Cover Art: Tocotronic vs New Order / Fleurop & Rockmusik

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Tocotronics aktuelle Veröffentlichung lässt auf den Frühling hoffen und bereichert das Thema Blumen in der Covergestaltung um eine weitere Facette. Eine ernsthafte Betrachtung.

Ist Tocotronics ordentlich gebundener Blumenstrauss auf Schall & Wahn als Antwort auf New Orders derangiertes Blumenbouquet aus der frühen Sturm & Drang Phase (post Joy Division, prä Blue Monday) auf »Power, Corruption & Lies« zu sehen (abgesehen vom Farbcode)? Gibt es weitere Beispiele (wie dieses hier)? Wann wird es Frühling? Närrische Tage.

Boris

Eingesendet von Wilhelm Opatz:

"Meine Popsammlung gibt leider nichts her. Nur in der Klassikabteilung gibt es ein völlig verkitschtes Beispiel aus den 50ern (Edvard Grieg: Peer Gynt)

Beste Grüße
Wilhelm"

flo

betty von helmet hatte doch in den neunzigern ein tolles & überraschendes cover, das die üblichen visuellen codes des genres unterlaufen hat – http://blogs.houstonpress.com/rocks/03%20helmet.jpg

marco

hans schumacher

Super! Tolle Ausbeute bisher. Das Helmet Cover kannte ich gar nicht, und Danke für den Peer Gynt, Klassik scheint mir gar nicht so abwegig in Bezug auf power, corruption & …; hauptsächlich wegen (ich hab das jetzt mal versucht im garageband auf der Klaviatur zu überprüfen: Tatsache: Leave me alone – letzter song des Albums – endet mit so einer Art Oktavsprung-Figur auf dem Bass, die auch gerne bei Symphonikern zum Ausklang Verwendung findet, glaube ich! – die Gesangsmelodie bedient sich übrigens ausschließlich der weissen Tasten, was so eine Art Kirchentonart ergibt. Kleiner Versuch in Musiktheorie, leider völlig ohne Gewähr) Und was den Kitsch betrifft:

Hier ist noch eins von electronic, quasi die Entsprechung zu Helmet – wenn auch musikalisch eine völlig andere Spur – und nicht von P. Saville (der das Blumencover auf Basis eines Gemäldes eines gewissen Fantin-Latour – Tate-Gallery, courtesy of the trustees – gemacht hat – nette Verpackung für Lieder mit Titeln wie Ultraviolence und Leave me alone; hat übrigens auch diese Floppy-Disc Stanzungen wie bei der Blue Monday 12inch auf der Rückseite). Frohen Valentinstag!

flo

die schönsten künstlichen blumen gibts für mich visuell/klanglich bei animal collective: in the flowers – http://www.youtube.com/watch?v=SY8WH8qgBLM

das tocotronic-cover basiert auf einem foto von jeroen de rijke und willem de rooij > bouquet IV, 2005. obs daher eine anspielung auf new order ist? ich glaube, die fischen einfach im kunstbereich.

danke hans, ebenso!

hans schumacher

zu Adolar – ähem, da scheint mir ein schräger Witz auf die 'blühenden Landschaften' gemacht zu werden, aber kann man schon mal auf myspace verlinken, oder:
http://www.myspace.com/adolarband

Ich glaub auch, flo, das tocotronic eher nicht New Order im Sinn hatten, hatte aber nicht den Mumm zu schreiben: was ist besser – tocos oder new order (von der Verpackung her) – Klar dass meine persönliche Neigung eher zu New Order geht, von wegen frühjugendlicher popmusikalischer Prägung (soll heissen: für den Berufsjugendlichen in sich soll man sich nicht schämen, Tocotronic werden ja auch älter)

CHR15

hans, was muss ich da lesen?
ist doch klar, wer die um längen besseren cover hat: joy division/new order. dank peter saville!

abgesehen davon: die tocos hätten spätestens nach der zweiten platte ihre dämliche wortmarke verabschieden müssen. warum die daran festhalten ist mir gerade auch aus band-innenpolitischer sicht ein rätsel.

ansonsten: schöne grüße!

flo

einspruch, chris:

– tocotronic ist eine band (oder so etwas), die musik über musik machen, ein logo über bandlogos, und eine band über (männliche rock- & gitarren-)bands. alles andere als authentisch. insofern ist es klasse, dass sie dieses leicht schrottige logo immer noch mit sich herumtragen, ganz bewusst (siehe verschiedene interviews wegen der vö., u. a. spex).

