb

ob man irgendwo arbeiten von ihm sehen kann, ist doch egal. immer diese schwanzvergleiche.viel interessanter wären argumente, warum gringo grafico so schlecht oder auch so gut ist.

Gast

Gestaltung und Geschmack hin oder her - ich denke die Jungs von Gringografico haben ein grossartiges Projekt gemacht, das noch Viele nach ihnen inspirieren wird. Respekt fuer diese Leistung!
Andere hingegen ("nur ein Gast") haben bis heute noch nicht den Unterschied zwischen konstruktiver Kritik und flacher Beleidigung verstanden. Bewertungen die so platt und subjektiv daher kommen haben in so einem Blog eigentlich nichts zu suchen. Schade.

nur ein Gast

Genau das habe ich ja gesagt: "Ich habe großen Respekt vor der Arbeit." Es ist ein großartiges Projekt und eine tolle Idee.

Und wenn ich sage, dass ich die Gestaltung furchtbar finde, dann ist das keine Beleidigung, sondern eine Meinung. Und die ist genau so subjektiv wie das überschwängliche Lob, das man hier lesen kann.

Kommen wir doch mal auf die argumentative Ebene - was findest du/ihr denn gut? Warum ist das "grafisch wirklich mehr als gelungen"?

Ich sage auch gerne, was ich schlecht finde - allerdings nur in kurzer Zusammenfassung:

Man schlägt das Buch auf, und es springen einem schlecht gesetzte Texte entgegen. Mal einspaltig, mal zweispaltig, mal mit Fehlern (Leerzeile/Einzug - siehe Seite 6 auf der Website). Dazu kommt die Foto-Ebene: Hier hat man keine Lösung gefunden - die Fotos werden je nach Laune präsentiert. Mal gerade, mal schräg, mal hier, mal da... Insgesamt ein chaotisches Layout, wo ich mich gefragt habe: Warum? Welchen Sinn hat es, seine Inhalte hinter so einer Gestaltung zu verstecken?

Dazu kommen willkürliche "Grafiken". Oder sagen wir Dekoration. Ja, ein klassischer Fall von Designer-Deko - auch hier ohne erkennbares Konzept. Kombiniert ist das ganze mit diesen Tape- und Klammerbildchen - abgesehen davon, dass das gestalterisch eher zweifelhaft ist, frage ich mich auch hier: Wozu? Warum macht man so etwas? Wenn die Fotos mit Tape rein geklebt werden sollen, dann NEHMT TAPE UND KLEBT SIE. Oder gibt es einen Grund dafür, so einen Effekt zu simulieren? Wenn es dafür keine Begründung gibt, dann haben wir es auch hier wieder mit Designer-Deko zu tun.

Aber das ist eigentlich alles nebensächlich. Der entscheidende Punkt ist: Warum haben die beiden gestalterisch komplett ihren Inhalt ignoriert?

Das erste, was ich bei Betrachten dieses Buches gedacht habe ist: Warum bitte schön sieht das aus, wie ein 90er-Jahre-Designbuch? Warum sieht das überhaupt so "gestaltet" aus? Wenn man sich über Monate den Inhalt so hart erarbeitet, sollte man eine gestalterische Form wählen, die dem Inhalt gerecht wird. Wenn es eine Art Reisetagebuch ist ("Roadbook"), dann wäre es ein spannendes Projekt gewesen, wenn man - auf Grundlage bekannter Reisetagebücher - eine neue Form dieser Buchform gefunden hätte. Warum wählt man eine Präsentationsform, die nichts mit dem Inhalt zu tun hat? Das ist die typische Art von Buch, bei dem man sich fragt, warum der Gestalter sich so in der Vordergrund rückt...
Also wäre meine Frage an die, die das Buch so gut finden: WARUM sieht das Buch so aus?

René

Zitat: "Wenn die Fotos mit Tape rein geklebt werden sollen, dann NEHMT TAPE UND KLEBT SIE. Oder gibt es einen Grund dafür, so einen Effekt zu simulieren?"

