Interview mit Ofra Amit

Illustratoren aus Tel Aviv

Autor: Heinrich Raatschen

In dieser Serie stellen wir euch die spannendsten israelischen, kreativen Köpfe aus den Bereichen Grafikdesign, Animation und Illustration vor. Zuletzt war dies die Illustratorin Masha Manapov, weitere Kreative folgen. Jetzt aber Ofra Amit.

Ofra Amit  ist eine israelische Illustratorin. Sie studierte Architektur, dann visuelle Kommunikation an der Wizo Academy of Design in Haifa, Israel. Ofra arbeitete zunächst im Bereich digitale Animation, lebte zwei Jahre lang in New York und ließ sich schließlich als Illustratorin in Tel Aviv nieder. Sie verwendet Acrylfarben auf Papier oder Karton, manchmal kombiniert mit Collagen, sowie Farbstifte. Ihre illustrierten Kinderbücher behandeln oft düstere Themen. So gelingt es ihr, Licht und kreativen Dialog in die schreckliche Lebensgeschichte des polnisch-jüdischen Schriftstellers Bruno Schulz (1892-1942) zu bringen, über den sie ein illustriertes Buch schuf. Ofra Amit hat viele israelische Auszeichnungen sowie zahlreiche internationale Preise gewonnen, darunter die Goldmedaillen der 3 × 3 Picture Book Show, der Society of Illustrators und den Israel Museum Award für Kinderbuchillustration. Ihre Arbeiten wurden in Europa, Südamerika, im Iran und in Israel ausgestellt. Ofra war Dozentin für Illustration an der Wizo Academy of Design in Haifa.

Übernimmst du kommerzielle Arbeiten und Werbe-Aufträge?

Ich bekomme selten solche Aufträge. Ich habe kürzlich einen kommerziellen Auftrag abgelehnt, obwohl es etwas war, das ich wirklich tun wollte, und obwohl das Konzept feministische Ideen integrierte, mit denen ich mich identifiziere. Doch das Unternehmen des beworbenen Produkts ist dafür bekannt, seine Geschäfte in einer Weise zu führen, die, obwohl indirekt, die Besetzung der palästinensischen Gebiete unterstützt.

Kommerzielle und werbliche Illustration ist eine eher manipulative Kunst. Für mich bedeutet es, den kreativen Prozess in einem distanzierteren Geisteszustand zu durchlaufen, so dass die Qualität der Arbeit nicht vom Einfühlungsvermögen des Illustrators oder dem Mangel an Einfühlungsvermögen für die Idee abhängt. Deshalb finde ich mehr Freiheit in der Buchillustration.

Du scheinst gut darin zu sein, mit dunklen Themen umzugehen. Würdest du jemals ein nettes Baby-Shark-Video produzieren wollen?

Ich habe kein Problem mit »Niedlichkeit«, solange es mehr ist, als nur niedlich zu sein. Für mich ist das Unvollkommene interessanter als das Perfekte und das Ideal. Ebenso bei »Dunkelheit« oder »Traurigkeit« – es muss es auch eine positive Seite geben. Lange Zeit waren meine visuellen Interpretationen zu einseitig (zur dunklen Seite hin). Aber Einseitigkeit bedeutet wörtlich übersetzt Abflachung. Für mich muss die künstlerische Suche also nach dem empfindlichen Gleichgewicht zwischen Traurigkeit und Glück, gut und schlecht, dunkel und hell streben. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich diese scheinbar offensichtliche Erkenntnis in meiner Arbeit umgesetzt habe.

Findest du künstlerische Seelenverwandte eher in der Kunstwelt oder bei Schriftstellern?

Natürlich habe ich mit Menschen aus den visuellen Bereichen gemeinsame Interessen und gegenseitiges Verständnis, aber ich denke, dass künstlerische Seelenverwandte auf der Grundlage des künstlerischen Tuns und nicht auf der Grundlage des künstlerischen Feldes entstehen. Es kann Literatur, Film, Musik usw. sein, es spielt keine Rolle. Was Menschen zu künstlerischen Seelenverwandten macht, ist, dass sie durch ihre Kunst einen ähnlichen Blickwinkel teilen.

Würdest du gerne Bühnenbilder oder Theaterplakate gestalten?

Ja, das würde ich gerne! Ich habe diese Vorliebe für dreidimensionale Kunst, und ich entwerfe und baue gerne Schachteln und andere 3D-Objekte in meiner Freizeit. Ich arbeite in der Regel in kleinen Formaten und werde von großformatigen Projekten wie Bühnenbild leicht abgeschreckt. Vor einiger Zeit hatte ich jedoch die Möglichkeit, ein Wandbild in einem großen Raum zu schaffen. Der Arbeitsprozess war für mich so faszinierend und aufregend, dass man sich auf Bühnenbildprojekte definitiv freuen kann.

Wie hast du es geschafft, an einer Ausstellung im Iran teilzunehmen?

Ich habe viele Facebook-Freunde aus dem Iran, die alle auf die eine oder andere Weise mit Kunst zu tun haben. Es ist so toll, unabhängig von der politischen Situation zwischen unseren Ländern eine Verbindung herstellen zu können. Wenn es irgendwelche positiven Seiten von Social Media gibt, ist dies definitiv eine davon. Vor einigen Jahren hat mich einer meiner iranischen Kollegen eingeladen, an einer Ausstellung von Illustrationen zur Poesie teilzunehmen. Neben den iranischen Illustratoren gab es auch einige Illustratoren aus der ganzen Welt, die ihre Kunstwerke präsentierten. Natürlich konnte ich eine solche Gelegenheit nicht ablehnen! Ich schickte eine digitale Datei, die gedruckt und ausgestellt wurde. Das Einzige war, dass ich kein physisches Exemplar des Ausstellungskatalogs bekommen konnte. Wie auch immer, es war ein echtes »Kunst ist eine Brücke zwischen den Kulturen« Gefühl.

Hier ist ein Videoporträt über Ofras Arbeit.

Alle Abbildungen stammen aus dem persönlichen Buchprojekt Kashtanka, einer Kurzgeschichte von Anton Tschechow, Abbildungen von Ofra Amit.

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