Leitsystem der Universität Vechta

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Richtungweisend auf dem Campus

Millionen Menschen steigen täglich in die U-Bahn, nutzen Flughäfen oder kaufen im Shopping-Center ein. Damit sie reibungslos die richtige U-Bahn-Linie, ihr Abflugterminal oder zurück zu ihrem Auto im Parkhaus finden, werden sie von verständlichen und eindeutigen Leit- und Orientierungssystemen unterstützt. In einem Labyrinth von Treppen, Aufzügen und Schaltern weisen sie Menschen anschaulich den Weg. Nicht das Vorhandensein eines Leitsystems fällt den Nutzern auf, sondern das Fehlen. Was für U-Bahnhof, Flughafen und Shopping-Center gilt, ist auch für Hochschulen von großer Bedeutung. Der nachfolgende Beitrag beschreibt das im Jahr 2011 für die Universität Vechta realisierte Leit- und Orientierungssystem.

Als im Oktober 2010 die Hochschule Vechta offiziell zur Universität Vechta umbenannt wurde, begann ein umfangreicher Planungs- und Konzeptionsprozess. Von der Modernisierung waren u. a. das Corporate Design und die Campusarchitektur betroffen. Nach einer Bestandsaufnahme entstand ein Farb- und Materialkonzept, das zur wichtigen Grundlage für alle baulichen Aktivitäten der Zukunft wurde. An diese Konzepte lehnt sich auch das von der Designagentur Kuhl|Frenzel entwickelte Leit- und Orientierungssystem an. Es unterstützt durch anspruchsvolle Gestaltung, hohe Funktionalität und Berücksichtigung von Marketingaspekten die Universität Vechta in ihrer Außendarstellung und verhilft zu ihrer positiven Wahrnehmung.

Als Schnittstelle zwischen Corporate Design und Architektur nimmt das Leit- und Orientierungssystem eine wichtige Position ein. Die Klarheit und Übersichtlichkeit des Campus sind profilbildende Wettbewerbsvorteile, die zur Imagebildung der Universität beitragen. Die Fluktuation von Studierenden und Dozenten an Universitäten und Hochschulen ist meist hoch. Neuankömmlinge müssen sich schnell orientieren und sind auf Hilfe angewiesen, um Seminarräume, Hörsäle, Büros oder die Mensa zu finden. Das Leit- und Orientierungssystem der Universität Vechta ist nicht nur leicht verständlich, intuitiv und lebendig gestaltet, sondern berücksichtigt auch zukünftige Baumaßnahmen und Veränderungen in der Raumnutzung. Es erleichtert den Nutzern das Zurechtfinden auf dem Campus und erhöht dadurch den Wohlfühl- und Sicherheitsfaktor. Indem es Fachbereiche und Forschungseinrichtungen ausschildert, verbessert es gleichzeitig die Transparenz des Universitätsstandortes und erzielt so eine stärkere Wahrnehmung sonst schwer auffindbarer Bereiche.

 

Orientierung mit System

Ein gutes Leit- und Orientierungssystem zeichnet sich dadurch aus, dass es den Suchenden zu seinem Ziel führt, ohne dabei bewusst wahrgenommen zu werden. Es muss gleichermaßen eindeutig und verständlich sein und sich in die Architektur integrieren. Das Leitsystem auf dem Campus der Universität Vechta lenkt durch farblich kodierte Leitstelen, Campus-Übersichtspläne sowie Markierungen an den Eingangsbereichen der Häuser die Nutzerströme. Im Inneren der Gebäude wiederum führen Leitlinien zu den wichtigsten Bereichen. Als zentraler Punkt und Zentrum des Campus wurde eine Brücke definiert. Sie bildet einen der Ankerpunkte des Leitsystems. Die Brücke verbindet als Straßenüberführung verschiedene Campusteile. Leitelemente auf dem Campus führen radial und in Intervallen zu diesem Zentrum und geben Rückmeldung über Entfernungen und Richtungen (Abb. 1).

