04.01.2011

Reverting to Type

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Ich möchte ein e kaufen. Das dachte ich ständig, und das, obwohl ich meine Lettern im überdurchschnittlich gut ausgestatteten “Letterpress Studio” des London College of Communication zusammensuchte. Meistens fand ich sie dann, irgendwo falsch einsortiert, in einem Setzkasten. Am Ende fehlte dann jedoch tatsächlich ein 10 Punkt kleines Baskerville d und ich konnte den A3 Druck nochmal von vorn anfangen. Meine Professorin schlug vor, “Constraint” doch als ” Driving Force of Creativity” zu sehen. Ein weiser Ratschlag, der mir in dem Moment jedoch herzlich unpassend vorkam...

Mit der “Letterpress Elective” wuchs mein Respekt vor denjenigen, die das Handwerk mit der notwendigen Engelsgeduld und auf mitunter faszinierende Weise nutzen. Ensprechendes wird momentan in der Londoner Standpoint Gallery unter dem Titel
Revert to Type ausgestellt.

“To revert to type”, das heißt soviel wie “in gewohnte Verhaltensmuster zurückfallen”. Die Kuratoren der Ausstellung, Grafiker Richard Ardagh und Schriftsetzer Graham Bignell, haben sich die Rückbesinnung auf die traditionelle Hochdruckpresse zum Thema gemacht und feiern ihr Comeback im zeitgenössischen Design. Eine neue Liebe zum alten Handwerk ist hier ja schon seit einigen Jahren zu beobachten, und die Theorie, dass der im Großen und Ganzen doch recht elektronische Design-Alltag analogen Medien neuen Reiz verleiht, scheint weiter verbreitet denn je. Doch obwohl die “Rückbesinnung” aufs traditionelle Handwerk “hip” ist, wäre es ein Trugschluss zu glauben, dass sich alle hier Ausstellenden erst jetzt “rückbesinnen”: Das Schweizer Buchatelier Markus Müller, das Londoner Studio Hand & Eye Letterpress oder der unter Druck-Enthusiasten längst legendäre Poster Shop Hatch Show Print aus Nashville, Tenessee, zum Beispiel, setzen sich bereits seit vielen Jahren intensiv mit der alten Satztechnik auseinander. Expertise wird bei Revert to Type groß geschrieben, das ist kaum zu übersehen.

Die Auswahl der Arbeiten ist vielfältig. Plakativ-flächige, farbenfrohen Drucke, hängen neben solchen, die an konkrete Poesie erinnern. Nietzsche-Texte (“Die Moderne Unruhe”, gesetzt von Markus Müller in Form einer Sanduhr), neben poppiger Persiflage (“LONDON IT'S NEAR PARIS AIN'T IT” oder “sexy of body, yet scared of the swimsuit”, ersteres von Hi-Artz Press, letzteres von Fraser Muggeridge Studio). Dass es neben Visuellem auch sehr um Kritik und Sprache zu gehen scheint, fasziniert mich persönlich besonders. Und dass die Kuratoren das Druckhandwerk im interdisziplinären Kontext darstellen: Vertreten sind nicht nur die üblichen Verdächtigen der Londoner Designszene (Catherine Dixon, Phil Baines und David Pearson, um nur eine kleine Auswahl zu nennen), sondern auch typographisch interessierte (und sichtlich talentierte) Künstler und Schriftsteller, wie der ansonsten eher plastisch arbeitende Stevey Scullion, oder Vikram Seth, Autor des überlangen Romans A Suitable Boy. Letterpress hat doch auch ein bißchen von allem, denke ich: Kunst, Design, Handwerk, Literatur. Und irgendwie ist es für mich gerade das, was seinen Reiz ausmacht.

Ein großer Teil der Drucke wurde in Zusammenarbeit mit New North Press produziert, dem äußerst feinen, seit 1986 bestehenden “Artisan Letterpress Print Studio”, dass von Reverting to Type Kurator Graham Bignell geleitet wird. Ich erkundige mich im Ausstellungshop (hier können handgedruckte Bücher und Weihnachtskarten, aber auch eine Reihe der ausgestellten Drucke käuflich erworben werden) und erfahre, dass sich die Druckerei im oberen Stockwerk, direkt über der Ausstellung, befindet. Keine fünf Minuten später steht Graham vor mir, um mir die Werkstatt zu zeigen.

Graham ist Drucker aus Leidenschaft, das merkt man an seiner Stimme, als er zu erzählen beginnt. Über das Ausstellungsprojekt, dass er schon seit mehreren Jahren geplant hat, über das Portfolio-Buch zum Thema “Letterpress and Contemporary Graphic Design”, an dem er momentan arbeitet, und an dem auch eine Reihe der im Rahmen von Reverting to Type ausstellenden Gestalter beteiligt sein werden. Meine kleine Führung durch das Studio, in dem Graham mit fünf Angestellten vor allem an Künstlerbüchern in Kleinstauflage arbeitet, wird untermalt von Anekdoten aus dem Druckereialltag (Auch Graham fiel kurz vor der Fertigstellung eines Projekts auf, dass ein Buchstabe fehlte. Nach verzweifelter Suche lieh er ein kleines p von Central Saint Martins College. Zuweilen nutzt er jedoch auch den Overnight Sevice der Gravur- und Lasercut Werkstatt seines Vertrauens). Ab und an wird das New North Press Studio von Grafikdesign Studenten des Chelsea College of Art und der University for the Creative Arts Epsom, genutzt, die auch mit einigen, überraschend professionell gefertigten Drucken auf der Ausstellung vertreten sind. Graham kommt regelrecht ins Schwärmen, als er berichtet, wie sehr sich die digital geprägten Nachwuchsdesigner für das traditionelle Medium interessieren. Womit wir wieder beim Kernthema der Ausstellung wären.
Reverting to Type zeigt, wie sich die manuelle Technik revitalisierend auf die gestalterische Arbeit auswirken kann. Das sagt jedenfalls Graham. Mittlerweile sind wir zurück in den Ausstellungsräumen. Fasziniert betrachte ich eins der Plakate des Schweizer Grafikers Dafi Kühne. Hier scheint die Rechnung traditionelles Handwerk + aktuelle Ideen = kreative Meisterleistungen ganz klar aufzugehen. Dafi nutzt die alte Technik auf seine ganz eigene Weise, kombiniert ihren antiken Charme mit exzentrisch-grellen Lasercut-Fonts und Photomotiven. Bedingungslos zustimmen kann ich Grahams Aussage trotzdem nicht. Dafür werden mir ein bißchen zu viele Plattitüden und Klischees bedient. (“Platt”, zum Beispiel: Ein Plakat von Hand & Eye Letterpress, dass ein wenig neunmalklug und auf visuell doch recht einfältige Weise über “Six Guidelines to Good Typography” informiert. “Durch”, zum Beispiel: das mitunter auf dem Reverting to Type Ausstellungsplakat recht altklug dahindeutende Handsymbol.)

Alles in allem verlasse ich die Austellung aber mit ganz viel Input im Kopf und einem ungeduldigen Kribbeln im Bauch. Ich glaub ich muss ganz dringend was drucken - Mit oder ohne kleinem d.

Reverting to Type
10. - 24. Dezember 2010 und 4. – 22. Januar 2011, täglich 10 bis 18 Uhr

Ein paar interessante Gedanken zum Thema fassen die beiden Kuratoren übrigens in einem kleinen Video zusammen.

Nig

Genial!

small caps

Toller Bericht, vielen Dank.

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