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Face to Face 2008 in Ludwigsburg

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Nicht in der Reithalle wie die Creative Paper in München, sondern im Reithaus in Ludwigsburg fand vom 23. bis 25. Oktober die Face to Face statt. Weltweit ist dies die einzige Designkonferenz, bei der seit 2001 Designauftraggeber und professionelle Gestalter immer gemeinsam auf dem Podium stehen. In den ersten sieben Konferenzen waren es mehr als 320 Redner aus mindestens 9 Nationen. Sie machen Gestaltungsprozesse öffentlich und präsentieren beispielhafte Projekte aus Design, Architektur und Wirtschaft. Das Partnerland wechselt jährlich.

In diesem Jahr war Polen das Gastland. Wofür steht Polen? Eigentlich weiß man zu wenig voneinander, obwohl Deutschland und Polen Nachbarländer sind. Dabei dachte Henning Horn, Projektleiter der F2F, seit dem EU-Beitritt an Polen. Der Kontakt zu Ewa Golebiowska, der Direktorin des Schlesischen Schlosses für Kunst und Wirtschaft, ermöglichte dann erst die Umsetzung.







Die diesjährige Konferenz ganz unter dem Motto »In dialogue we trust« zog rund 180 Teilnehmer an und hatte mehrere Neuerungen: Zum einen war dies der neue Trägerverein, der F2F-Förderverein, der nun mit derzeit 40 Mitgliedern die Veranstaltung unterstützt. Zum anderen wurde bei dieser Konferenz erstmals der F2F-Award ausgelobt, der jeweils das beste Duo von Auftraggeber und Designpartner aus Polen und Deutschland kürt. Wer dies war wird später in diesem Artikel verraten. Zudem neu war der Ort im Film- und Medienzentrum Ludwigsburg, die neue Szenerie und die Moderation Sarah Liu, die stets professionell durchs Programm führte und den Rednern charmant signalisierte, wenn ihre 20-minütige Präsentationszeit zu Ende war und es wieder Zeit für eine Fragerunde war.

Es gab viele interessante Vorträge:
Zum Beispiel über das Magazin Polen Plus, das von der Agentur Designerdeutsch gestaltet und im Fligenverlag 4 Mal pro Jahr herausgegeben wird. Es zeigt ein Bild von unserem Nachbarland Polen, das nur wenig in den Medienberichten gewürdigt wird – immer auf deutsch, da es in erster Linie ein Magazin für Deutsche ist, aber mit Texten von Autoren aus Deutschland und Polen. In der Nullnummer war ein Gesuch, das nach polnisch-deutschen Designern gesucht hat. Seither hat jede Ausgabe eine andere Farbe, eine Rückseite, die mitgestaltet wird, ein Editorial mit einer Zusammenfassung, Balken als Gestaltungselemente, teilweise vollflächige Bilder… und erscheint in einer Auflage von 15.000 Stück. Damit möchte der Verlag bis zur EM 2012 bestehen.



Ein weiterer Vortrag, dann in polnisch und simultan übersetzt, handelte von dem Warschauer Stadtinformationssystem, das in 3 Jahren entstand und noch ohne einen Wettbewerb vergeben wurde. Zur Einführung erklärte eine Broschüre das Leitsystem, das damals vergleichbar kompliziert war wie das System von Boston, wenn nicht komplexer.



Vor dem Mittagessen lud der Berliner Architekt Thomas Kubeneck zu einem Rundgang zu einer ehemaligen Kaserne ein in der sich heute das Landratsamt befindet.





Nach der Pause ging es – gestärkt mit schwäbischer Kost – weiter mit sehr sehenswerten Bildern: Im Zeitraffer konnte man zusehen, wie sich ein Konzertsaal füllt. Zu Baubeginn war noch kein Geld da – das gäbe es bei uns nicht. Dennoch wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, bei dem 18 Arbeiten eingereicht wurden. Gewonnen hat eine Arbeit, die es geschafft hat den Saal auf einem akustisch hohen Niveau entstehen zu lassen und dabei alle Möglichkeiten auszunutzen. Ziel war, dass die Bürger ins Konzert, in den öffentlichen Raum, gehen. Nun gibt es 280 Konzerte pro Jahr. Früher waren 30 bis 50 Leute da, heute sind es 490 Personen – die Bürger kommen gerne. Entstanden ist ein Gebäude aus Kontexten, ein Raum, der die Seele der Musik beherbergen kann. Sprich: Musik, Architektur und Raum spielen zusammen. Die Verbindung zwischen alt und neu ist gelungen.

