Interviews

Laure Dorin / French Illustrators Special

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Paris hat 2,2 Millionen Einwohner, 47 Millionen Touristen besuchen jährlich die Stadt. In der großen Metropole sind die Redaktionen aller wichtigen französischen Zeitungen und Zeitschriften angesiedelt, die großen Werbeagenturen haben hier ihre Büros. Viele der besten französischen Grafikhochschulen und Hochschulen für Buchgestaltung locken Studenten nach Paris. Und natürlich hat Paris eine lebendige, professionelle, international vernetzte Design-Szene, die wir euch im SLANTED Magazin #25 – Paris  vorstellen. Spannend ist auch die Arbeit der Pariser Illustratoren und Illustratorinnen, die wir euch mit einer Serie hier auf dem Blog präsentieren.

Laure Dorin ist 31 Jahre alt und lebt in Paris. Sie arbeitet als Illustratorin und Motion Designerin für Kreativagenturen und Agenturen für digitale Medien. In Deutschland sind vermutlich ihre Beiträge für die ARTE-Sendung Karambolage am bekanntesten. Mit rund 40 kurzen Sendungen pro Jahr erklärt das Programm den Franzosen deutsche Besonderheiten und den Deutschen französische Eigenheiten. Wo macht die deutsche Kanzlerin Urlaub und wo der französische Präsident? Laure hat auch im Team der neuen Revue Citrus gearbeitet, einer eigenwilligen Zeitschrift, die sämtliche Themen ausschließlich von Illustratoren bebildern lässt und derzeit zu den spannenderen Experimenten in der französischen Publizistik zählt. Laure Dorin hat 2008 ihren Abschluss an der Ecole supérieure des arts décoratifs de Strasbourg gemacht. Sie wird vertreten von Agent002

Was war dein schönstes Illustrationsprojekt bisher? 

Ich habe sehr gerne die Animation Der Rettich / Le Radis (Karambolage 2014) gemacht. Ich habe die Animation praktisch ohne Hintergrund konzipiert, nur wenige Gegenstände kommen auf die Bühne, so dass die ganze Aufmerksamkeit auf den Rettichen ruht. Dadurch konnte ich die Animation ziemlich schnell fertig stellen und dabei die Spontaneität bewahren. Ich mag es Gegenstände als Personen zu gestalten, so wie in Der Sauternes-Wein / Le Sauternes (Karambolage 2014).

Wo hast du an dem Projekt gearbeitet? 

Seit drei Jahren habe ich meinen Schreibtisch in Gemeinschaftsateliers. Zu dem Zeitpunkt habe ich in den Räumen des Verlags L’Agrume gearbeitet. Es wurde für alle auf 30 m2 schließlich zu eng, aber ich habe es geliebt – die Betreiber dieses Verlags sind wunderbare Leute. Sie bringen die Revue Citrus heraus, an deren Ausgabe Faits divers ich kürzlich mitgearbeitet habe. Mein Atelier ist immer der Ort, wo ich am liebsten arbeite, der Ansporn in der Gruppe erlaubt es effizienter zu sein und mich über meine Projekte auszutauschen. 

Was ist das beste Werkzeug für die Animation? 

Für mich ist das die Software Adobe After Effects. Aber das hindert mich nicht Bleistift und Papier zu verwenden, um meine Storyboards zu zeichnen.

In welcher Projektphase arbeitest du gerne mit anderen? 

Ich arbeite gerne mit anderen und würde es gern öfter tun! Für die Konzeption arbeite ich oft mit Projektverantwortlichen, Regisseuren oder Redakteuren zusammen. Bei ARTE gibt es immer einen Autor der systematisch an den Texten meiner Animationen arbeitet. Die Illustrationen selbst habe ich bislang immer allein gemacht. Auf dieser Grundlage vertraue ich dann die Produktion der Animation anderen an. 

Ist die Arbeit für ARTE leicht? 

Mir scheint die Arbeit leicht, weil es immer sehr gut gelingt und Karambolage mir viel Freiheit lässt. Claire Doutriaux beherrscht den Inhalt ihrer Sendung perfekt und dank ihrer und ihrer Mannschaft konnte ich meine Figuren entwickeln und die Qualität der Übergänge verbessern. Die Korrekturen die sie von mir verlangt, sind immer sehr gerechtfertigt. Oft kann ich zwischen mehreren Texten der Karambolage-Autoren wählen, teile dann den Text in seine Höhepunkte auf und versuche eine starke Idee zu finden, welche die gesamte Animation durchzieht. Für Der Salatteller / L’assiette à salade (Karambolage 2012) wollte ich ein Motiv erarbeiten, das Frankreich und Deutschland unterscheidet. Bei Das Ehefähigkeitszeugnis / La capacité matrimoniale (Karambolage 2013) war der Text recht formell, darum habe die ganze Animation auf der Idee von Challenges in einem Videospiel aufgebaut. Wenn ich einen roten Faden gefunden habe breche ich das Storyboard herunter und bearbeite das lange mit meiner Farbpalette. Auf sie verlasse ich mich, um eine Einheit in der Animation zu bewahren.

Bist du die einzige Grafikerin für ARTE Karambolage? 

Nein, weit davon entfernt. Karambolage hat seit Gründung der Sendung mehr als 60 Grafiker gehabt und es gibt derzeit mindestens 20 die daran arbeiten. 

Wie ist der beste Illustrator / Illustratorin der Vergangenheit? 

Ich fühle mich angezogen von sehr farbigen Bildern, wie den Zeichnungen von Mary Blair für Walt Disney, den Aquarellen von Brecht Evens, den Bildern von David Hockney. Einflüsse sind die Videospiele meiner Kindheit, russische Trickfilme (Das bucklige Pferdchen), alte Drucke, altmodische Lehrbuchbilder,  Illustrationen der 1950er-60er Jahre, japanische Holzschnitte, der Jugendstil, konstruktivistische Plakate, Klimt, Raoul Dufy und andere.

Erinnerst du dich wo du am 7. Januar warst? 

Ich war in meinem Atelier, bei der Arbeit. Ich bekam eine SMS von meinem Bruder, der sehr besorgt war und mir sagte dass ich nicht rausgehen soll. Ich lebe und arbeite im 11. Arrondissement, nicht weit von den Redaktionsräumen von Charlie Hebdo. Ich habe sofort das Radio angemacht und nach und nach die Nachrichten verstanden, dann kam die Bestätigung der Todesfälle. Wie viele Illustratoren war ich sehr betroffen durch den Verlust dieser Größen der Illustration, so als hätte ich sie selbst gekannt. Und natürlich habe ich dann drei Tage lang ununterbrochen Nachrichten gehört angesichts der Wendung die die Ereignisse genommen haben.

 

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