Hmm, also ich würde mal ganz Blauäugig sagen, aus Kostengründen bzw. wegen zu hohem Aufwand.
So eine Stofftasche zum Buch zu Produzieren ist schon eigentlich kaum bezahlbar.
Ich hatte es so verstanden (korrigiert mich wenn ich falsch liege) das es so aussieht, weil die beiden tatsächlich mit so einer Stofftasche unterwegs waren und eben in der Zeit auch so ein Buch hatten, in dem alles ungeordnet (ohne Gestaltungsraster) gesammelt wurde.
Ob man das jetzt gut findet in der Exekution oder nicht, so ganz grundlos kommt die Gestaltung nicht daher.

Gast

Ich finde eigenlich gerade DASS Inhalt und Gestaltung bei diesem Buch sehr gut zusammen passen. Denn so stelle ich mir ein Roadbook vor. Spontan, nicht clean, auch mal chaotisch, ja -auch mal selbstgemacht und einfach. Handgezeichnet, skizziert, angedeutet. Ein durchgestyltes Designerbuch mit cleanem Layout oder experimenteller Typographie haette hier meiner Meinung nach nicht gepasst. Dieses Buch ist ein gelebtes Abenteuer. Da verzeihe ich auch gerne kleine Fehler oder simulierte Klammern. Dieses Buch ist ehrlich und rough. Ich finde es zeigt Mut - von den Jungs, genauso wie vom Verlag Hermann Schmidt. Ein Buch das unerwartet ist und sicherlich auch kontrovers - weil es sich eben nicht einreiht zwischen die anderen achso schoenen Designbuecher, bei denen eine tolle Typographie so manches mal ueber mangelnden Inhalt wegtroestet.

Gast

die sagmeister-veröffentlichung muss man eigentlich als freie kunst bewerten (was soll sie sonst sein?). als solche ist sie recht läppisch: banalitäten mit dem uralten schrift-kann-man-auch-aus-gegenständen-formen-gag aufgepeppt.

irgendwie habe ich die ahnung, dass die trend-lemminge, die derzeit gedankenlos vor sagmeister niederknien, in ein paar jahren sagen werden, dass das ja alles gnadenlos überschätzt worden ist. so wie bei carson. dann kann man wieder sagen: nee, war schon vieles ziemlich gut, damals, am anfang.

nur ein Gast

"Denn so stelle ich mir ein Roadbook vor. Spontan, nicht clean, auch mal chaotisch, ja -auch mal selbstgemacht und einfach. Handgezeichnet, skizziert, angedeutet."

Es ist aber clean. Es ist ja alles Computer - Computer-Typo, sogar Computer-Tape. Vektor statt Spontanität. Es ist nicht selbstgemacht und einfach: Es ist hochwertig und - um dein Wort zu benutzen - clean. Wäre es wirklich handgemacht und chaotisch, wäre es vermutlich besser.

"Ein durchgestyltes Designerbuch mit cleanem Layout oder experimenteller Typographie haette hier meiner Meinung nach nicht gepasst."

Aber genau das ist es doch: Ein durchgestyltes Designerbuch. Von Designern für Designer. Langweilig.

"Dieses Buch ist ehrlich und rough."

Inhaltlich schon. Gestalterisch wird eine Busfahrt durch 2 Kontinente durch lustige kleine Grafiken und gelbe Farbe "aufgehübscht".

"Ein Buch das unerwartet ist und sicherlich auch kontrovers - weil es sich eben nicht einreiht zwischen die anderen achso schoenen Designbuecher, bei denen eine tolle Typographie so manches mal ueber mangelnden Inhalt wegtroestet."

Unerwartet - na ja.
Kontrovers - eher nicht.

Der Inhalt ist so eine Frage... tolle Idee, aber irgendwie auch total überflüssig.

Gast

"Hmm, also ich würde mal ganz Blauäugig sagen, aus Kostengründen bzw. wegen zu hohem Aufwand."

Die beiden machen auch von Hand die ganzen Buttons auf die Tasche... am Aufwand kann es also nicht liegen.

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