Wettbewerbsentwurf eines Leitsystems für eine Universitätsbebliothek in Marburg, 2. Preis

 

Zielführung an Lern- und Arbeitsorten

Wettbewerbsentwurf eines Leitsystems für ein Universitätsbibliotheksgebäude in Marburg, 2. Preis

In Bibliotheksgebäuden trifft man in den meisten Fällen auf konzentrierte Leser, verbissene Akademiker und verträumte Literaturliebhaber. Wo Menschen vertieft studieren und neues Wissen erarbeitet wird, sollten im Idealfall eine ruhige Atmosphäre herrschen, die für alle Anwesenden greifbar ist. Die Anforderungen an Lernräume dieser Art sind entsprechend hoch, damit die Komplexität von Etagen, Bereichen und Fluren nicht zur unruhigen Desorientierung der wissensdurstigen Besucher führt. Ideale Studienbedingungen offeriert das entworfene Leit- und Orientierungssystem der Designagentur Kuhl|Frenzel für den Neubau des Bibliothekgebäudes der Universität Marburg. Im ausgeschriebenen Wettbewerb der Hochschule belegte das funktionale Gesamtkonzept den 2. Platz.

Ein Konzept für das Leitsystem wurde im Anschluss an die Planung und Errichtung der neuen Universitätsbibliothek gefragt. Dabei sollten neben klassischen Leitelementen und der systematischen Zielführung auch die entstehenden Nutzerarbeitsplätze gestaltet und an die Anforderungen eines modernen Lernortes angepasst werden. Die besondere Herausforderung lag darin, das neue System in den bereits bestehenden Architekturentwurf zu integrieren. Vor allem die Vielfältigkeit der Bereiche innerhalb des Neubaus, in dem neben den klassischen Lernbereichen auch Loungezonen und Arbeitskabinen, Garderoben sowie Vortragsräume und eine Cafeteria untergebracht werden, macht eine systematische Zielführung unerlässlich und erfordert eine deutliche Kennzeichnung der unterschiedlichen Bereiche. Die Philipps-Universität Marburg zählt nicht nur zu den traditionsreichsten Hochschulen in Deutschland, sondern ist mit ca. fünf Jahrhunderten Lehr- und Forschungsgeschichte auch weltweit die älteste, protestantisch gegründete Universität.

Neben einer reduzierten Gestaltung der Leitelemente steht im Entwurf von Kuhl|Frenzel vor allem die Funktionalität des Gesamtkonzeptes im Fokus. So fügen sich die vorgesehenen Elemente in die bereits bestehende Raumgruppierung ein und kennzeichnen die im Architekturentwurf geplanten, auf durchdachte Weise miteinander verbundenen Funktionsbereiche für alle Nutzer. Ein zeitloses Design sowie die systematische Platzierung der Leitelemente führen die Besucher schnell und unkompliziert an ihr Ziel, ohne dass sie von ihren kognitiven Lernprozessen abgelenkt werden. Unter Berücksichtigung des vorhandenen Architekturentwurfs wurde daher auf auffällige Schilder und Stelen verzichtet. Darüber hinaus wurde ein modulares Konzept entworfen, das durch wenige Einzelteile und variable Flächen nicht nur nachhaltig sondern auch kosteneffizient ist.

Gradliniges Design

Ausgehend von der Form eines geöffneten Buches orientiert sich das visuelle Konzept des modularen Systems an den optischen Gegebenheiten einer Bibliothek. Die einzelnen Module der Leitelemente neigen sich in die Richtung der angezeigten Leit-Information. Diese sich nach außen verjüngenden Flächen unterstützen die Richtung der geschriebenen Informationen.

Der Farbkanon des Leit- und Orientierungssystems setzt sich aus der Hausfarbe der Philipps-Universität Marburg Dunkelblau (RAL 5013) sowie Schwarz und Weiß zusammen. Das Kontrastverhalten dieser Farbkombination ermöglicht eine optimale Lesbarkeit. Auch Menschen mit einem Handikap profitieren von dieser Farbgebung. Zusätzlich stärkt die Orientierung an dem bestehenden Corporate Design die Zuordnung des Bibliotheksgebäudes als Teil des Hochschulcampus. Die Corporate Farben Blau und Weiß sind auch auf dem eigens für die Universitätsbibliothek erstellten Logo wiederzufinden. Der Entwurf reagiert damit auf das bestehende Architekturkonzept mit rotem Boden und verarbeitetem Sichtbeton.

