OPEN SET Summer School 2018

OPEN SET Summer School 2018

Rückblick

Author: Clara Weinreich

Letztes Jahr in Rotterdam, zog die Open Set Summer School 2018 dieses Jahr in eine der wohl skurrilsten und buntesten Städte der Welt: Amsterdam. Kaum eine andere Stadt vereint Traditionelles, Modernes, Gemütliches, Lautes, Sauberes und Schmutziges so gekonnt wie diese Metropole. Nah am Wasser gebaut – weit davon entfernt traurig zu sein. Für uns jedenfalls Grund genug die Stellung vor Ort zu halten und einen Fuß auf das »schillernde Schiff« zu setzen. Wir waren für euch bei einem der Workshops dabei und berichten über die Tage voller Inspiration und spannendem Input.

Wohl kaum eine andere Location würde dem diesjährigen Thema der Open Set Summer School »Fluid Rhythms – Urban Networks and Living Patterns« besser gerecht werden als dieses niederländische Wunderland. Kunst findet sich hier an jeder Straßenecke. Angefangen bei auffälligen Stickern auf Stromkästen, über zugewucherte Hauseingänge (die gleichzeitig als Fahrradfriedhof dienen) bis hin zu bunt bemalten Häusern, welche oftmals schief genug stehen, um selbst als Kunstwerk durchzugehen. Wem das Angebot auf der Straße nicht reicht, wird in Museen, Ateliers und Shops garantiert auf seine Kosten kommen.

Abseits des reizvollen Zentrums, werden die Gläser der rosaroten Brillen allmählich wieder transparent. Wie überall auf der Welt, spürt man auch in den Vororten Amsterdams die Bitterkeit der Leistungsgesellschaft. Märchenschlösser weichen hier grauen »Legebatterien«, Anmut der Armut. Von Fehlern der Integration und Stadtplanung gezeichnet, galt das Neubaugebiet Bijlmer zeitweise als eines der kriminellsten Viertel Europas. Doch wie es für Künstler und Designer üblich ist, galt auch hier: Schönheit liegt im Auge des Betrachters und beobachtet man seine Umgebung genau genug und lässt sich bedingungslos darauf ein, nimmt man früher oder später den Regenbogen inmitten des Gewitters wahr. In dieser Umgebung sollte die Summer School stattfinden und den Teilnehmern einen Nährboden für ihre Ideen bieten.

Die insgesamt zehntägige Workshopreihe (15.08. bis 25.08.2018) bestand aus einem intensiven Programm, währenddessen sich praktisches Arbeiten, Symposien, Seminare und Gruppendiskussionen bestens ergänzten und soziale Interaktion ausreichende Abwechslung boten. Um die Teilnehmer anfangs ein wenig aufzuwärmen und sie an ihre neue Umgebung zu gewöhnen, wurde zu Beginn eine kleine Erkundungstour durch das Viertel Bijlmer gestartet. Dabei wurden alle erst mit historischem Wissen und anschließend beim Get-together, mit leckerem Essen und Getränken gefüttert.

Die diesjährigen Workshopleiter waren unter anderem Nadia Al Issa / ChristidiAnton KatsHeather BarnettDash N’ Dem und Pei-Ying Lin, deren Seminare in vier unterschiedlichen Locations stattfanden, wobei den Teilnehmern im Vorfeld die Möglichkeit gegeben wurde, sich für die Workshops ihrer Wahl anzumelden, um somit in kleineren Gruppen intensiver zusammenarbeiten zu können.

Heather Barnett, englische Künstlerin und Professorin in den Bereichen BioArt, Umwelt- und Lebensmittelkunst, sprach die Teilnehmer dabei besonders an. Ihr Interesse gilt in erster Linie dem Slime Mold, einer Art Schleimpilz, der als eigenständig denkende Instanz sein Überleben durch (beinahe schon) intelligentes Verhalten sichert und dabei einzigartige Formen und Farben annehmen kann. Heather sieht darin so etwas wie ein Bewusstsein und versuchte allen diese Wesenszüge durch personifizierte Fragestellungen näher zu bringen. Welche Mahlzeiten bevorzugt der Slime Mold? Welche Sachen umgeht und welche beschlagnahmt er? Wie geht er dabei vor? Wie schnell wächst er? Um die Antworten darauf zu kriegen und den Aufbau der Materie zu verstehen, galt es in die Rolle des (ursprünglichen) Einzellers zu schlüpfen und – orientiert an unserer Umgebung – zu lernen wie er denkt. Dazu starteten die Teilnehmer ihre Erkundungstour durch Bijlmer und hielten die Augen nach nicht-humanen Verknüpfungen (networks) offen, die sich aus jeglicher Art von wiederholter Anordnung zusammensetzen konnten.

