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WTF are you talking about? / Abschlussarbeit von Sascha Fronczek und Sven Lindhorst-Emme an der FH Bielefeld

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»Wie kommentieren und schreiben wir in einem Social-Network-Medium? Welche Qualitäten besitzen diese kurzen Textpassagen und wie verändern sich ihre Aussagen durch die Übertragung von einer Internetplattform in ein klassisches Buchformat? Wie viel »Macht« besitzt das Medium Buch und inwiefern beeinflusst seine Gestaltung die Inhalte?«, das fragen sich Sascha Fronczek und Sven Lindhorst-Emme, die sich damit in ihrer Abschlussarbeit beschäftigen.

Das Buch “WTF are you talking about?” ist das Endresultat eines zweimonatigen Experiments auf Facebook, welches sich aus folgenden Elementen zusammensetzt: erstens der Inszenierung eines fiktiven Magazins namens “WTF-Magazine” auf der Internetplattform Facebook, zweitens der Aufforderung zur interaktiven Mitarbeit der “WTF-Magazine”-Mitglieder auf Facebook an den angeblich für das Magazin vorgesehenen Inhalten und drittens der Zusammenführung der auf der Facebook-Seite des “WTF-Magazines” geposteten Kommentare, sowie deren Übertragung in die analoge Buchform.

Die von den Mitgliedern verfassten Äußerungen wurden bezüglich ihres Inhalts nicht verändert, sondern so übernommen, wie sie ihre Autoren in der Flüchtigkeit des Moments verfasst haben. Erst im Zusammenspiel mit der typografischen Gestaltung der Kurztexte und der klassisch anmutenden, hochwertigen Erscheinung des Buches, werden die kurzen Textpassagen der Facebook-Seite qualitativ aufgewertet und mit Nachhaltigkeit versehen.

“WTF (Abkürzung für “what the fuck”) are you talking about?” zeigt mit einem Augenzwinkern die schnelllebige, auf dem »Schuss-Gegenschuss-Prinzip« des Kommentierens basierende Art der Textproduktion, welche sich in den heutigen Gesellschaftsmedien bereits etabliert hat. Neu interpretiert und in ein anderes Medium übertragen, präsentiert “WTF” eine Momentaufnahme innerhalb der Internet-Community in völlig neuem Zusammenhang.

Das Spiel mit der Veränderung der Wahrnehmung von schriftlichen und visuellen Inhalten durch die Wahl des Präsentationsmediums war die Kernaufgabe, die sich die beiden Gestalter mit “WTF” gestellt haben. Massengenerierte Webinhalte, die aufgrund ihres flüchtigen Charakters als qualitativ geringer wahrgenommen werden, erhalten durch die Übertragung in ein nachhaltiges Medium eine scheinbar höhere Wertigkeit. Durch die Außengestaltung des Buches als antiquarische Rarität wird so augenscheinlich auch dem Inhalt eine größere Bedeutung beigemessen.

McLuhans These “The Medium is the Message” stellt für die beiden das zentrale Gestaltungsmerkmal des Bachelorprojekts dar.

Slanted: Welche inhaltlichen Themen hat das “WTF-Magazine”? Womit beschäftigen sich die Posts der Mitglieder?

“WTF-Magazine” auf Facebook hat sich mit allen erdenklichen Themen befasst, vom politischen Geschehen über Typografie und Design bis hin zu alltäglichen Text- oder Bildbeiträgen. Und genau das war uns auch sehr wichtig, um für unsere Bachelor-Thesis analysieren zu können, auf welche Themen unsere Mitglieder reagieren und wie sie sie kommentieren. Frei nach dem Motto “WTF are you talking about?”

