EVENT 2893

VON LETTERN UND LÜCKEN – Zur Ordnung der Schrift im Bleisatz

29.01.2010

Am 29. und 30. Januar 2010 findet vom Graduiertenkolleg Schriftbildlichkeit am Institut für Philosophie der FU Berlin eine sehr interessante Tagung statt.

Pressetext: Schriften organisieren ihre Sichtbarkeit, ihr Schriftbild in einer ihnen je spezifischen Weise; ihre ästhetische Präsenz ist deshalb nie rein dekorativ, sondern bietet einen privilegierten Zugang zu ihrer inneren Organisation. Thema unseres Workshops soll die Ordnung der Schrift im Bleisatz sein, welcher über lange Zeit synonym mit Druckschrift war. Seine beweglichen, einheitlichen Bleilettern haben Rezeption wie Reflexion der Schrift entscheidend geprägt, indem sie die Unterscheidung von konkretem Zeichenexemplar und abstraktem (Lettern)typus begünstigten und gedruckte Seiten (in Abgrenzung von der Handschrift) als ein geometrisches Raster aus Lettern und Lücken, litterae und lacunae, präsentierten.

Obschon Lettern ganz ohne Lücken kaum lesbar wären, wird unser Blick früh geschult, die Spatien im Leseprozess konsequent auszublenden und als neutralen Hintergrund ohne Bedeutung für die Sinnkonstitution zu sehen. Beim Setzen erweist sich nun aber, dass die Zwischenräume keineswegs leer sind, sondern Bleiteile mit Namen wie Blindmaterial oder Fleisch, welche deutlich genug auf ihre Materialität verweisen. Letter und Lücke erscheinen so nicht als Gegensatz, sondern als ineinander verzahnte, sich komplementär ergänzende Körper, wobei die Lücken sowohl analytisch (Wörter und Buchstaben voneinander abtrennend) als auch synthetisch (Buchstaben zu Wörtern und Wörter zu Sätzen verbindend) wirken.

So ergeben sich zwei Schwerpunkte für den Workshop: erstens die Spatialität der Druckschrift überhaupt, die sich fortsetzt in einer kreativen typographischen Gestaltung, welche ihre Aufmerksamkeit gerade auch auf die von der Schrift geformte und durchschnittene Fläche richtet. Zweitens werden diejenigen Lettern für die Fragestellung interessant, welche diese prinzipielle Lückenhaftigkeit auf die semantische Ebene transponieren und Lücken in der Textur markieren, etwa Auslassungszeichen und Gedankenstriche. Konkrete literarische Drucktexte im Bleisatz sollen so – von ihren Leerstellen und Lücken ausgehend - in Wort und Bild vorgestellt, neu gesehen und gelesen werden.

Freitag, 29. Januar 2010
13.30 Begrüßung
13.45 Thomas Fries (Zürich) Der weiße Zwischenraum
15.00 Susanne Wehde(München) Eine singt … Und singt. Auslassung und frei Fläche in Rilkes „Lieder der Mädchen“
16.15 Kaffeepause
16.45 Bettine Menke (Erfurt) Auslassungszeichen, Operatoren der Spatialisierung: – „Gedanken“strich (anhand von Jean Paul u.a.)
18.00 Christine Abbt (Zürich) Vom Lückenbüßer zum Kronzeugen. Das Auslassungszeichen
19.15 Pause
19.30 Christof Windgätter (Berlin/Wien) ChoreoGraphien. Farben, Flächen und Fonts in der Umschlaggestaltung
20.45 Empfang
 
Samstag, 30. Januar 2010
9.30 Begrüßung
9.45 Annette Gilbert(Berlin) Die 70 Gesichter des heiligen Textes. Die Lücken der Schrift in der jüdischen Tradition
10.45 Thomas Nehrlich (Berlin) Theorie und Praxis der Ligatur
11.45 Mittagspause
13.00 Rea Köppel (Berlin) Characteres und Schriftzüge. Ernestis Wol-eingerichtete Buchdruckerey und Goethes Abschrift
14.00 Bernhard Metz (Berlin) Absicht oder Versehen? Von »Gießbächen«, “Rivers of White” und « Lézardes »
15.00 Kaffeepause
15.30 Mareike Giertler (Berlin) In zusammenhanglosen Pünktchen lesen. Zu den Auslassungszeichen in Robert Musils „Die Vollendung der Liebe
16.30 Schlussdiskussion

Wann: 29. und 30.01.2010
Wo: Institut für Philosophie der FU Berlin, Habelschwerdter Allee 30, 14195 Berlin.

Mehr Infos zur Veranstaltung hier.

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25. Januar 2010 - 11:25 – Julia | Kommentare (0)

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