Peter Bil’ak: Mehr Typografie! / Donnerstag, 16 Uhr / Hall

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Peter Biľak ist Grafiker und Schriftgestalter, kommt aus der Slowakei und lebt im holländischen Den Haag. Für FontShop International gestaltete er mehrere Schriften und gründete schließlich seine eigene Foundry, Typotheque. Außerdem ist er Mitgründer des dot dot dot magazine und der Indian Type Foundry. 2003 entwarf Bil’ak eine Briefmarkenkollektion für die Königliche Post der Niederlande, die in einer Gesamtauflage von über 140 Millionen Exemplaren gedruckt wurde.

Biľak lehrt Typografie im Postgraduiertenstudiengang Type & Media der Königlichen Kunstakademie KABK in Den Haag und hält Vorträge zum Thema Graphic Design und Schriftgestaltung – wie hier auf der Typo Berlin. Heute ging es um Sprache, Modern Dance, Rhythmus und (natürlich) Schrift.

Unter dem Motto "Brauchen wir mehr Schriften?" ging Peter Bi`lak auf zwei große Themenkomplexe seiner Arbeit ein: Indische Schriften und Getanzte Buchstaben. Zuerst schlüsselte er die vielen Möglichkeiten zur Variation und Kombination beim Schriftenentwerfen auf. Dieses Vorgeplänkel wurde dann plötzlich weggewischt, fast als wäre das lateinische Alphabet nicht interessant genug, widmet sich Bi`lak nun der indischen Sprache. Ein unglaublich weites Feld, ohne festgelegte Standards, mit Unmengen an Sprachen, Formen, einer hohen Komplexität und reichen Kultur. Das Ziel ist, bedrohte Sprachen zu digitalisieren, damit nutzbar zu machen und zu bewahren. Zuerst muss man die Sprache verstehen, dabei arbeitet Bi`lak natürlich mit Indern zusammen. Es werden Handschriften gesammelt, verglichen, Formen definiert. Und dann digitalisiert. Ein hochkomplexer Prozess.

Während es bei den indischen Schriften um ein edles Ziel geht, ist die zweite Gruppe von Projekten extrem ästhetisch. Peter Bi`lak arbeitet mit Tänzern und Choreographen zusammen, er entwickelt Bühnenkonzepte unter anderem mit dem Nederlands Dans Theater. Er sagt, im Prinzip ist das Arbeiten für die Bühne wie das Arbeiten im Designbüro: Es geht um den Inhalt, das Konzept, das Finden des richtigen Formats um eine Botschaft zu übermitteln. Nun folgen wunderbare Beispiele. Oft sind Video und Tänzer keine Einheit auf der Bühne, sagt er, in seinem Stück visualisiert Bi`lak die Aktivität der Tänzer. Je nach Atmung, Herzrhythmus und Bewegung ändert sich die farbige Projektion, die den Tänzer umgibt. Oder ein anderes Stück. Hier wurde für ein Bühnenbild ein Raster entwickelt, nach dem Lichtröhren angeordnet werden. Bi`lak hat natürlich auch gleich ein Lichtröhren-Alphabet gemacht. Oder eine andere Arbeit sind ein Regular- und ein Bold-Schnitt eines Körper-Alphabets. Die Arbeit mit dem Körper fasziniert ihn. Der Tänzer tanzt Buchstaben, die individuell vorgegeben werden können (das gibt es auch als App! Es heißt Dance Writer.) Oder der Tänzer spielt mit seinem Schatten, auch hier entstehen Formen und Buchstaben. Ein letztes Beispiel: Ein Tänzer stellt sich in die belebte Fußgängerzone Den Haags und bewegt sich so langsam, dass die Menschen nicht erkennen können was er macht. Die ganze Zeit ist eine Kamera auf ihn gerichtet und spielt man nun den Film in 20-facher Geschwindigkeit ab, formt der Tänzer Buchstaben mit seinem Körper, während Menschenmassen an ihm vorbeirauschen. Surreal und unglaublich schön anzuschauen.
In Bi`laks Worten: The form you doing it is part of the message, not only the letters.

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