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TYPOGRAPHY DAY 2011 IN AHMEDABAD INDIEN

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Peter Stahmer, Mitbegründer des Schriftenverlags Avoid Red Arrows an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, ist gerade in Indien und hat einen Bericht vom Typography Day 2011 in Ahmedabad exklusiv für slanted.de geschrieben.

Ahmedabad im Frühling, 34°C.
Der 4. Typografie-Tag fand im März in Ahmedabad statt. Die dortige Hochschule “National Institut of Design” ist nach dem Bauhaus-Konzept aufgebaut, auch das Gebäude ist sehr ansprechend und offen gestaltet. Studenten und Professionelle aus ganz Indien und der Welt kamen für 3 Tage für Vorträge und Workshops zusammen. Thema war “Typography and Expression”, was schon bei den Abstracts sichtbar wurde: Indische Schriften werden in der wachsenden Typo-Szene mehr und mehr zum Thema, so wurde beinah jeder der 16 großen Schriften des Subkontinentes ein Vortrag gewidmet. Die lokalen Sprachen sind in den Regionen sehr lebendig, Zeitungen und TV-Programme wie Bücher erscheinen dort. Nur gibt es kaum Schriftsätze auf professionellem Niveau, geschweige denn Typefaces in mehreren Sprachen. Diesem Thema widmet sich mit großem Erolg Satya Rajpurohit, der mit Peter Bilak die Indian Type Foundry gegründet hat. Satya zeigte in seinem Vortrag die Arbeit an der Schriftfamilie “Kohinoor”, die schon 2 Sprachen umfasst und in diesem Jahr um einige erweitert wird. Neekalash Khsetrimayum widmet sich seiner Muttersprache “Meetei Mayek”aus Ostindien und hat ihr ein modernes Gesicht gegeben. Die Lettern von Meetei Mayek sind von Körperteilen abgeleitet und auch nach diesen benannt. Pradnya Naik, die die Vodafone-Kampagne auf Urdu (Schrift der islamisch geprägten Gebiete) mit engem Bezug zur Kalligraphie möglich gemacht hat.

Einen anderen Ansatz verfolgt Harshita Pande: Seit der Abtrennung Pakistans von Indien wird die Punjab-Region von 2 verschiedenen Alphabeten geteilt, obwohl die Menschen ein gemeinsames Punjabi sprechen. Ihre Arbeit widmet sich einem lautgesteuerten Chat-Tool, mit dem sowohl die Kommunikation zwischen Indern aus verschiedenen Regionen als auch das Lernen von Sprachen erleichtert werden soll. Udaya Kumar hat letztes Jahr einen viel beachteten Wettbewerb gewonnen: Ein neues Währungszeichen für die Rupie wurde gesucht. Sein gefeierter Entwurf ist schlüssig, spricht sowohl für das lateinische als auch das indische »R« und soll in den nächsten Jahren und seinen Platz in den Schriften bekommen. Bis dahin wurde parallel das Zeichen ₨ und die indischen Variante verwendet. Hashim PM schilderte die Geburt einer Schrift an Hand seines Entwurfes einer Brotschrift für die Sprache “Mayalayam”. Rathna Ramanathan schilderte ihre Arbeit als Dokumentarin und Gestalterin des Tamilischen. Sie veranstaltet dieses Jahr zum zweiten Mal das Typecamp India. Ein bemerkenswertes Projekt hat Hanif Kureshi vorgestellt: Durch DTP und billige Plotter verlieren Indiens berühmte Schriftenmaler gerade ihre Arbeit (Zitat: “The Global Warming in Type Design”). Hanif hat einen tollen Kurzfilm darüber gedreht und lässt sich ganze Schriftsätze der besten “Painter” malen, die er in Kürze auf seiner Plattform www.handpaintedtype.com veröffentlichen wird. 

Viel Anklang fand Fikret Uçar, der “Organic Typography” seiner Studenten der Anadolu Universität präsentiert hat. Seine türkische Kollegin Özden Pektas Turgut warf ein Spotlight auf das spezielle Thema ‘Ex Libris’. Neben 2 Sprechern aus der nicht nur kalligraphisch reichen Kultur Irans und Chan Chung Chung aus Hongkong hat Kok Cheow seine Arbeit an der Universität Singapur vorstellt.  Von der berühmten Universität Reading hat Erin McLaughlin ihre Schrift “Katari” vorstellt, die spielerisch lateinische und indische Schrift gleichberechtigt beinhaltet.  Felix Ackermanns “Type Exploration in 3D” wurde zum Shooting Star der Typography Days. Seine Ausführungen über die Perspektive mündeten in Prototypen eines Modelles, in welchem sich aus jeder Perspektive andere Buchstaben ergeben. Seit kurzem arbeitet Felix im Auftrag der Königin von Jordanien an einem Objekt, welches die englische und arabische Schreibweise von ‘Peace’ aus verschiedenen Standpunkten sichtbar machen.

Dan Reynolds, Erin McLaughlin und Amelié Bonét (alle Absolventen der Reading University) leiteten mit Satya Rajpurohit (ITF) erfolgreich einen Workshop über Indian Type Design. Die Veranstaltung wurde von FontLab gesponsert und von der Anwesenheit Dan Rhatigans (Monotype) und Dan Reynolds (Linotype) abgerundet.

Die indische Typoszene stellt sich mehr und mehr den Herausforderungen ihres Landes, sie haben angesichts der Sprachenvielfalt eine Legitimation, um die hierzulande oft gerungen wird. Viele Unternehmen sind neben Zeitungen und Fernsehkanälen an ihrer Arbeit interessiert, dementsprechend ernsthaft und seriös sind die Gestalter, Lesbarkeit ist neben Kompatibilität das höchste Gut. Hier wird etwas deutlich, was in den westlichen Ländern selbstverständlich ist: Die digitale Revolution findet zum größten Teil in lateinischen Lettern statt. Die Erweitung um regionale Sprachen ist nötig, um auch weniger gebildeten Menschen Zugang zu Informationen und Austausch zu ermöglichen. Das indische Design hat das begriffen und stellt sich der Aufgabe. Haben Indiens Schriftenmaler lange Zeit die typografische Kultur geprägt, kommt nun eine neue Generation aus der Lehre und schafft ein Bewusstsein für Sprachen, von denen viele vom Aussterben bedroht sind.


Arbeit von Felix Ackermann


Originalschrift eines indischen Schriftenmalers von handpaintedtype.com–Projekt

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