Die kommende documenta hat ein neues Logozeichen. Jürgen Siebert hat darüber bereits gestern auf www.fontblog.de berichtet, und die dortigen Reaktionen darauf fallen mehrheitlich sehr positiv aus (Erik Spiekermann: »Erst nachgedacht und dann gestaltet.«).
Mir leuchtet nicht ganz ein, warum es kein Logo sein soll (Jürgens Headline), da scheint mir Logo synonym mit fixierter Wort-/Bildmarkenkombination oder Form gedacht zu sein. Die Mailänder Grafikdesign-Agentur Leftloft (www.leftloft.com) hat eine spezifische Schreibweise definiert, die in verschiedenen Schriften umgesetzt werden kann und soll. Mal sehen, wie dynamisch das am Ende in der Realisierung ausfällt.
Ungesehen und Neu finde ich etwas hochgegriffen. Oben auf der Webpage der documenta ist das Logo jedenfalls bei Aufruf heute Morgen noch nicht angekommen, so neu ist es dann doch:
http://www.documenta12.de/1702.html

Mein all-time-favorite ist immer noch das Erscheinungsbild der documenta 5 von 1972:
http://de.wikipedia.org/wiki/Documenta_5
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hans schumacher
das ist kopflastig, solls ja auch sein – ich mag den Witz mit dem kleinen d am Anfang und den folgenden Grossbuchstaben, finde aber er wird ab Klammer auf wieder verschenkt (vor allem wenn man sichs noch in verschiedenen Schriften durchdekliniert vorstellt/sieht) – weniger wär da mehr gewesen. Streng genommen sinds ja vier Formfamilien, die sich da auf einer Linie versammeln (Minuskeln, Majuskeln, Sonderzeichen und arabische Zahlen) – die formal/visuell so oder so schon für Brüche sorgen. Deshalb wär Reduktion wichtig, wenn die Aufmerksamkeit auf den einen Bruch (Schreibweisenwechsel klein auf gross) gelenkt werden soll. find ich. hugh.
Sascha Lobe
Ich finde den Ansatz des »Grafikdesign-Kollektivs« Leftloft nicht schlecht, bin sehr auf die Umsetzung gespannt. Weiß jemand, nach welchen Kriterien die Gestaltungsbüros für die dOCUMENTA ausgewählt werden?
Bernie
Erik Spiekermann: »Erst nachgedacht und dann gestaltet.
Er klingt überrascht.
Ich nicht.
hans schumacher
… und weiter tobt die Diskussion auf fontblog.de.
Gute Frage, Sascha. Sag Bescheid bei Antwort, schätze mal aber so aussichtsreich wie sich vorzunehmen Präsident des Europaparlaments zu werden; ähnliche Erfahrungen mögen hilfreich sein, vielleicht auch eine gute Bekanntschaft mit dem/der nächsten Kurator/in.
Und – hey, noch mal nachgedacht – der handwerkliche Ansatz (s. eigenen Einstieg ins Thema) führt komplett ins Leere. Was vorgestellt wird, ist ja auch eher ein Konzept als work in progress, das – da hab ich mich mal informiert – Zitat: "Die dOCUMENTA (13) betont das Unfertige in Aussagen und Erklärungsmodellen. Der Verstand muss erweitert und flexibel genug gemacht werden, um Raum zu schaffen für das Mögliche. Gedanken sind, anders als Aussagen, immer Variationen." – als Vorgabe ja tatsächlich blendend umsetzt. Alles andere wär da wohl dECORATION, typografische Harmonisierung ist da zwar ehrbar und zählt wohl zu den nicht zu unterdrückenden Reflexen, bleibt aber irrelevant.
Was gefällt dir so gut an der documenta 5, flo? Die Ameisen, i suppose?
flo
Ja, genau, von Ed Ruscha .. und überhaupt der gesamte Ansatz, der dann in einem Aktenordner mit Signalcharakter zum Selberergänzen Form und Struktur gefunden hat. Mit Typewriterschrift, Zeitkontext (1972) .. nicht einfach das Logo auf Merchandisingartikeln verteilen, wie zunehmend danach.
