Mit einer Party während der Indiecon kam unlängst die neue Ausgabe der »nicht jetzt!« heraus. Das monothematische Magazin, das nur alle eineinhalb Jahre erscheint, ist das Prunkstück des Editorial-Bereiches an der HAW Hamburg und wird von Designstudenten dort redaktionell wie gestalterisch entwickelt und bis zum Druck geführt. Jede Ausgabe erhält ein komplett neues Layout. 

Die Ausgabe, wie schon beim letzten Mal zweisprachig (deutsch und englisch), wartet wieder mit zahlreichen gestalterischen Besonderheiten auf: Außen ist sie von einem spiegelnd-durchsichtigen, dunkel gestreiften Kunststoffschuber umschlossen. Beginnt man ihn abzuziehen, blinken und tanzen die großen Lettern auf dem Titelblatt. In einer Art Wackelbild-Animation zeigt sich so das Heftthema »Dazwischen«, bzw. »In Between«. 

Das Heft ist ebenso bild- wie textreich und ist, anders als viele andere Publikationen aus Kunsthochschulen, kein Portfolio-Magazin. Stattdessen wird erzählt und berichtet. Dabei zahlt sich der stark ausgebaute Fotografie-Bereich im Kommunikationsdesign an der HAW aus, da die gesamte Bebilderung in guter Qualität aus dem eigenen Haus bestritten werden kann. Gleiches gilt für die Illustratoren aus dem renommierten Studiengang dort. 

Thematisch lotet die Ausgabe verschiedenste Arten von Grenz-, Übergangs- und eben Zwischenbereichen aus. Es geht um wichtige Entscheidungen im Leben, um örtliche und psychische Grenzzonen, um das Vermischen von Realität und Traum oder um die Ungewissheit zwischen dem Sicheren. Entstanden sind vor allem Reportagen, Essays und Porträts. Sie geben Einblick in sogenannte Hinterhofmoscheen in Deutschland und den muslimischen Alltag dort, zeigen Bilder von kahlköpfigen, geschichtsvergessenen Jugendlichen in der polnischen Kleinstadt Auschwitz oder von Flüchtlingen in Europa, die in Asylunterkünften in Italien und Hamburg auf ein neues Leben warten. Und unsere Klischees verschalten sich bei der Lektüre zu einem heilsamen Störfall, wenn wir einem skurrilen und erhellenden Gespräch zwischen zwei Freunden beiwohnen: einer Jude, einer Muslim, beide Araber, beide Israelis. Und – nebenbei – beide Designer. 

Erstaunlich wenig Design ist im Magazin der Designstudenten. Kaum mehr als ein Artikel handelt explizit davon, und zwar vom Wandel des Selbstverständnisses von Designern heute. Dafür berichtet die »nicht jetzt!« vom Selbstentwurf einer Transsexuellen als Venus und von einem Künstler, der für sich die Grenzen zwischen zwei Städten aufhob. Und sie zeigen Mode, die buchstäblich aus dem Stoff des Transitorischen gemacht ist, nämlich aus Sitzbezügen von U-Bahnen und Bussen.

Doch nicht nur auf, sondern vermeintlich auch zwischen den Seiten verstecken sich geheimnisvoll  Botschaften und Bilder: Planzeichnungen von Herrenhäusern und Ufolandeplätzen, still-private Bilder hinter den öffentlichen Posen der Dragqueen, Bildelemente, die wie ein Nachhall von Illustrationen aufscheinen, zartgraue Headlines in Deutsch hinter schwarzen englischen. Die Hamburger Studenten haben trickreich die japanische Broschur missbraucht: Wird diese Buchbindung sonst in edlen Fotobüchern eingesetzt, um jegliches Durchscheinen von Bildern zu verhindern, ist es hier genau umgekehrt: Durchweg sind die Rück- bzw. Zwischenseiten bedruckt und lassen eine kontrapunktierende zweite Stimme im gesamten Heft buchstäblich durchscheinen. 

Kontrastierend zum spiegelnd-glänzenden Material des Schubers ist das Magazin selbst in naturweiß und mit offener, weicher Oberfläche gehalten (Papier: Alster Werkdruck von Geese). Das Druckbild auf dem Dünndruckpapier ist bestechend: Zum Tragen kommt hier das seit 2013 verfügbare UV-Offsetverfahren, das auf offenem Papier eine bessere Farbsättigung und größere Kontraste ermöglicht. Besonders den dunklen Fotostrecken in der »nicht jetzt!« tut die differenzierte Zeichnung in den Tiefen gut. Das Heft ist fünffarbig gedruckt (Druck: Optimal Media in Röbel/Müritz) und hat 132 Seiten. Es ist klebegebunden, schlägt aber durch das dünne Papier gut auf. 

nicht jetzt! # 6 – Dazwischen

Gestaltung und Redaktion: Studierende des Studiengangs Kommunikationsdesign an der HAW Hamburg: Tayyib Yavuz Cayirli, Leigh Chen, Marta Górka-Feldmann, Lucie Gundlach, Dennis Gusko, Natalie Hoppe, Ottilie Karrer, Isabel Kiefaber, Timo Knorr, Madeleine Meixner, Sandra Polzin, Sophie Popp, Julia Schröder, Theresia Uhrlau, Hagar Wiskind, Sonja Witte
Herausgeber: Prof. Stefan Stefanescu, Urs Spindler und Malte Brenneisen
Veröffentlichung: 3. September 2016
Umfang: 132 Seiten
Format: 24 x 30 cm
Sprache: Deutsch, Englisch
Ausführung: Japanische Buchbindung, Kunststoffschuber, analoge Animation auf dem Cover, Umschlag in Klappenbroschur, Fünffarbdruck
Preis: 15,- €
 
Die Ausgaben »nicht jetzt! # 3 – Geschmack«»nicht jetzt! # 4 – Teilen« und »nicht jetzt! #5 – Mehr« sind auch im Slanted Shop erhältich! 

 

 

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