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Vertrautes Terrain für Blinde und Sehende

Diplomarbeit von Pia Hartmann

Autor:

Pia Hartmann hat als Diplomarbeit im Fachbereich Design an der FH Münster ein Magazin für Blinde und Sehende entwickelt. Es ist eine sehr sensitive Arbeit, die zeigt, wie man blinde Menschen bei Zeitschriften integrieren kann.

Eine Heranführung und Beschreibung von Hendrik Tieke:
Unsere Gesellschaft ist vor allem auf das Sehen eingerichtet. Deswegen grenzt sie blinde Menschen oft aus. Gerade der Zeitschriftenmarkt ist ein Bereich, bei dem dies besonders stark der Fall ist. Pia Hartmann vom Fachbereich Design der Fachhochschule Münster zeigt mit ihrer Diplomarbeit, wie man auch hier blinde Menschen integrieren kann.

In ganz Deutschland leben etwa 164.000 blinde und 1.066.000 stark sehbehinderte Menschen. Trotz staatlicher Unterstützung und moderner technischer Hilfsmittel und trotz der freundlichen Unterstützung, die sie in der Regel durch ihre Mitmenschen erfahren, können Blinde an sehr vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens nicht teilnehmen. Seien es die Verkehrschilder auf den Straßen, die Preisauszeichnungen im Supermarkt oder aber Wahlplakate, Firmenlogos, ja selbst die Kleidung, die wir tragen: Die visuelle Ebene ist die Richtschnur des menschlichen Lebens und der menschlicher Kommunikation. Sie ist auch die Ebene, auf der sich der Mensch ästhetisch am stärksten offenbart.

Und so bleibt auch ein Medium wie das Magazin mit seinen besonderen visuell-ästhetischen Angeboten sehbehinderten Menschen meist verschlossen. Zwar bringen einige Magazine eigene Blindenversionen heraus, so zum Beispiel die Brigitte, der Stern oder die ZEIT. Auch wenn diese in Braille, der Blindenschrift, oder als Hörversion erscheinen: Mit dem Editorial Design fehlt ihnen eine entscheidende Ebene. Denn Magazine sind nie reine „Texttransporter“ – was sie so einzigartig macht, ist gerade die Symbiose von Text und visueller Gestaltung. Sie ist es, die eine Information weitaus vielschichtiger vermittelt, als es reine Textmedien tun könnten.

Wie kann man nun dafür sorgen, dass auch Blinde in den Genuss der Vorteile kommen, die ein Editorial Design mit sich bringt? Pia Hartmann macht es vor: »Meine Diplomarbeit ist ein Magazin, bei dem Editorial Design nicht nur auf visueller, sondern auch auf haptischer Ebene angeboten wird,« erklärt Hartmann. Schon bei der Leseführung wird dies deutlich. So hat die Diplomandin den Kapiteln eine leicht unterschiedliche Seitenbreite gegeben und sie gewissermaßen treppenförmig angeordnet. Dadurch kann man ihre Position im Heft sofort ertasten. Auch viele der »Grafikelemente« sind haptisch gestaltet. Es handelt sich dabei vor allem um Illustrationen im Sinne einfache geometrische Formen, die entweder ausgestanzt, hervorgehoben oder aus besonderem Papier sind.

»Es ist etwas völlig anderes, etwas zu ertasten, als es zu betrachten«, weiß Hartmann. »Ein einfaches Kreuz ist mit den Augen wahrgenommen sicher nichts Besonderes. Ertaste ich es jedoch, muss ich zunächst einer seiner Linien folgen und werde dann plötzlich durch eine weitere kreuzende Linie überrascht«. So »betrachtet« kommt also selbst einfachen Illustrationen eine ganz andere, eine neue Bedeutungsebene zu, wenn sie auch haptisch gestaltet worden sind. Eine Ebene, auf die sich auch Sehende einlassen können, wenn sie ihre Augen schließen.