Das Leit- und Orientierungssystem arbeitet zudem mit den wesentlichen Bestandteilen des Corporate Designs. Somit wird eine Einheitlichkeit aller Kommunikationselemente der Universität Vechta gesichert. Diesem Prinzip folgend bildet das Universitätslogo die gestalterische Grundlage für das System. Das V des Logos wird durch einen senkrechten Balken und einen im 45°-Winkel geneigten weiteren Balken gebildet (Abb. 2). Der 45°-Winkel findet sich in der Umsetzung des Leit- und Orientierungssystems konsequent wieder, z. B. in den Richtungspfeilen. Schenkel und Schaft der Pfeile stehen in einem Winkel von 45° zueinander. Indem das Leitsystem die gestalterischen Merkmale der Universität wie den 45°-Winkel des Logos, Schrift und Farbe aufgreift, trägt es zur Vermittlung der Markenidentität bei.


Elemente einer intelligenten Wegeführung

Leitsysteme basieren auf Kenntnis und Analyse von Routen und Orientierungsmethoden der Benutzer. Wirksame Systeme resultieren aus einer durchdachten und geplanten Struktur, haben eine klare Navigation und entstehen in enger Zusammenarbeit mit den Nutzern. Das Leit- und Orientierungssystem der Universität Vechta ist derart gestaltet, dass die eingesetzten Übersichtspläne, Richtungsleitelemente, Campus- und Gebäudekennzeichnungen dem Grundsatz vom Allgemeinen zum Besonderen folgen. Die Positionierung der Leitelemente orientiert sich am Zentrum sowie an wichtigen Laufwegen und Sichtecken. Farblich kodierte Campus-Übersichtspläne (Abb. 4) sind an häufig frequentierten Laufwegen positioniert. Eine Willkommensstele mit dem Logo der Universität Vechta begrüßt Besucher auf dem Campus. Richtungsleitelemente (Abb. 3) sind in Intervallschritten radial vom Zentrum angeordnet. Campuskennzeichnungen finden sich an Straßen, die zum Gelände führen. Nutzer wissen somit immer, in welchem Bereich sie sich befinden und wie weit die anderen Gebäudekomplexe entfernt sind.

Benutzerfreundlich konzipiert und gut sichtbar positioniert erleichtert ein Leit- und Orientierungssystem erheblich das Zurechtfinden auf dem Gelände und im Gebäude. Bei der Universität Vechta verweisen Leitstelen unter Anwendung einer farblichen Kodierung mit Namen, Buchstaben und Pfeilen auf Gebäude sowie entfernte Campus-Standorte. Gebäude in der nahen Umgebung sind detailliert mit ihren Funktionen aufgeführt. Ankerpunkte wie Bibliothek, Mensa, Aula und Hörsäle finden sich auf jeder Leitstele. Vorder- und rückseitig beschriftet wirken sie auf beide Richtungen des Besucherstroms. Für eine gute Sichtbarkeit sind die Beschriftungen bis zu einer Höhe von maximal 180 cm ab dem Boden angebracht. Bei der Auswahl der Beschriftungshöhe und der Schriftgröße wurden Aspekte der Barrierefreiheit berücksichtigt. Somit sind die Inhalte auch für Rollstuhlfahrer gut lesbar. Die Leitstelen und Campus-Übersichtspläne haben eine Gesamthöhe von 250 cm. Der Kopfbereich der Stelen ist in einem Winkel von 45° abgewinkelt. Hier findet sich eine Bezugnahme zum 45°-Winkel des Universitäts-Logos. Durch die Winkelung entsteht eine gestürzte Fläche. Diese ist mit der Farbe des Campusbereichs versehen, in dem sich die Stele befindet. Die Richtungsleitelemente wurden aus lackiertem Blech gefertigt. Die Beschriftung erfolgte mit Klebefolien, was eine flexible, kostengünstige und umweltfreundliche Aktualisierung ermöglicht.

