Aufmerksame Slanted-Leser haben sich eventuell schon gefragt, weshalb unser Blog noch nicht über das Thema des Versal-ß berichtet hat, das momentan in aller Munde ist. Um ehrlich zu sein, wollten wir zunächst die erste Euphorie abebben lassen, genauer nachlesen und vielleicht der ein oder anderen ẞ-Party beiwohnen, bevor wir unsere Meinung dazu teilen.Der lesenswerte und sehr ausführliche Beitrag von Adam Twardoch zu diesem Thema, der das ẞ auch erklärt für alle die weder Schriftgestalter sind, noch Deutsch als Muttersprache haben, hat uns nun inspiriert Stellung zu beziehen: Das ẞ ist als deutscher Buchstabe weltweit einzigartig, aber wohl so tief in der deutschen Aussprache verankert, dass man von nicht-deutsch Sprechenden bei dieser Debatte eventuell ein paar schräge Blicke einfangen wird. Tatsächlich wurde die Glyphe länger vernachlässigt und hat ihre fünfzehn Minuten Ruhm verdient. Das Versal-ß gibt es nämlich nicht erst seit 2017.Obwohl das große ß ein Werk der Moderne ist, stammen erste Entwürfe und sogar Bleiversionen bereits aus den grauen Urzeiten des beginnenden 20. Jahrhunderts – sprich Neunzehnhundertund … Auch im Unicode ist das Versal-ß schon seit 2008 vermerkt: “ẞ” the uppercase form of “ß”, Unicode U+1E9E. Aber was ist denn nun genau neu? Korrekt ist, dass das Versal-ß seit diesem Jahr, um genauer zu sein seit dem 29. Juni 2017, Teil der erneuerten deutschen Rechtschreibregeln ist. An diesem Tag wurde die neuste Edition der deutschen Rechtschreibung veröffentlicht, die die Reform von 2006 ersetzt. Genau lesen kann man sie auf eigene Gefahr hier. Laut diesen neuen Regeln hat jeder Buchstabe nun offiziell ein großgeschriebenes Pendant, auch das ß. Für Gestalter ist eher die Anwendung wichtig, denn trotz allem fehlt diese Glyphe den meisten Schriften, insbesondere denen für Digital- und Webanwendung. Wir möchten für Helvetica-Liebhaber daher entwarnen: Die Option in all-caps Titeln »SS« anstatt von dem Versal-ß zu nutzen, bleibt weiterhin bestehen und ist rechtschreiberisch vielleicht nicht mehr der letzte Schrei, aber dennoch korrekt.

In der Zwischenzeit können sich Leute deren Namen ein ß beinhaltet über mehr Genauigkeit beim Personalausweis und Führerschein und wir uns auf die vielen tollen ẞ-Entwürfe die uns nun erwarten freuen. Sicher eine spannende Herausforderung für jeden Schriftgestalter. 

 

 

Thomas Porrmann

Die Einführung des "Versal"-ß war ebenso überflüssig wie befremdend.
Es wird aber darauf ankommen, wie in Zukunft die Gestaltung aussieht. Ich habe noch keine schönen Entwürfe gesehen. Es muss für jede!! der tausende Schriften eine eigene Gestaltung entwickelt werden, die Aufgabe ist gewaltig! Außerdem wird es für Ausländer nach wie vor verwirrend sein.

Post new comment

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Deine konstruktive Meinung und behalten uns vor, gehaltlose, persönlich verletzende und themenfremde Kommentare zu löschen.

Wenn Du nicht angemeldet bist, wird Dein Kommentar von der Redaktion zuerst geprüft und dann freigeschaltet.

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.

Verwandter Artikel

Das Versal-Eszett kommt

Das große ß wird in den Unicode aufgenommen

Seit 128 Jahren gibt es Bestrebungen zur offiziellen Anerkennung des großen »ß«. Nun – das kann man wohl sagen ...

in 11 comments

Nächster Artikel

Buchgestaltung – Harmonie von Inhalt und Form

Die berühmte Buchgestalterin Irma Boom hat Bücher »Kleine Architekuren« genannt. Die handlichen Objekte machen ...

in ,

Vorheriger Artikel

Remora

G-Type

Nach zwei arbeitsintensiven Jahren, veröffentlicht G-Type ihr bisher größtes Schriftprojekt: Remora. Mit ihren ...

in ,