»Vetrautes Terrain«, so der Name von Hartmanns Magazin, will nämlich auch diese Gruppe ansprechen. »Jeder Text erscheint nicht nur in Blindenschrift, sondern auch in normaler Schrift. Außerdem gibt es auch einige visuelle Gestaltungselemente wie zum Beispiel Fotografien«, so die Diplomandin. »Und weil weder ein Blinder noch ein Sehender das gesamte Heft auf seine Weise lesen kann, werden beide dazu angeregt, miteinander über den Inhalt zu sprechen und dabei ihre Erfahrungswelten auszutauschen.«

Das visuelle Editorial Design ist farblich wie typografisch sehr unaufdringlich. »Weil Blinde nur eine einzige Schrift zur Verfügung haben, habe ich den Standard-Schriftsatz Times New Roman für die normalen Texte gewählt«, erklärt Hartmann. Die visuellen Komponenten lenken aber nie vom haptischen Editorial Design ab, sondern laden vielmehr dazu ein, sich darauf einzulassen. Manchmal besitzen sie sogar selber eine haptische Ebene, was zum Beispiel an den Kapitelnummern deutlich wird – sie sind ausgestanzt.

»Vertrautes Terrain« ist vor allem ein thematisches Gesellschaftsmagazin. Die erste Ausgabe widmet sich dem Thema »Rauschen«. Darin werden zum Beispiel Wellenreiter aus dem Gazastreifen, ein dänischer Klangwissenschaftler und der Erfinder von LSD vorgestellt. Dem fertigen Magazin ging eine lange Phase der Recherche voran: »Ich habe mich mit Blindenvereinen ausgetauscht, wahrnehmungspsychologische Studien ausgewertet und mit einem blinden Künstler darüber gesprochen, auf welche Weise Blinde Ästhetik wahrnehmen,« sagt Hartmann. »Schließlich habe ich mich an eine Leipziger Blindendruckerei gewandt, um die verschiedenen Druckverfahren kennen zu lernen, die für so ein Magazin in Frage kommen.«

Hartmann versteht »Vertrautes Terrain« vor allem als Pionierarbeit: »Natürlich ist so ein Magazin in der Herstellung sehr aufwändig und für eine groß angelegte Massenproduktion sicherlich nicht geeignet«, erklärt die Diplomandin. »Darum ging es mir aber auch gar nicht. Ich wollte vor allem darauf aufmerksam machen, wie man als Gestalter Barrieren überwinden kann. Und aufzeigen, welche Bereicherung die haptische Ebene für das Editorial Design sein kann.« Bleibt nur noch zu hoffen, dass möglichst viele Gestalter »Vertrautes Terrain« einmal zu sehen (und zu fühlen) bekommen.













/. Slanted Interview

Gib uns bitte ein .paar Informationen über Dich und/oder die Firma, für die Du arbeitest.
Ich heiße Pia Hartmann, bin 24 Jahre alt und habe in diesem Sommer mein Diplom am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster gemacht. Während meines Studiums habe ich ein Semester in Lissabon studiert und direkt im Anschluss ein 6-monatiges Praktikum in Köln absolviert.

Was ist Deine Grafikdesign Richtung? Wie würdest Du Deinen Stil bezeichnen? Wo liegen Deine Stärken?
Sowohl meine Grafikdesign Richtung als auch meine persönlichen Stärken würde ich im Bereich des Editorial Design und der Typografie ansiedeln. Besonders spannend finde ich die Ganzheit von grafischer Gestaltung und haptischem Erscheinen, ich habe Freude an Papier, geometrischen Formen und Kontrasten.

Wo arbeitest Du am liebsten?
An meinem viel zu kleinen Schreibtisch.

Was inspiriert Dich?
Alles und nichts, weiße Wände.

Kannst Du uns eine kleine Beschreibung Deiner Arbeit geben?
»In Form eines Gesellschaftsmagazins lädt Vertrautes Terrain sehende und blinde Leser
dazu ein, eben genanntes Gebiet zu betreten und in neue Richtungen zu verlassen. Inhaltlich geführt von Menschen und ihren Geschichten eröffnet sich jedem Leser aus einem Pool visueller wie haptischer Gestaltungselemente ein – im wahrsten Sinne des Wortes – einzigartiges Heft, welches sich über das Gelesene hinaus im Austausch ganz preiszugeben scheint.« Soweit der Diplomkatalog. Erarbeitet wurde diese Umsetzung durch ein klares Konzept, die Reduktion von Gestaltung auf einfache ästhetische Werte, deren “Übersetzung” ins Haptische, die Variation von Papier und Format, den Kontrast von Sinnlichkeit und geometrischer Klarheit und das Spiel dieser Elemente miteinander.