Sich wiederholende Elemente erhöhen den Wiedererkennungswert und erleichtern das Erstellen einer inneren mind map des Areals, die sich Nutzer automatisch von ihnen unbekannten Orten machen. Nach dieser Karte richten sie sich auch zukünftig. Bei der Universität Vechta sind daher ebenfalls die Gebäude des Campus in das Leit- und Orientierungssystem integriert und entsprechend markiert. So wurde der Campus vom Zentrum ausgehend in vier Farbzonen aufgeteilt und jeder Zone eine Akzentfarbe zugeordnet. Gebäudekennzeichnungen in Form farbiger Balken an den Eingängen und z. T. an Sichtecken der Gebäude sind in der entsprechenden Akzentfarbe gehalten und erlauben so die direkte Zuordnung zu dem Campusareal. Die Positionierung des Balkens variiert, schneidet jedoch möglichst die Eingangstür. Den Gebäuden sind darüber hinaus Buchstaben zugeordnet. Sie werden auf den Stelen mit Richtungspfeilen kombiniert, um die Lage eines Gebäudes innerhalb eines Campusareals aufzuzeigen. Die Kodierung der Gebäude mit den Buchstaben des Alphabets ist historisch begründet und hat sich schon lange vor Einsetzung des Leitsystems etabliert, ist jedoch nie deutlich kommuniziert und zur Orientierung eingesetzt worden.

Bei Leit- und Orientierungssystemen gilt, dass äußere und innere Bereiche eines Komplexes in ihrer Gestaltung aufeinander abgestimmt sein sollten. Die Beschriftung der Gebäudeeingangstüren der Universität Vechta benennt Fakultäten, Institute und wichtige organisatorische Einrichtungen. Gut sichtbar ist hierfür die Folienbeschriftung linksbündig im oberen Fenster der Eingangstüren angebracht. Durch die Folienbeschriftung wird Reversibilität hergestellt. Raumbezeichnungen beinhalten die Raumnummer und Angaben zur Art der Raumnutzung.

Auch im Gebäude ist der Nutzer nicht auf sich gestellt. An Ein- und Übergängen zu Gebäudeteilen markieren erneut Balkenelemente die einzelnen Fakultäten, Institute und wichtige organisatorische Einrichtungen (Abb. 5). Als charakteristische Verbindungslinien an Wänden und Decken führen sie direkt zu öffentlichen Räumen mit besonderer Nutzung, etwa Hörsälen, Seminarräumen, Werkstätten und Sekretariaten (Abb. 6). Auf der Wand sind die Verbindungslinien stets im Winkel von 45° aufgebracht. Hier wird erneut das markante V des Logos der Universität Vechta aufgegriffen.

Akzentgrafiken kennzeichnen öffentliche, kommunikative Räume wie Warteräume und -ecken, Teeküchen, Kopierräume und Sanitäranlagen (Abb. 7). In einem Winkel von 45° streift die großflächige und deshalb von weitem sichtbare Grafik aus schraffierten, farbig kodierten Linien die Zugangstür zum Raum. Die Dichte der Schraffur und die Anzahl der Linien der Grafik variieren je Etage und bei steigender Entfernung vom Campus-Zentrum.