– peter saville's cover sind definitiv spitze, dieses aber auch ganz klar im geist der damaligen zeit = historisierende postmoderne. irgendwo elitär. während tocotronic eigentlich immer ganz angenehm unelitär daherkommen. trotz (gegenwarts-)kunst & verschiedenem textgeschwurbel oder referenzialität.

– interessant ist das cover von kapitulation (toco, 2007), weil dort etwas ähnliches passiert wie hier / bei new order, mit historischen bezügen bzw. der kombination mit dem titel.

– aktuelles (toco-)cover: prosaisch, neutrale ausleuchtung, weißer grund, egalitäre bindung bzw. zusammenstellung des straußes (obwohl irgendwo dunkle(r) musik bzw. titel). new order: poetisch, dramatische beleuchtung, schwarzer grund, krasse komposition (= deckt sich mit dem titel).

– tja – was ist besser? beides sehr gut, würde ich sagen. eleganter und weniger bedeutungsschwer kommt mir das toco-cover vor. heute, wohlgemerkt. saville hat natürlich sehr geschickt (vermutlich für grafikerInnen) diese farbecke eingefügt (= mehrwert?). das war damals großartig – tocotronic ist das, was wir jetzt gerade haben. ich finde es trotzdem super.

beide sind nicht besonders populär bzw. alles andere als authentisch (vielleicht im gegensatz zu syd barrett). auch interessant, oder?

hans schumacher

Ihr habt beide recht (das ist jetzt ein Versuch in Diplomatie, bei dem man sich nur heillos verheddern kann …) ich neige auch eher zu Savilles Coverkunst, CHR15, aber da steckt schon ein (elitärer) Anspruch hinter, der schließlich den Nimbus des ganzen Labels, Factory, geprägt hat – also deswegen steht man bei Savilles Cover ja auch einer Corporate Design/Identity Leistung gegenüber, die, solange es das Label gab, auch ganz famos funktioniert hat – mit sehr unterschiedlichen Erscheinungs/Ausdrucksformen, 'Brotherhood', also die nächste nach 'Power, …' nebst begleitenden Singles hatten (reproduzierte) Metalloberflächen – die Musik war teilweise auch recht schroff. Das mit der Authenzität trifft New Order ja auch wirklich, Joy Division waren authentisch, New Order eine Band ohne Sänger (bis ca. Temptation) –

wie flo schon sagte: beide Bands (Tocotronic wie New Order) stehen in gewisser Weise ausserhalb der Rocktraditionen, die vom Künstler die Deckung von Leben/künstlerischem Ausdruck verlangt – i know where Syd Barrett lives, madcap Barrett (by the way: Dies ist hier nicht Seattle, Dirk! wurde Tocotronic ja schon mal zugerufen – hätten Tocotronic also auf ihre Karriere verzichten sollen, weil sie nie Nirvana werden konnten – glücklicherweise nicht, denn: Pure Vernunft darf niemals siegen!)

hans schumacher

erratum: Low-Life kam nach 'Power …' – mit Porträtfotos der Bandmitglieder auf dem Cover (ähnlich der aktuellen Gossip), danach Brotherhood

kai

als tocofan der ersten stunde kann euch Ich Euch nur raten (wie schon flo), das aktuelle spex-interview mit tcotronic zu lesen. da wird klar, wie es zu dem cover kam und auf welche weise es den inhalt der platte wiederspiegelt.

generell wird in das gesamtwerk tocotronic viel zu viel reininterpretiert - ein übel, das nicht zuletzt tocotronic selbst nur schwer verkraften.
apropos new order - allen musiknerds sei das buch "Rip It Up And Start Again" empfohlen - ist nicht neu, aber aufschlussreich. schönen sonntag noch!

hans schumacher

hallo kai – danke für den Tip! Wollte den Antagonismus Tocotronic/NO eigentlich garnicht so sehr strapazieren, daher hier die Ausbeute des Sonntag-Vormittags am Plattenregal. Fazit: Mehr Blumen als vermutet, auch und gerade im Postpunk:
1. PIL, flowers of romance (naja, vielleicht zu naheliegend)
2. liz phair … blumen bei reichlich unblümten lyrics (braucht eigentlich den parental advisory aufkleber … )
3. wire, chairs missing, 1978 – das mir die nicht sofort eingefallen ist
4. trockenblumen für brian eno's »warm jets«

Bettina Klix

Zum Liz Phair Whip-Smart-Cover:
1994:
Bevor Liz Phair ins Studio zu David Letterman kommt, um "Supernova" zu performen, gibt es eine rührende Einführung. Letterman hält die "Whip-Smart" Platte hoch und erklärt, dass dies Vinyl sei. Und er führt vor, wie er einen imaginären Plattenspieler damit bestückt, "This is how people of my generation enjoyed their Rock'n Roll Music."-

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