Warum hast Du diese Arbeit gemacht? Wie bist Du auf die Idee gekommen? Was steckt dahinter?
Eine Frage auf die ich bis heute keine Antwort gefunden habe. Die Idee war einfach da – und ging auch nicht mehr weg. Daher sollte es das wohl sein.

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen/aussagen?
Eine Intention von »Vertrautes Terrain« ist es, den Gedanken darüber anzuregen,
inwieweit grafische Gestaltung und somit Ästhetik auch haptisch erfahrbar gemacht werden kann. Dies beinhaltet neben der Idee eines barrierefreien Printediums auch den Wunsch, haptischer Erfahrung in unserer visuellen Kultur nicht immer nur die Nebenrolle zuzusprechen. Die Kombination der Ansätze ergibt ein Magazin, dessen Erscheinung weder dem sehenden, noch dem blinden Leser vollkommen zugänglich ist. Es bleiben steht’s Erfahrungen verborgen, die jedoch dazu anregen, über den Sinn eines anderen entdeckt zu werden – meiner Meinung nach ein unglaublich spannendes Potential von Gestaltung.

Arbeitest Du eher darauf los oder gibt es lange Konzeptionsphasen?
Das ist ganz unterschiedlich und kommt auf das Projekt an.

Wie lange hast Du an Deinem Werk gearbeitet?
Im Hinterkopf habe ich die Idee schon fast ein Jahr mit mir herum getragen und über ihr gebrütet, bevor ich im Februar 2009 mit der Konzeption und dem Sammeln von Inhalten begonnen habe. Von da an blieben mir etwa 5 Monate für die Umsetzung des Projektes.

Wer hat Dich betreut und wie hast Du davon profitiert?
Meine Betreuer an der Hochschule waren Herr Prof. Quass von Deyen und Herr Prof. Troschke. Diese Kombination war für mich sehr gut, da die unterschiedlichen Kompetenzschwerpunkte der Dozenten genau meine Bedürfnisse abdeckten. Während Prof. Quass von Deyen mir vor allem in Fragen des Editorial Designs und der Konzeption zur Seite stand, fand ich bei Prof. Troschke umfangreiche Unterstützung im Bereich der Illustration, der haptischen Umsetzung und nicht zuletzt der Produktion. Darüber hinaus habe ich viele Kontakte, gerade im Bereich von Blindenpublikationen aufgebaut und für meine Arbeit nutzen können.

Hast Du Deine Arbeit handgemacht (gedruckt, veredelt etc.)?
Alle haptischen Elemente, die aus dem gedruckten Magazin das dual gestaltete Projekt »Vertrautes Terrain«machen, sind im Anschluss an den konventionellen Druck in Handarbeit entstanden. Neben ausgeschnittenen Elementen sind hier vor allem die Blindenschrift und die geprägten geometrischen Illustrationen zu nennen. Nachdem ich im Layoutprozess die Blindenschrift – durch eine Open Type simuliert – setzen konnte, wurden mir im nächsten Arbeitsschritt von einer Blindendruckerei nach meinen Vorgaben Druckplatten aus Kunststoff hergestellt. Mit Hilfe dieser Druckplatten konnte ich in der Druckwerkstatt der Fachhochschule die Blindenschrift Seite für Seite prägen. Alle sonstigen Prägungen sind im Holzschnitt entstanden.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?
Ich hoffe und freue mich auf die Chance, an spannenden Projekten mitwirken zu können – und langfristig vielleicht in diesem Bereich mein eigener Herr zu sein.

Weitere Infos und Kontakt zu Pia Hartmann:
info(at)piagertihartmann.de, www.piagertihartmann.de

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