17.02.2011

Graphik, Film und Saul Bass

in , ,

Saul Bass hat eine ganze Reihe Logos und Unternehmensidentitäten geschaffen, und zwar nicht gerade unbekannte: Continental Airlines, United Airlines, Minolta, Geffen Records... Doch so erfolgreich derartige Designprojekte auch waren - Bass' eigentliche Leidenschaft galt dem Film. Dieser Leidenschaft verdanken wir die Vorspänne zu Alfred Hitchcocks “North by Northwest”, “Psycho” und “Vertigo”, den zu Stanley Kubricks “Spartacus”, oder Plakate wie das zu Kubricks “The Shining” und Otto Premingers “The Human Factor”.

In Hinblick auf das gewaltige Ausmaß an Filmplakaten und Titel Sequenzen, die Saul Bass vor allem im Laufe der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre gestaltet hat, ist die Ausstellung in der Londoner Kemistry Gallery klein. Klein, aber markant und ziemlich beeindruckend. Ein Großteil der gezeigten Plakate und graphischen Vorarbeiten zu Titel Sequenzen entstammt Saul Bass' eigenem Archiv, das zwei Jahre nach seinem Tod in die Hände der beiden britischen Designer Jim Northhover und John Lloyd gelangt war. Den Gründern des Londoner Design und Branding Unternehmens Lloyd Northover war über einen amerikanischen Agenten die Weiterführung des Bass'schen Studios in Los Angeles angeboten worden, das Bass' Partner Herb Yager nach dessen Tod im Jahr 1996 allein nicht mehr weiterführen, aber nun doch nicht komplett aufgeben wollte. Welchen graphischen Schatz sie da mit übernommen hatten, hatten Northhover und Lloyd erst einige Zeit später bemerkt.

An sich erstmal eine wunderschöne Überraschung. Nun stellt die verantwortungsvolle Archivierung eines solch graphischen Schatzes jedoch eine ziemliche Herausforderung dar, und so entschlossen die zwei nach einer Weile, Saul Bass' kreatives Vermächtnis an das Britische Film Institut zu übergeben. Bass selbst wäre wohl mehr als einverstanden gewesen, schließlich liebte er den Film und Bilder nach eingener Aussage noch mehr, wenn sich diese bewegten.

Ausgestellt sind seine Titelsequenzen hier nicht als bewegte Bilder, wie wir sie kennen, sondern als Stills und Storyboards. Bass plante wie ein Regisseur und es ist spannend zu sehen, wie er das tat. Nicht nur mit Schrift und illustrativen Elementen spielte er, sondern auch mit filmischen Mitteln wie Einstellungen und Kamerafahrten, und er tat dies mit einer Kunstfertigkeit, die Otto Preminger, Alfred Hitchcock und ähnlich renomierte Regisseure dazu veranlaßte, ihn nicht nur als Designer und Typographen, sondern auch als graphischen Berater am Set einzubeziehen. Saul Bass' Blick war der Blick eines Graphikers, der sich wie kaum ein anderer seiner Kollegen in das Medium Film einfühlen konnte.

Bass begriff die Graphik als integrales Elements des Films, beschrieb einen gelungenen Vorspann als inhaltsrelevanten “Prolog”. In der Umsetzung hieß das nicht selten, dass auch graphische und filmische Elemente zu einer künstlerischen Bedeutungseinheit verschwommen. Im Vorspann zu Hitchcocks “Vertigo” wird das Auge der Hauptdarstellerin Kim Novak zum graphischen Element, die spiralartig-geometrischen Liniengebilde zum Symbol der inhaltlichen Essenz des Films. Und die kinetische Typographie im Vorspann zu Psycho scheint nicht nur die gespaltene Persönlichkeit des Norman Bates, sondern auch den abgehackten Rhythmus der legendären Duschszene wiederzuspiegeln.

Dass Bass nicht nur Titel-Sequenzen kreieren, sondern einem Film auch beträchtliche visuelle Identität verleihen konnte, war bereits in frühen Beispielen seiner Arbeit für Otto Preminger deutlich geworden. Alfred Hitchcock, der in einem Interview mit Francois Truffaut angab, dass ihm die visuelle Gesamtwirkung seiner Filme im Grunde wichtiger war, als die eigentliche Handlung, hatte Bass nach der ersten Zusammenarbeit für “North by Northwest” gleich zweimal in Folge verpflichtet.

Saul Bass' Faszination für das Medium Film entsprach also wohl in etwa der Faszination der Filmschaffenden für seine Grafik. Nicht nur Regisseure wußten Bass' Arbeit zu schätzen, und so kam es, dass er immer wieder als Gestalter für Filmfestivals beauftragt wurde. In der Kemistry Gallery hängt ein kleiner Teil dieser Plakate, die auf den ersten Blick von seiner üblichen Handschrift abweichen. Hier arbeitete Bass photographisch anstatt illustrativ, experimentierte mit haptischen Materalien wie zum Beispiel Filmstreifen, baute graphische Collagen. Die Substanz seiner Arbeit liegt jedoch ganz klar in der Kraft radikal vereinfachter Formen, in seinen reduzierten Illustrationen, die laut seinem Partner Herb Yager den ganzen (anderen visuellen) Lärm zu durchschagen vermögen.

Drei der typischsten Motive aus Bass' Filmplakaten und Titel Sequenzen für Otto Preminger hat Jim Northhover, der ehemals unfreiwillige Besitzer der Exponate, herausgepickt, um zum Anlass der Ausstellung eine Serie limitierter Siebdrucke herzustellen: Die lasziv übereinandergeschlagenen Damenbeine aus “Such Good Friends”, das weinende Auge aus “Bonjur Tristesse”, und den (im eigentlichen Vorspann weißen und hier schwarzen) Arm aus “The Man with the golden Arm” können für je £72 sowohl in der Galerie, als auch online über deren Webshop erworben werden.

Die Ausstellung dauert noch bis zum 17. März.

Phil

Ach wäre ich doch gerade in London, ich wäre außerordentlich froh!

Post new comment

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Deine konstruktive Meinung und behalten uns vor, gehaltlose, persönlich verletzende und themenfremde Kommentare zu löschen.

Wenn Du nicht angemeldet bist, wird Dein Kommentar von der Redaktion zuerst geprüft und dann freigeschaltet.

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.