Im September 2014 eröffnete offiziell das Toni-Areal, der Campus für die Hochschulen der Künste und der angewandten Wissenschaft (ZHdK und ZHAW). Auf diesem Areal verarbeitete bis 1999 der größte Milchverarbeitungsbetrieb Europas unter anderem das Joghurt im Glas. Der Gebäudekomplex liegt inmitten des ehemaligen Industriequartiers im Westen der Stadt Zürich. Mit viel Aufwand bauten die Architekten EM2N diesen Industriebau in einen markanten Campus um. Der Auftrag für die Signaletik ging an Bivgrafik, Visuelle Gestaltung, Zürich zusammen mit Hi – Visuelle Gestaltung, Luzern. Die Beschriftung wurde spezifisch für das Gebäude und die damit verbundenen Bedürfnisse entwickelt. Sie wurde als Teil der Architektur verstanden: „Wenn wir eine Wand gestalten, gehen wir nicht, wie das in der Grafik üblich ist, in die Fläche, sondern positionieren die Schrift in Bezug zur räumlichen Situation.“ Diese Haltung wider-spiegelt sich auch in der finalen Realisierung und ihren Anwendungen. 

Die Beschriftung der Haupterschließungsachsen spielt mit der Perspektivenveränderung. Markante Buchstaben falten sich als Relief aus den Wänden, sie tauchen auf und verschwinden wieder. Als Informationsträger oszillieren sie in ihrer Körperlichkeit als räumlicher Buchstabe zwischen aufgemalter Zweidimensionalität und dreidimensionalem Raumobjekt. Formal erinnern die entstandenen Zeichen an Tarnkappenflugzeuge (#1,#2). An anderen Stellen werden die individuellen Materialen der jeweiligen Untergründe aufgenommen, so wird zum Beispiel eine Betonschrift auf Sichtbeton montiert. Der Ansatz ist ein funktionierendes Paradoxon. Zeichen (#3) lösen sich je nach Blickwinkel auf oder werden fragmentarisch, sie scheinen sich aber als Bezeichnung zu bewähren.  

#1: Stealth Tarnkappentechnik bezeichnet alle Techniken, die eine Ortung eines Flugzeugs, Fahrzeugs oder Schiffs erschweren durch Unterdrücken der vom georteten Objekt ausgesandten oder reflektierten Emissionen. Im engeren Sinne bezeichnet der Begriff Techniken, die eine Radarortung erschweren sollen, ohne aktiv Störsignale auszusenden. Auffällig ist meist ihre eigenwillige kantige Gestalt.

#2: Stealth war während der Schriftentwicklung der Areal-BL auch ihr Arbeitstitel. Stealth steht im englischen wörtlich für „Heimlichkeit“ oder „Schläue“.

Die Schrift wurde eigens für das Orientierungssystem im Toni-Areal entwickelt. Ihre charaktervolle Form verdankt sie vielleicht dem, was für ein Projekt Dilemma und Chance zugleich sein kann. Bei ersten Entwürfen wird die DIN-Schrift für Untersuchungen eingesetzt. Die Eigenschaften waren stimmig. Jedoch war sie dem Designteam deutlich zu besetzt, strapaziert und ab-genutzt. So werden ihre spezifischen Eigenschaften zur Vorgabe für die Areal-Schriftentwicklung. Daraus ist eine Schrift mit schmalen Versalzeichen, in die Ecken getriebene Rundformen und eine insgesamt grafisch gehaltene Formensprache entstanden. Die Mischung aus kompakten Buchstabenformen, flachen Unterlängen in Verbindung mit der runden Interpunktion prägen ihren Charakter. Die Anmutung und Ausstrahlung der folglich daraus entwickelten Textschriftversion ‚Areal-BL‘ erinnert in ihrem Schriftbild frei interpretiert an die eng laufenden amerikanischen Grotesk-Schriften der 1950er und 60er Jahre, wie die News Gothic oder Trade Gothic. Entworfen wurde das Grundalphabet von Claudio Barandun (Hi).

In Kollaboration mit Binnenland (Mika Mischler & Nik Thoenen) wurde die Schrift Areal-BL erarbeitet und ausgebaut und ist nun auch bei Binnenland zu lizenzieren.

#4: Specimen-Poster Siebdruck schwarz auf Weltformat (Plakatformat 90,5 × 128 cm). Das Areal-BL Specimenposter wurde 2014 eines der 100 beste Plakate Deutschland, Östereich, Schweiz. 

Das produzierte Specimenposter spielt mit den Aspekten Kommunikation und Information, welche die Schrift als Medium mit sich bringt. Der Wikipediaeintrag ‚Signals Intelligence‘ liefert den Inhalt. Hier wird die Gewinnung von Information über Abhören, Erfassen und Analysieren von Signalen beschrieben, wie sich die Technologien geschichtlich entwickelten, aber auch, in welchen Kategorien operiert wird. Das Specimen mit seinen über 60’000 Zeichen steht trotzdem auch für das Bruchstückhafte. Das Fragmentarische liegt in der Natur der Sache. Das Ganze, selbst in der Verwebung aller Zusammenhänge, ist nie fassbar. Für unser alltägliches Funktionieren ist das nicht von elementarer Wichtigkeit. Zusammenhänge erschliessen sich, werden interpretiert oder sind nicht von Belang und entfallen. Schrift als Hilfsmittel zur Kommunikation besteht aus Fragmenten (#5). Es gibt den so genannten‚ ganzen Stein‘ nicht, da Form (Schrift) immer an Inhalt (Text) gebunden ist. Jedes Zeichen, jedes Wort, jeder Satz kann für sich isoliert mit einer zugeordneten Bedeutung jedoch verstanden werden, sie sind aber auch immer Teil eines weiterführenden Ganzen und Übergeordneten. Für das dem isolierten Buchstaben zugrundeliegende Fragmentarische finden wir im Interpretationsraum der Signaletik einen Informationsgewinn. Die Information, die Funktion und die Interpretation sind immer an die Rezipierenden und ihr Verstehen gebunden und nicht an die Sache selbst. Im Toni-Areal finden wir nun unter 2048 Türen die richtige zum Schulraum, Büro, Werkstatt oder Sekretariat zur, Bibliothek, zum Hörsaal, Kino, Konzertsaal oder zu den Gastronomiebetrieben.

Areal-BL

Foundry: www.binnenland.ch 
Designer: Claudio Barandun in collaboration with Binnenland
Veröffentlichung: 2013
Schnitte: Book, Biiok Italic, Medium, Medium Italic, Black
Preis pro Schnitt: 50.- Euro
Preis Familie: 200.- Euro

 


#5: Fragment Das antike Latein kennt fragmentum nur in physischer Bedeutung: als ‚Bruchstück eines Steins‘. Erst seit der Renaissance wird das Wort von Philologen mit der Bedeutung „literarische Bruchstücke“ versehen und gebraucht. Fragmente sind nicht selbstgenügsam.“ Sie regen vielmehr weitere literarische oder intellektuelle Produktion an. Als ästhetisch wertgeschätzte – und in diesem Sinn ‚angestrebte‘ – Form ist das Fragment ein typisch modernes Phänomen, wie vor allem Theodor W. Adorno herausgestellt hat: „Kunst obersten Anspruchs drängt über Form als Totalität hinaus, ins Fragmentarische.“

© Bildcredits: Bivgrafik, Hi – Visuelle Gestaltung, Nik Spoerri, Binnenland

 

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