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Italics vs. Obliques?

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Ich weiß nicht wie es anderen geht, aber mir ist in der Vergangenheit bis in die Gegenwart ein eigenartiges Phänomen aufgefallen: Das Argument „true Italics“ bei der Präsentation von Schriften.

Was anfänglich noch ein Plädoyer gegen das achtlose Neigen historischer Schriften im Computerzeitalter war, mutierte bei manchen Designern über die Jahre zu einem Qualitätsmerkmal das fast schon dogmatisch anmutet.

Die Vorteile der Italics, eingeführt im Jahre 1501 von Aldus Manutius, liegen auf der Hand. Sie sind im Vergleich zu den Obliques eigenständiger in ihrer Form und dienen somit besser der Auszeichnung eines Textes. Die Anmutung einer Schreibschrift kommt nicht von ungefähr, denn sie wurden von einer solchen adaptiert. Als ergänzender Schriftschnitt sind sie nicht mehr weg zu denken. Aber ein Italic Schnitt macht eigentlich nur dann wirklich Sinn, wenn die Schrift zu der er gehört – wie z. B. bei einer humanistischen Serifenlosen – auf Kalligrafie basiert oder wenigstens Merkmale einer Antiqua hat (das kann der Kontrast sein, oder eine Proportionierung die an die Antiqua anknüpft).

Wie immer bestätigen Ausnahmen die Regel, darum würde ich mich freuen, wenn jemand ein Beispiel hierzu posten könnte!
Viele Schriftentwürfe brauchen beileibe nicht mit „true Italics“ ausgestattet sein. Im Gegenteil! Eine damit versehene Grotesk würde auf mich etwas befremdlich wirken, oder mich im Resultat eher an eine Displayschrift denken lassen. Denn die Grotesk wurde infolge ihrer Entstehung mit den allseits bekannten Obliques versehen. Jenen geneigten Typen, aus denen die Bewegtheit der Handschrift, einer Bewegtheit abstrakten Tempogefühls gewichen ist.

Tatsächlich halte ich viele Arten der Gestaltung eines geneigten Schnittes für adäquat, da es Lösungen gibt, die sich nicht so einfach kategorisieren lassen und von Designern in Bezug auf ihre individuellen Entwürfe entwickelt wurden. Der Aufwand, mit dem teilweise Obliques, oder allgemein gesagt „geneigte Schnitte“, gezeichnet werden, ist durchaus vergleichbar mit dem Aufwand einer „echten Kursiven“. Wenn die Obliques einfach erstellt werden, sollte sich jeder darüber im klaren sein, das computergeneriertes Neigen eine Verzerrung der Strichstärke zur Folge hat. Manche Schriften reagieren in ihrer Anmutung darauf sehr sensiebel, andere scheinen das ohne weiteres weg zu stecken. Der standardmäßig verwendete Neigungswinkel von 12 Grad ist hier in Bezug auf einige Designs zu stark und sollte entsprechend reduziert werden. Dabei handelt es sich oft nur um ein bis zwei Grad, denn die Verzerrung der Strichstärke ist kein linearer Vorgang, sondern verhält sich je zusätzlichem Grad der Neigung progressiv. Ein anderer kritischer Aspekt sollte überdies nicht vernachlässigt werden: Es ist auch eine Überlegung wert, ob man einer Schrift überhaupt einen geneigten Schnitt verpassen soll!

Obliques sind jedenfalls ein fester Bestandteil in der typografischen Landkarte, und ich hoffe ich konnte mit meinem kurzen Abriss herausstellen, das sie keine „minderwertige Typografie“, sondern schlichtweg eine Stilfrage darstellen.

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