Interviews

Amélie Fontaine / French Illustrators Special

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Paris ist die europäische Hauptstadt für Kunst und Kultur, die Museen der französischen Hauptstadt bergen Reichtümer aller Kulturen und Kontinente. Aber auch die immer aktuelle, kreative Gegenwartskunst hat in Paris ihre Heimat. Immerhin wurde hier vor 150 Jahren das Prinzip der Bohème erfunden, des armen, aber glücklichen Künstlers, der nur für seine Kunst lebt, notfalls bei trocken Brot und in der ungeheizten Dachmansarde. Jedenfalls steht es so in den Romanen und Operetten die darüber geschrieben wurden. Und natürlich hat Paris heute eine lebendige, professionelle, international vernetzte Design-Szene, die wir euch im SLANTED Magazin #25 – Paris  vorstellen. Spannend ist auch die Arbeit der Pariser Illustratoren und Illustratorinnen, die wir euch mit einer laufenden Serie hier auf dem Blog präsentieren. 

Amélie Fontaine ist 28 Jahre und lebt in Paris. Sie hat Zeitungsillustrationen (Le Monde, Libération, Revue Citrus und andere) gemacht, sie hat Bücher anderer Autoren illustriert und zwei eigene illustrierte Bücher herausgegeben. Wir sprachen mit Amélie auch über eine Video-Reportage, die 2014 von France Inter produziert wurde, für die Amélie die Illustrationen zeichnete und die junge Leute in verschiedenen Ländern Europas vorstellt. Die illustrierten Reportagen erschienen im März 2015 auch bei dem Verlag Actes Sud als Buch: I like Europe. Amélie Fontaine hat Abschlüsse der EPSAA Ecole Professionnelle d'Arts et d'Architecture de la ville de Paris und der ENSAD Ecole Nationale Supérieure des Arts Décoratifs, ebenfalls in Paris.

Was war dein schönstes Illustrationsprojekt bisher?

Ein Projekt, das mir in der letzen Zeit sehr am Herzen liegt, ist ein persönliches Zeichenvorhaben: eine Serie über Quallen. Ich bin gerade dabei, daraus ein selbstverlegtes Buch zu machen. Ich komme ursprünglich aus der Grafik, ich denke, dass das in meiner Arbeit ein wenig durchscheint. 

Wo hast du an dem Projekt gearbeitet?

In meinem Atelier. Das Atelier ist wichtig, weil es ein Raum ist, an dem man allein sein kann, in dem man sich wohl fühlt. Ich mag es auch in weniger bequemen Umfeldern zu zeichnen, ins Notizbuch, das ist dann eine Art, diese Sicherheit aufzugeben. Aber sobald ich ernsthaft und an größeren Formaten arbeite, mag ich es im Atelier zu sein. Da ist das Chaos auf meinem Tisch, alles durcheinander, aber ich weiß wo jeder Bleistift, jedes Blatt ist.

Was ist stärker: Papier, Bleistift, oder Vektor? 

Für mich sind das Papier und Bleistift. Ich fühle mich mit Computergrafik nicht wohl, denn ich mag das Gefühl von Bleistift auf Papier, den Widerstand des Materials. Und vor allem lässt das Raum für den Zufall, etwas das man mit Vektorgrafiken vollständig verliert, sie erlauben alles zu kontrollieren, die Strichführung zu überarbeiten oder zu löschen. Danach benutze ich trotzdem viel den Computer, um meine Bilder zu kolorieren, weil ich oft einen Eindruck von Serigrafien herzustellen versuche. Tatsächlich benutze ich für die Farbgebung lieber den Computer und seine reduzierte Farbauswahl mit Volltönen. 

Wann magst du die Kooperation mit anderen - während der Konzeption oder der Produktion? 