Die Typografie des Leitsystems liegt der Schrift Fira Sans von Carrois und Edenspiekermann im Schnitt SemiBold zugrunde. Die reduzierten und geometrischen Formen der Buchstaben sowie die großen Buchstabeninnenformen verhelfen der Schrift zu einer sehr guten Lesbarkeit. Darüber hinaus ist ihre Verwendung als free Font kostenfrei, was auch eine Vorgabe der Hochschule war. Zusätzlich zu den geschriebenen Informationen sind Icons in dem Gesamtkonzept vorgesehen, die alle wichtigen Servicebereiche und Räumlichkeiten sprachenunabhängig für die Nutzer kennzeichnet.


Anpassungsfähiges System

Das Leitsystem ist aus den üblichen werbetechnischen Materialien hergestellt. Die Kombination von Hochleistungsfolie auf pulverbeschichtetem Material hat nicht nur einen nachhaltigen Vorteil sondern erhöht auch die Kosteneffizient und Variabilität der Leitelemente. Eine Vorgabe der Universität war es, neben dem eigentlichen Konzept auch eine zweite Variante zu präsentieren, die die Kosten der Umsetzungen auf einem niedrigeren Niveau ansetzt. Kuhl|Frenzel entschied sich dafür, bereits im ersten Entwurf eine kosteneffiziente Variante zu präsentieren. Diese kann, sollte es von der Hochschule gewünscht sein, durch eine erweiterte Version ergänzt werden. So können die Leitstelen und Schilder z. B. auch aus einem anderen Material hergestellt werden. Diese Idee basiert vor allem auf dem bereits bestehenden Architekturentwurf, der einen schallharten Boden in den Räumlichkeiten des Neubaus vorsieht. Die Akustikelemente würden somit einen Mehrwert für alle Nutzer darstellen, der allerdings nicht zwangsläufig von der Hochschule umsetzt werden muss.

Neben den Materialvariationen bietet auch die gesamte Organisation des Systems ein hohes Maß an Flexibilität. So können z. B. alle Module zu variablen Elementen zusammengestellt werden und ergeben auf diese Weise ein einfach zu handhabendes Leit- und Orientierungssystem für den Benutzer. Schilder und Paneelen verfolgen das gemeinsame Ziel die Besucher des Bibliotheksgebäudes strukturiert und zeiteffektiv von der Außenanlage bis zum Regal zu leiten. Dafür werden im gesamten Gebäude verschiedene Elemente platziert, die sich optisch in das Gesamtbild einfügen. In dem Entwurf von Kuhl|Frenzel sind vor allem im Foyer freistehende Stelen vorgesehen. Darüber hinaus wurden eine Gebäudeübersicht, Etagenkennzeichnungen mit Etagenplan oder Richtungspaneelen entworfen.

Die spezifischen Gegebenheiten einer Bibliothek erfordern eine besondere Anpassungsfähigkeit des entworfenen Systems. In diesem Fall sind in dem Konzeptentwurf von Kuhl|Frenzel zusätzliche deckenabgehängte Schilder und Fahnenschilder vorgesehen, die quer zur Laufrichtung an den Bücherregalen angebracht werden können. Diese Elemente sind in einer Bibliothek von besonderem Vorteil, da sie nicht nur platzsparend gestaltet sind, sondern auch über die Zeit leicht modifiziert werden können. An den Wänden des Bibliotheksbereichs sind in dem Entwurf kaum Leitelemente integriert, damit der Anpassungsaufwand auch in Zukunft gering gehalten werden kann, sollten beispielsweise Regale verschoben oder Funktionsbereiche neu zugewiesen werden. Zielnavigation mit integrierten Wechselrahmen an den Regalen sowie ein flexibles Ausstellungssystem runden das Konzept ab.

Moderner Lernort

Um den Anforderungen an ein modernes, nutzerfreundliches Bibliotheksgebäude gerecht zu werden, setzt die Hochschule auf Angebotsvielfalt. Diverse Nutzerarbeitsplätze, in Form von Arbeits-, Lese- und Vortragsräumen bieten den zukünftigen Endnutzern einen vielseitigen Mehrwert, der auf die Bedürfnisse verschiedener Zielgruppen angepasst ist. Bei dem Entwurf der Nutzerarbeitsplätze wurde vor allem auf das Zusammenspiel von dem bestehenden Architekturentwurf und dem neu entwickelten Leit- und Orientierungssystem Wert gelegt. Ausgehend von dem Anthrazit-Farbton (RAL 7016) aus dem Materialkonzept der Architekten wurde ein abgestufter Farbton entwickelt, wobei die Hausfarbe der Universität als Akzentfarbe eingesetzt wird. Als Oberflächen sind ausschließlich hochwertige und auf lange Haltbarkeit ausgelegte Materialien vorgesehen. Die Möblierung steht dem Leitsystem in puncto Flexibilität und Anpassbarkeit in keiner Weise nach, so dass ein modernes Möbelkonzept mit vielseitigen Rückzugbereichen entsteht.

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