Das heißt, wann immer wir etwas Passendes zum Thema “What the Fuck” entdeckt haben, ob News, Fotomotive oder Erlebnisse, wurde es für die Mitglieder auf Facebook gepostet. Die Mitglieder hingegen haben erstaunlicherweise kaum selbst neue Beiträge verfasst, sondern vor allem unsere Postings kommentiert. Das gab uns die Möglichkeit, spielerisch auszuloten, wie sich Reaktionen am besten provozieren lassen. Dabei haben wir festgestellt, dass offenbar Bild- mehr Anklang als Textbeiträge fanden. Vom einfachen »gefällt mir« bis zu längeren, dialogartigen Kommentarketten umfassten die Beiträge der Mitglieder dabei das typische Facebook-Verhalten.

Slanted: Wie hat die Community reagiert, als klar wurde, dass das Magazin nur fiktiv ist?

Erstaunlich positiv. Wider Erwarten hat uns niemand im Nachhinein den Vorwurf gemacht, von uns manipuliert worden zu sein. Vielmehr haben die Mitglieder meist schmunzelnd gesagt, dass sie mehr geschrieben hätten, wenn sie davon vorher gewusst hätten. Genau diese Geheimhaltung stand für uns aber im Vordergrund, damit die Mitglieder nicht versucht waren, bewusst für eine Buchveröffentlichung zu schreiben, sondern die Plattform Facebook auf authentische Weise benutzen.

Und gerade als die Mitglieder schließlich das fertige Buch in den Händen halten konnten, war der Zuspruch nochmals sehr groß. Die sofortige Suche nach den eigenen Kommentaren sowie die spontanen Diskussionen um Rekontextualisierung und Wertigkeit von Textbeiträgen aus Social-Mediaplattformen haben uns gezeigt, dass das Experiment “WTF are you talking about?” ein voller Erfolg war.

Slanted: Es gibt zur Zeit immer häufiger »Doppel-Bachelor«. Welche Vorteile hatte für euch die Zusammenarbeit? Gab es auch Schwierigkeiten?

Uns verbindet die Freude an der Buchgestaltung. Daher haben wir schon vorher viele Projekte, zumeist Bücher außerhalb des Studienkontextes, zusammen realisiert .Die Zusammenarbeit war deshalb sehr eingespielt, auch weil wir uns in unseren jeweiligen Herangehensweisen perfekt ergänzen. Zudem konnten wir so das Projekt auch etwas größer anlegen. Gerade während der zeitaufwändigen Betreuung des “WTF-Magazine” auf Facebook, war es gut zu zweit zu sein, denn jeden Tag musste die Community animiert sowie laufend um neue Mitglieder geworben werden.

In der darauffolgenden Gestaltungsphase des Buches konnten Ideen und Gestaltungsansätze besprochen, gegenseitig kontrolliert und kritisiert werden. Schwierigkeiten gab es bei uns nicht wirklich, natürlich wurde es in der Endphase auch mal hitziger, aber zumeist hat dies letztlich zu einem besseren Ergebnis geführt. Denn bei der Arbeit im Team muss man jede Idee und Entscheidung erklären, verteidigen und ggf. auch wieder verwerfen. Für uns und unser Bachelor-Projekt war diese Arbeitsweise äußerst hilfreich und auch erfolgreich.

Kontakt zu Sascha und Sven
www.saschafronczek.de / mail@saschafronczek.de
www.zweieck-design.de / sven@zweieck-design.de

Gast

GROSSARTIG! :-)

Stefan

Erst im Zusammenspiel mit der typografischen Gestaltung der Kurztexte und der klassisch anmutenden, hochwertigen Erscheinung des Buches, werden die kurzen Textpassagen der Facebook-Seite qualitativ aufgewertet und mit Nachhaltigkeit versehen.

Mit anderen Worten ist das gesamte Buch reiner Formalismus, der absolute Selbstzweck, Bibliophilie im Schafspelz … Okay, aber was genau ist jetzt die Erkenntnis aus der Bachelorarbeit? Es ist hübsch anzusehen (Typografie), der Inhalt ist äußerst trivial (Facebook-Kommentare); dass sich dies diametral verhält und trotzdem gegenseitig beeinflusst, dafür braucht es dieses Buch nicht. Also, WTF are you talking about? ;)

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