Das Aufsuchen solcher Objektreplikationen ließ nicht lange auf sich warten: Auffällige Häufungen ausgespuckter Kaugummis auf dem Boden, akkurat angeordnete Mülltonnen des selben Modells, eine Allee aus Überwachungskameras und vieles mehr, machten das Prinzip des Slime Molds schnell verständlich und lieferten gleichzeitig Denkanstöße für eine neue Art der Wahrnehmung. Im weiteren Verlauf wurde eine Karte erstellt, welche das potentielle Fortbewegungsmuster des Molds im Vergleich zum Menschen innerhalb eines Parks aufzeigen sollte.

Ausreichend auf die Materie sensibilisiert, wurde zum Ende hin ein sogenanntes temporäres, stigmergisches System entwickelt, um die Kommunikationsweise des Slime Mold zu veranschaulichen. Die einzelnen Individuen kommunizieren nicht direkt untereinander, sondern hinterlassen sich indirekte Botschaften. Man kann es sich als eine Art Reaktionstest vorstellen, in dem wir die Aufmerksamkeit vorbeilaufender Passanten auf sonst eher unauffällige Objekte lenkten, was durch das Anbringen sich farblich abhebender Klebebandstreifen erzielt wurde. Menschen schenkten der Veränderung Beachtung und blieben stehen. Ähnlich läuft es beispielsweise bei Ameisen ab, die mittels spezieller Duftstoffe kommunizieren.

Die anschließende Seminar-Session – gehalten von Pinar Sefkatli und Rebekah Wilson – nahm beinahe philosophische Züge an. Die Teilnehmer befassten sich mit verschiedenen Definitionen und Erkundungen des Rhythmus, wobei der Denkanstoß, Rhythmus als DEN Territorium bildenden Faktor zu betrachten, interessante Diskussionen innerhalb der Gruppen entfachte.

Die Auseinandersetzung mit biologischen, unberechenbaren Komponenten in Kombination mit kalkulierter künstlerisch-philosophischer Sichtweisen, machte in diesem Jahr den größten Reiz der Themen aus. Insgesamt bewegte sich die Arbeit ständig zwischen zwei Welten: Kunst und Wissenschaft. Diese zwei Interessensfelder werden leider zu oft isoliert voneinander betrachtet, und könnten sich dabei wundervoll ergänzen. Die Natur ist am Ende des Tages die unerschöpflichste Kraft und größte Ideenschmiede überhaupt. Ein Umstand, der zwar leider zu oft in Vergessenheit gerät, durch Veranstaltungen wie die Open Set Summer School aber am Leben erhalten wird.

In diesem Sinne, ein großes Danke an die Veranstalter für das Näher bringen dieser leider noch zu selten aufgegriffenen Gestaltungskonzepte. Für all jene, die abseits ausgetretener Designerpfade treten wollen, können wir nur eine große Empfehlung für die kommenden Jahre aussprechen. Ihr werdet es nicht bereuen! Seid ein Slime Mold und wachst durch das, was um euch herum geschieht!

Wenn ihr selber noch Lust habt Teil von Open Set 2018/19 zu werden, dann meldet euch gleich zum Open Set LAB an. Zu verschiedenen Zeitpunkten von Oktober bis Februar bietet das LAB Raum, zusätzlich praktisch an Themen aus der wissenschaftlichen Forschung zu arbeiten und soll Praktiken in den Feldern Kunst, Design, Stadtplanung, Performance und Geisteswissenschaften vertiefen. Noch ist bis zum 24. September Zeit, sich hier für das Programm in Amsterdam zu bewerben.