Ich schätze auch, dass Auswahl der Gestaltungsbüros, Verfahren und Vergabe sehr viel mit der jeweiligen Leitung zu tun hat. Das fällt dann irgendwo zwischen freihändig und Wettbewerb aus. In den seltensten Fällen wohl mit Fachjury, worauf Sascha mit der Frage abzielt, und das kann man sicherlich sehr zu Recht kritisieren.
Auf fontblog gehts weiter, genau, befeuert von Bernie. Der ist umgezogen, weil wir einige seiner Kommentare wegen Zündelei nicht freigschaltet haben.
Gast
"… betont das Unfertige … muss erweitert und flexibel … um Raum zu schaffen"
Nunja - wirken monumentale Großbuchstaben besonders unfertig, flexibel oder schaffen Raum?
hans schumacher
Danke für den Hinweis auf Ed Ruscha … schöne Ziffer. Die siebziger sind für mich … autofreie Sonntage, war grandios. Kann mir wegen Bernie ein Grinsen nicht verkneifen, muss für den fontblog eine völlig neue Erfahrung gewesen sein …
flo
Ja ... i-D
Für Erik vermutlich auch.
Ich habe mal einen ganz einfachen Versuch unternommen, siehe unten.
Das Konzept funktioniert vermutlich wirklich recht gut, und vielleicht ist es ein Verdienst des Ganzen, dass es Fragen nach dem Geschmäcklerischen, Handwerklichen oder nach der Rolle von Design stellen kann.
[img:d_13_3.jpg]
hans schumacher
… wo? wo? … (der ganz einfache Versuch) – die Konzeptvorstellung erinnert mich jetzt ein wenig an die Broschüren der guten alten CI/CD-Agentur Sedley Place, wobei das zunächst präsentierte manchmal kaum etwas mit dem fertigen Ergebnis zu tun hatte, aber als Reibungsfläche für den Auftraggeber, bzw. für das Gespann Auftraggeber/Designer, um 'Gedanken in Bewegung' zu bringen, notwendig war. Manchmal nicht leicht für den ergebnisorientierten, nach virtuosen Leistungen dürstenden Designer, aber so im Rückblick seh ich das mittlerweile anders. Zwischen dem Prozess, der dort durchgeführt wird, und multiple choice design Praxis liegt da ein grosser Unterschied, soll heissen man kann Auftraggeber auch halbwegs didaktisch zu einem bestimmten Ergebnis führen, bzw. lernt man ja auch umgekehrt.
Eine der heftigsten Diskussionen, die da intern geführt wurden, drehten sich dann auch mit dem aufkommenden DTP darum wie der 'Werkcharakter' der Entwurfsentwicklung und Broschüren gewahrt werden sollte, wenn durch die neuen technischen Möglichkeiten alles schon wie fertig aussah … bleibt wohl eine aktuelle Thematik.
hans schumacher
hmm, noch mal Danke für die Beispiele, flo – die waren als ich s. o. schrieb, nicht zu sehen – der Unterschied Gross-/Kleinschreibung ist bei deinen scripturalen Beispielen und bei bei der Fraktur kaum zu erkennen – war das Absicht – und vom Konzept her sollte gerade das ja eine besondere Bedeutung haben, also der Wechsel/Bruch als Schreibanweisung sozusagen. Aber das wird jetzt wieder handwerklich … bin gespannt, wie die Umsetzung aussieht, und ich schätze da werden Schriften dann sorgfältigst handwerklich ausgewählt.
Heut morgen fiel mir übrigens eine Anzeige für die neue Bobby McFerrin (dem dont worry be happy just vocals one hit wonder) auf, lohnt sich, sich das Cover anzugucken, weil von der Idee her ähnlich und ziemlich zwingend:
The world has many singers but only one voice: VOCAbuLarieS by Bobby McFerrin
s. auch hier http://www.bobbymcferrin.com/
PS: sorry, ich hätt das Thema fast falllengelassen, aber der Bobby hat mich wieder drauf gebracht ;-)
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