Ein weiterer Vortrag von der Agentur wirDesign ging über Corporate Design, der von der Designerin Gudrun Zwilgmeyer als einen Vorgang beschrieben wird, bei dem der Kunde auf einer Schatzsuche mitgenommen wird. Als Beispiel wurde das Erscheinungsbild der N-Bank vorgestellt, die von einem Tag auf den anderen im Jahr 2003 entstand. Bei einem CD zähle der erste Eindruck und es bleibe nur ein Bild, so die nicht wirklich neue Erkenntnis der Rednerin. Weiter bezeichnet sie das Corporate Design als ein Gesicht, das Vertrauen schafft. Ihrem CD für den Kunden ging ein Workshop mit 10 Leuten voraus bei dem die Werte des Unternehmens diskutiert wurden. Heute hat die N-Bank rund 400 Mitarbeiter. Es wurden Gesichter/Farben und Inhalte/Formen festgelegt. Sowie Illus und Schriften (Minion, Frutiger).



Am Samstag, dem letzen Konferenztag, folgten weitere Vorträge. Beispielsweise über die Agentur Moho Design, die Teppiche mit der Struktur von Steinen entwirft – die so genannte Rock Collection, die auch schon den red dot design award gewonnen hat.

Ein weiterer Vortrag über den Kulturveranstaltungsort 603 qm in Darmstadt gefiel mir so gut, dass ich das Projekt demnächst näher auf Slanted vorstellen möchte. Die ehemalige Stöferle-Halle, benannt nach einem Prof, wurde umbenannt in 603 qm – es gibt kein Logo, es wird nur die Nutzfläche genannt und in Form von Typo kommuniziert. Die Halle erhielt ein wandlungsfähiges CD, weil sie sich weiter entwickelt. Manchmal finden Veranstaltungen auch nur auf 218 qm statt, dann heißt der Veranstaltungsort so und man weiß gleich, wo sie stattfindet. Für das CD wurde eigens ein Font entwickelt, Tape zur Eröffnung produziert, genauso wie Plakate, Flyer und eine Stahlbox. Aber auch Piktogramme oder Tapeten. Oder ein Plakat für die Silvester-Veranstaltung »Knutschen auf 603 qm« und vieles mehr.





»Aus MAG wird eine Marke« hieß ein Vortrag über ein Unternehmen, das mehrere Marken unter einem Dach vereint und mit seiner Umsetzung den if und den reddot award erhielt. Besonders interessant fand ich, dass die Buchstaben MAG keine Bedeutung haben, sondern nur gewählt wurden weil sie »gut klingen«.

Beim nächsten Vortrag habe ich dann wieder etwas genauer zugehört: Er drehte sich um das Bakalie Branding Studio (Bakalie sind die besten Dinge, die man in einem Kuchen findet.) Die Agentur hat viele schöne Projekte, entschied sich aber für die Vorstellung für das Projekt des Nationalparks Tatrzanski. Ein Nationalpark mit 20.000 ha, der jährlich von 2,5 bis 3 Millionen Besuchern besucht wird. Für diesen Park entwickelte das Büro ein visuelles Identifikationssystem mit dem Motto: Aus Liebe zu den Bergen. Das Logo ist eine Bergziege. Als Farben tauchen grün wie die Wiesen, grau wie die Felsen und Blau wie der Himmel auf – alles in harmonierenden Mischungen. Leider ist die neue Homepage noch nicht online. Es lohnt sich sicher diese demnächst mal zu besuchen: http://www.tpn.pl


Wie die Tram Pesa entsteht, war das Thema einer weiteren Präsentation.

Aber auch über Canyon-Fahrräder, die vom KMS-Team gestaltet werden und damit Silber beim Designpreis der BRD erhielten, wurde gesprochen. Der Claim der Bikes: Pure Cycling. Der Schriftzug Canyon ist entgegen der der Mitbewerber nach links gestellt womit sich das Design absetzt. Inzwischen wurde sowohl der Schriftzug als auch das Logo (stilisierte Gletscherspalte) so komplett von einem Mitbewerber kopiert, dass der Kunde dagegen vorgehen wird.






Ein echt pfiffiger Vortrag, weil mit schönen Illus und wirklich im Dialog präsentiert, stellte die Alsta-Architekturfolien (Di-Noc-Folien von 3 PM) und die Agentur Lekkerwerken vor. Man hat richtig gemerkt, dass das Verhältnis zwischen Auftraggeber und Designer ein Gutes ist. Das Logo (Kreis mit Punkt in der Mitte) wurde geschützt – auch so etwas geht. Die Website ist farbenfroh und man kann unzählige Farbkombis ausprobieren: http://www.architekturfolien.de/




Der letzte Vortrag wurde von einem Vater-Sohn Paar gehalten: Andreas und Tobias Groß. Thema: Das Kap-Magazin für das Kap-Forum, das zum zweiten Mal herauskam und eine Auflage von 12.000 Stück hat.

And the winner is… (zumindest beim Face to Face-Award):

Für die Polen: Das Team vom Tatra Nationalpark, die einen Oberförster in Uniform mit dabei hatten (2 Kaffeemaschinen mit reddot award award).

Für die Deutschen: Das Team von 603 m2.


Ich freue mich aufs nächste Jahr! Vielen Dank an Lutz Wahler (www.bigpicturecom.de) für die Bereitstellung der Fotos und die interessanten Gespräche.
www.face-to-face.eu.

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