King's Cross - Typographische Geschichte(n) / Erzählt von Jonathan Barnbrook

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Der Goodsway ist eine hässliche Industriestraße, unweit des Londoner Verkehrsknoten-punkts King's Cross. Zu Fuß kommt man hier selten vorbei, und wenn doch, dann spaziert man auf viel zu engen Bürgersteigen von einer Baustelle zur nächsten und kann zusehen, dass man im englischen Regen nicht von allzuvielen vorbeirasenden Autos naßgespritzt wird. “Fies”, denke ich, und verabrede mit mir selbst, solche Abkürzungen in Zukunft tunlichst zu vermeiden – vor allem alleine und im Dunkeln. Ein blöde Verabredung, zumindest kommt mir das heute so vor. Denn wäre ich gestern abend nicht den häßlichen Goodsway entlangspaziert, hätte ich schießlich nicht diese Werbetafel gesehen.

Dass es sich überhaupt nicht um Werbung handelt, erzählt mir Google erst, als ich zuhause bin (ich habe garkein Smartphone...). Ein Projekt von Jonathan Barnbrook und seinem Londoner Studio ist dieses Billboard, eine typographische Umsetzung der Geschichte (n) von und über King's Cross, jenem gräulich-versmogten Areals, dass die St Pancras International Railway Station umgibt.

Den Ansatz könnte man etwas geschwollen als geophilosophisch beschreiben. Laut Barnbrook geht es nämlich nicht nur die historische Entwicklung des Gebiets an sich, sondern auch um deren Bedeutung für die Identität des ganzen Landes. Großbritannien sei ja schließlich garkeine Insel mehr, jedenfalls nicht im engeren Sinne, erklärt Barnbrook auf seinem Blog. – Und das nicht zuletzt durch King's Cross, besser gesagt durch die seit 2007 in St Pancras International ein- und ausfahrenden Eurostar Züge, die eine konstante Verbindung zum europäischen Festland herstellen.

Das ist nur eine von zahlreichen Ideen und Motiven, auf die das Billboard typographisch Bezug nimmt. Einige weitere: Der Fluss namens Fleet, der hier einst floss und heute lediglich einen Teil der Kanalisation darstellt. King's Cross als “Battle Bridge”, eine alte Bezeichnung, die auf Schlachten in den Zeiten der Römer zurückgeht. Die Legende der keltischen Heerführerin Boudica, die besagt dass diese unter den Bahnsteigen der St Pancras Station begraben liegt. Das zerstörte Denkmal King Georges IV, das King's Cross einst seinen Namen einbrachte. Die St Pancras Church, Grabstätte der Mutter von Mary Shelley, der Autorin Frankensteins, und Kulisse der Promo-Photos zum Beatles-Hit “Let it be”. Und so weiter und so fort...

Eine kleine typographische Geschichte von Anekdoten, Meilensteinen und Wendepunkten also. Ein Portrait der Veränderung und des Fortschritts. Deshalb steht das Billboard wohl auch am Rande des hässlichen Goodsway, inmitten dutzender Bausstellen des billionenschweren Grund- und Immobilienplanungsprojekts “King's Cross Central”: Hier sieht es zwar nicht jeder. Aber hier macht es irgendwie am meisten Sinn.

Bernd 24 h

Sehr schöne Wegbeschreibung.
Durch Londoner Nebenstraßen bei Nacht.
Und dann auch noch auf ein Barnbrook-Typo-Schild stoßen.
Auf meiner letzten Nachtwanderung (Gegend: Docklands – wo das HSBC-Glashochhaus die benachbarten Reihenhäuser wegfrisst) stand auf den Hinweisschildern: PARK CLOSED, PUB CLOSED, ROAD CLOSED, NO TRESPASSING.
Das alles in einer Art GILL SANS.

AH

Statt »Billboard« könnte man z. B. auch »Plakatwand« oder »Werbetafel« sagen.

Der keltische Heerführer Boudica war eine Frau. Soviel zur Überlegenheit der englischen Sprache.

Anna Sinofzik

Stimmt, eigentlich ist "Werbetafel" ein schöneres Wort. Korrigiert (wenn auch spät...).
Und danke für die Berichtigung bezüglich der Heerführerin..

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