Vor allem mag ich es mit Leuten aus ganz fremden Milieus zu arbeiten, wenn jeder verschiedene Kompetenzen und Weltbilder mitbringt. Ich würde beispielsweise gerne einmal mit einem Wissenschaftler zusammenarbeiten, oder auch einem Musiker. Ansonsten ziehe ich eine Zusammenarbeit während der Konzeptionsphase vor.  Während der Produktion fühle ich mich wohler wenn ich allein sein kann, um Sachen auszuprobieren. 

Wenn du Illustrationen für literarische Texte entwickelst, ist das eine persönliche Beziehung? 

Nicht unbedingt. Denn ich habe schon oft mit Autoren gearbeitet, ohne ihnen zu begegnen. Manchmal ist das besser, weil es ermöglicht, eine größere Entfernung zum Text zu haben. Das Wichtige ist, einen neuen Blick darauf zu werfen und mit dem Bild nicht noch einmal auszudrücken, was im Text schon gesagt wird, weil eben die Gegenüberstellung von zwei Welten interessant ist. 

Für andere Projekte, wie das Projekt I like Europe mit Caroline Gillet, haben wir wirklich zu zweit im Einvernehmen gearbeitet, wir haben über den Text diskutiert und sie hat ihrerseits auch Ideen für die Bilder beigetragen. Das hat völlig wie ein Dialog funktioniert, das war eine neue Arbeitsweise für mich.

Willst du ein wenig über dieses Projekt mit France Inter erzählen? 

Caroline, die Journalistin bei France Inter ist, hat sich mit mir in Verbindung gesetzt, als sie schon zwei Jahre an einer Radio-Serie arbeitete, die I like Europe hieß. Sie hatte das mit Aurélie Charon ausgearbeitet und beide waren durch Europa gereist, um Jugendlichen zu begegnen. Durch sie entstand das Porträt einer Generation der Unter-30-Jährigen: die Generation Erasmus, ewige Praktika, mit der Wirtschaftskrise im Hintergrund, aber manche von ihnen auch engagiert in Initiativen oder spannenden Projekten. 

Caroline suchte einen Zeichner, um sie während ihrer Reportagen zu begleiten, darum ich habe mich dem Projekt 2014 angeschlossen und es wurde während der Europawahlen im Mai 2014 größer. Wir sind zusammen in 6 oder 7 europäische Hauptstädte gereist, und während sie ihre Interviews machte, habe ich gezeichnet und Fotos gemacht. Ich musste dann innerhalb von zwei Tagen ein animiertes Porträt von der Person schaffen, das Video wurde auf der Website von France Inter gepostet. 

Das war eine große Herausforderung, man musste ein Lösungen finden, um schnell und erfolgreich zu zeichnen, und das unter oft nicht sehr bequemen Bedingungen – mit dem Zeichenblock auf den Knien, oder auf der Ecke von Kaffeehaustischen. Zur gleichen Zeit waren die Begegnungen sehr spannend und ich konnte Orte entdecken, die ich anders niemals besucht hätte, wie Riga in Lettland oder die Geisterstadt Famaguste auf Zypern. Schließlich ist aus dem Projekt ein Buch geworden, das im März 2015 bei Actes Sud Junior erschien, es umfasst 10 Porträts.

Wer ist der beste Illustrator / Illustratorin der Vergangenheit, für den du dankbar bist? 

Topor, für seine surrealistischen, lustigen und ein wenig grausamen Bilder. 

Erinnerst du dich wo du am 7. Januar warst? 

In meinem Atelier, ich arbeitete an einer Zeichnung, eine große Qualle, für eine Ausstellung. Ich sah die Nachrichten im Internet und habe das Radio eingeschaltet.

 

 

 

 

ThomasD

Die Bilder von Topor sind sehr originell, aber schockieren manchmal auch.

Das Bild mit der Tasse Kaffee gefällt mir sehr. Der Kontrast zwischen der Tasse mit geometrischen Mustern und der Flüssigkeit macht einen interessanten Eindruck.

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