TYPO Berlin, Tag 1, 14 Uhr: Susanne Koelbl / Lauf!

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Die Münchenerin Susanne Koelbl ist preisgekrönte Auslandskorrespondentin beim Spiegel. Ihre mehr 70 Auslandseinsätze führten Sie in Krisengebiete wie Afghanistan, Pakistan, Nordkorea, Syrien, Irak, Iran, Sudan und an viele weitere Orte. Letzte Woche war sie noch im Kongo um den Präsidenten zu interviewen, heute ist sie schonn wieder hier. Mit ihrem Talk »Lauf« eröffnet sie um 14 Uhr in der Hall die Typo 2017.

Im ersten Teil ihres Vortrags spricht sie über das diesjährige Thema der Typo – »wanderlust« in Bezug auf ihre Arbeit. Sie fordert das Publikum auf sich zu melden, wenn sie nicht aus Berlin oder aus Deutschland sind. Fast das ganze Auditorium meldet sich. Auch sie ist sehr viel für ihre Arbeit unterwegs. Sie zeigt Bilder von Höhlen, in denen sich Osama bin Ladens Kämpfer verstecken oder aus Aleppo und aus Ländern, in denen Menschen eingesperrt werden, wie in Nordkorea.
Sie erklärt, warum sie ihre Komfortzone verlässt und in unsichere Gebiete fährt: »Was bedeutet es wenn Deutschland wieder in den Krieg zieht« – diese Frage treibt sie zu ihrer Arbeit seit den 90er Jahren an. Sie wollte dort sein, wo diese Dinge passieren, um dem auf den Grund zu gehen. Krieg – du zerstörst ein Leben um ein anderes zu retten. Was genau machen wir, wenn wir unsere Soldaten wir da hinschicken? Wie verändert sich dadurch die Geschichte? Ist der Einsatz das wirklich wert? All die Leben, all das Geld, das der Krieg kostet? Sie kann dem nur vor Ort auf den Grund gehen. Der Ort ist entscheidend. Auf welcher Seite befindet sie sich, von welcher Seite aus berichtet sie? Sie kann das entscheiden im Vergleich zu den Menschen, die dem Krieg ausgeliefert sind. Weder die Bevölkerung noch die Soldaten können sich ihre Situation oder auch ihr Schicksal aussuchen. Sie hört allen Geschichten zu – doch was ist richtig und was ist falsch, wer hat Recht und wer hat Unrecht? Wo keine Sicherheit ist, ist sie am Sichersten neben dem grausamsten aller Diktatoren. So bestimmt oft der Ort über ihr Schicksal. Das hat sie zum Wanderer gemacht.
Wieso wandern Menschen? Es ist das Streben nach Verbesserung der eigenen Situation, meint Susanne Koelbl. 2001 in Afghanistan gab es kaum Satellitentelefone aber heute haben die Menschen oft eher ein Mobiltelefon als Zugang zu fließenden Wasser. Ich kann über mein Telefon sehen, wie viel besser es anderen Menschen geht. Wenn sich Menschen sich in Bewegung setzen, geht es nicht nur um den Tod zu entrinnen, sondern das Leben zumindest minimal zu verbessern, einfach zu handeln, eine Lebensverändernde Entscheidung zu fällen. Sehnsucht trifft mit einer konkreten Chance aufeinander. Bewegung ist die Geschichte der Menschheit. Wir alle sind das Produkt unendlicher Völkerwanderungen und verschiedenen genetischen Erbes. Sie zeigt Bilder von eingesperrte Migranten in Libyen. Sie sagt, dass diese Migranten bares Geld sind. Für die Schlepper, die für die mögliche Ausreise Geld bekommen, für die Zwischenhändler, die sie als Sexsklaven oder an die Polizei verkaufen, für die Polizei, die sie festhält und nun gegen Geld wieder freihalten. Anschließend zeigt sie einen Film, den sie im Gefängnis gedreht hat, in dem die Inhaftierten von ihren schrecklichen Umständen berichten. Ihnen wurde ein besseres Leben in Europa versprochen, sie wussten von diesem Leben aus dem Internet, sie zahlten viel Geld für die Schleusung aber sie sind im Gefängnis geendet. Ihnen wurde ein Leben versprochen, dass vor Ort dann vielleicht nicht dem Versprochenen entspricht. Sie berichtet von einer konkreten und wahren Geschichte einer gescheiterten Flucht eines Nigerianers, den sie im Gefängnis in Libyen kennengelernt hat. Eine Flucht aus Gewalt, Schmerz und der Kommerzialisierung des Leids der Menschen. 

Wir leben in bewegten Zeiten, die Welt ist in Wandel, neue Freiheiten gehen nicht immer mit Sicherheit einher. Nicht alles, was versprochen wird, ist war. Am Ende stellt sie noch einen ihrer von ihr genannten jungen Poeten vor. Kinder zwischen 14 und 17 Jahren, die ihre Erinnerungen der Flucht poetisch verarbeiten. Er trägt zum Abschluss des Vortrages ein Gedicht vor. Ein Gedicht über seine schwere Flucht.

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