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Sein scheinen – Eine Hommage an die Schönheit des Fehlers

Diplomarbeit von Sebastian Thönnes

Autor:

»Sein scheinen« heißt die Diplomarbeit von Sebastian Thönnes, die an der Hochschule Darmstadt im Fachbereich Gestaltung entstanden ist und sich mit der Schönheit des Fehlers beschäftigt.

Sebastian Thönnes im Slanted Interview:
Slanted: Was fasziniert dich an Poesie bzw. den Hurenkindern?

Etliche Klassiker, die ich in meiner Materialrecherche durchblätterte, weckten mein Interesse an der Materie neu, ich blieb ständig hängen und las weiter, obwohl ich ja nur die Hurenkinder aufspüren wollte. Im Moment lese ich daher einige Klassiker, die ich bisher verpasst hatte. Das Faszinierende sind die Bilder, die die Poesie im Kopf entstehen lassen. Die von mir verwendeten Satzfetzen ergeben einen neuen Sinn und erzeugen eine neue Geschichte, auch wenn sich die Gedichte manchmal sehr merkwürdig lesen lassen.

Hurenkinder sind eine ungewöhnliche Art von Fehlern. Nicht-Gestalter kennen diese Satzfehler nicht, nur der Begriff lässt schlimmes Befürchten.
Das Spannende für mich war zu Beginn das Stolpern, welches Fehler erzeugen können und der Umgang mit solchen Fehlern. Ziemlich bald stieß ich auf den Jazzmusiker Thelonious Monk, der musikalische Fehltritte vertuschte, indem er diese Passage oft wiederholte. Ein Hurenkind erzeugt auch ein Stolpern und die Tatsache, dass es sich um einen schweren Fehler in der Typografenwelt handelt fand ich faszinierend. Die Praktiken zu untersuchen, wie Schriftsetzer vor Jahrzehnten Hurenkindern verhüteten, war sehr lehrreich. Damals wurde mit allen Tricks gearbeitet, von Sperren der Zeilen bis zum manipulieren des Durchschusses. Heute wird kein Setzer mehr hart bestraft, die Satzqualität leidet aber teilweise sehr, auch unter automatischen Satzprogrammen.

Slanted: Oft sind Diplomarbeiten sehr »laut«. Deine Arbeit strotzt vor Zurückhaltung und gibt ihre Finesse erst im Detail zu erkennen. Warum hast du einen so »ruhigen« Weg gewählt?

Natürlich arbeite ich auch gerne “laut” und mir gefallen solche Arbeiten. Zum Diplom will man natürlich zeigen was man alles gelernt hat, was nicht immer funktioniert, wenn man versucht alles auf einmal mit reinzupacken. Ich liebe aber auch das Reduzierte und die Konzentration auf eine Sache, ohne überflüssigen Schnickschnack. Mein Ziel war es, eine zeitlose Arbeit zu schaffen, die mit raffinierter Idee überzeugt und die für sich steht. In der Auseinandersetzung mit dem Inhalt, entwickelte sich diese zurückhaltende Form als einzig wahrer Weg der Umsetzung.

Slanted: »Eine Hommage an die Schönheit des Fehler« lautet der Untertitel deiner Arbeit. Sind dir während deiner Recherche/Arbeit vielleicht noch andere Fehler aufgefallen, die besonders schön sind?

Zum Ende des Diplomsemesters musste ich mich entscheiden, welchen Weg ich weiterverfolgen wollte. Es gab natürlich noch weitere viel versprechende Bereiche innerhalb des Fehlerthemas die mein Interesse weckten. Mein erster Irrweg führte auch in die Richtung, die Fehler selbst herstellen zu wollen, d.h. die Fehler zu provozieren und daraus etwas neues zu entwickeln. Dann waren Fotografische Fehler und Versprecher bis kurz vor Abgabe Teil meiner Arbeit. Aus Versprechern entsteht durch Wiederholung auch eine ganz neue Perspektive auf die Fehler. Ich sammelte diese kurzen Momente des Stockens und generierte daraus Beatbox-Gestotter und versuchte Versprecher in typografische Sprache zurückzuverwandeln.
Ich wühlte mich durch fotografische Archive auf der Suche nach Fehlern, stieß aber nur auf Unter- bzw. Überbelichtete Fotografien. Bei der Recherche stieß ich bei flickr auf Fotos, welche noch den versehentlich mitfotografierten Finger des Urhebers zeigen. Kurz vor Abgabe ließ ich meinen Stop-Motion-Film, der sich aus Einzebildern solcher Pannenfotos zusammensetzte ruhen und konzentrierte mich komplett auf den Gedichtband. Als Schmankerl erstellte ich noch eine Softcoverausgabe. Es sind noch einige Exemplare vorhanden.

Pressetext
Jeder kennt die Angst vor dem Missgeschick, der Augenblick, in dem man stolpert und hängen bleibt. Der Jazzmusiker Thelonious Monk vertuschte derartige Fehltritte auf raffinierte Art und Weise. Er bekannte, wenn ihm ein Fehler unterlaufe, wiederhole er diesen Fehler, um einer missratenen Phrase den Schein der Legitimität zu verleihen.
Die Grundlage dieser Arbeit ist, existierende Fehler aus ihrem ursprünglichen Kontext zu greifen und durch Wiederholung in eine neue Form zu verwandeln. Somit wird ein neuer Sinnzusammenhang geschaffen. Für die Umsetzung wählte ich das eigene gestalterische Umfeld und befasste mich mit Satzfehlern, im Detail mit Schusterjungen und Hurenkindern.

Das Ergebnis ist ein Gedichtband, welcher seinen Inhalt aus Hurenkindern erzeugt. Für die Materialsammlung blätterte ich durch 519 alphabetisch sortierte Klassiker der Stadtbibliothek Speyer. Nur 54 Bücher enthielten mindestens ein Hurenkind. Die drei Kapitel dieser Arbeit entsprechen den drei Bücherregalen in der Bibliothek. Innerhalb der Regale generieren sich die Gedichte durch die horizontalen Regalreihen, jede Reihe entspricht einem Gedicht. Eine Strophe ergibt sich aus sämtlichen Hurenkindern eines Buches. Findet sich in einem Buch nur ein Hurenkind, besteht die Strophe nur aus einer Verszeile.

Trotz dieses systematischen Umgangs entfaltet sich eine poetische Schönheit. Die Form des Gedichtbandes überhöht die Wortfetzen und verhüllt sie in Poesie. Für den Betrachter entsteht eine neue Perspektive – die Fehler werden nicht mehr als solche wahrgenommen.

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