Farbaufteilung und Materialität

Ein wichtiges Ziel bei der Planung des Leit- und Orientierungssystems war die Vereinheitlichung der Farbigkeit. Denn mit einem durchgängigen, intelligenten Farbkonzept wird die Orientierung und Bewegungsfähigkeit auf dem Campus wesentlich erleichtert. Zu beachten ist, dass Farben eine jeweils eigene Aussagekraft haben. Dunkle Farben wirken beispielsweise schwerer und kühler als helle Farben. Darum gilt es, die Farben unter Gesichtspunkten des Corporate Designs und der psychologischen Wirkung zu kombinieren. Eine sachliche, moderne Grundfarbigkeit wurde bei der Universität Vechta durch Kontraste in weiß, schwarz sowie Abstufungen in grau im Innen- und Außenbereich erzeugt. Die Hausfarbe „Vechtarot“ setzt den Hauptakzent des Auftritts der Universität. Die weiteren Akzentfarben Hellorange, Blaulila und Grüngelb wurden den Hauptkontrasten zur Seite gestellt. Die drei sekundären Akzentfarben stehen für die Eigenschaften Urbanität, Lebendigkeit und Lebensfreude der Universität Vechta. Sie finden sich im gesamten Auftritt der Universität wieder. So ist der Campus von seinem Zentrum ausgehend in die vier Farbzonen Rot, Hellorange, Blaulila und Grüngelb aufgeteilt. Durch das Farbkonzept werden die Orientierungsinformationen visuell strukturiert und erleichtern das Merken und Erfassen der Informationen. Zwar kann der Mensch eine Vielzahl von Farben differenzieren, jedoch kann er sie sich nicht merken, wenn sie einander zu sehr ähneln. Aus diesem Grund empfiehlt sich die Konzentration auf stark voneinander abweichende Farben. Zusätzlich zur Verbesserung der Orientierung auf dem Campus werden die Akzentfarben und Schriftelemente zum Beleben des Raumeindrucks in den Gebäuden eingesetzt. Materialsichtige natürliche Oberflächen wie Holz, Stein, Glas oder Metall wurden als fester Bestandteil in der Farbplanung berücksichtigt.

 

Schrift als Identitätsspender

Die Schrift eines Leit- und Orientierungssystems muss gut lesbar sein, in den architektonischen Kontext passen und eine hohe Identifikationskraft aufweisen. Obgleich für den Laien Schriften meist nur im Detail unterscheidbar sind, hat jede Schrift durch ihre Gestaltung eine eigene Aussage und Wirkung auf den Betrachter, die die Wahrnehmung der Einrichtung mit beeinflusst. Wird eine Schrift für das Leit- und Orientierungssystem ausgewählt, muss ihre Verwendbarkeit mit Probeanbringungen vor Ort und an Stelenmodellen genau geprüft werden. So gilt beispielsweise zu berücksichtigen, dass besondere Merkmale der Buchstaben bei einer großen Darstellung deutlicher hervortreten, die bei der Verwendung im Printbereich nicht auffallen. Der Corporate Type der Universität Vechta ist die Schrift Apex. Ihre Variante Apex Sans ist eine frische, elegante, intelligente und vielfach nutzbare Schrift. Sie hat ein modernes serifenloses Design, ist zukunftsorientiert aber nicht futuristisch, präzise aber nicht kalt oder geometrisch, beständig aber nicht seelenlos. Sie wird von der Universität Vechta in allen Printmedien eingesetzt, weil bei langen Texten und Headlines Serifen die Lesbarkeit stören und das Schriftbild verdunkeln. In dem Leitsystem findet hingegen die Variante Apex Serif Verwendung. Hier bewirken die Serifen für das Leitsystem eine verbesserte Lesbarkeit, weil sich das Schriftbild beim Lesen von Buchstaben und einzelnen Wörtern vom Betrachter schneller erfassen lässt.

 

Fazit

Das Leit- und Orientierungssysteme der Universität Vechta bietet in Verbindung mit dem Farb- und Materialkonzept den Mehrwert einer verbesserten Wegeführung, höheren Transparenz und Sicherheit auf dem Campusgelände. Bei der Entwicklung des Leit- und Orientierungssystems wurde die Einbettung in das Corporate Design und die gegebene Architektur berücksichtigt, um eine optimale Wirkung zu erzielen. Mit einem intelligenten Farbkonzept, einer identitätsstiftenden und zugleich optimal lesbaren Schrift sowie dem systematischen Einsatz von Leitelementen wurde eine sehr gute Übersichtlichkeit erzielt. Rückmeldungen von Studierenden, Mitarbeitern und Professoren belegen, dass die Einführung des Leitsystems auf dem Campus der Universität Vechta zu einer verbesserten Orientierung geführt hat.

www.kuhlfrenzel.de

 

 

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