Ein literarisches Geheimnis. / 10. Ausgabe der Belletristik, Magazin für Literatur und Illustration

in ,

Die Gestaltung bei Belletristik ist individuell auf jeden Text abgestimmt: Literatur, Illustration und Typographie bilden ein innovatives Zusammenspiel. Während die ersten Ausgaben der Belletristik ihren Schwerpunkt auf damals weitestgehend unbekannte Autorinnen und Autoren legten, hat sich das Magazin heute in doppelter Hinsicht weiterentwickelt.

Betrachtet man in die zurückliegenden zehn Ausgaben (in fünf Jahren), findet man einerseits nahezu alle wichtigen Vertreterinnen und Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur der letzten zehn Jahre, andererseits konnten die unbekannten Autoren und Autorinnen der ersten Stunde durch das Engagement des Verlagshaus J. Frank Berlin mittlerweile an Bekanntheit gewinnen.

Was ist das Geheimnis? Das Magazin schreckt nicht vor unkonventioneller Gestaltung eines Literaturmagazins zurück und ist zu mutigen Experimenten bereit: Seit der ersten Ausgabe wählen die Herausgeber Texte aller Genres aus und finden in diesem offenen und breiten Spektrum stets das Besondere, die einzigartige Stimme. So vereint Belletristik Lyrik und Prosa, aber auch Theaterstücke, fortgesetzte Erzählungen, literarische Mischformen und Romanauszüge wurden bisher in dem Magazin veröffentlicht. Darüber hinaus widmet sich die Publikation dem internationalen Austausch zwischen Gegenwartsliteratur und Illustration: In Kooperation mit Kunsthochschulen in Deutschland und Israel hat der Verlag einen Austausch ins Leben gerufen, der internationale Literatur und Illustration in Beziehung zueinander setzt.

Umschlaggestaltung: Doro Huber
52 Seiten, durchgängig in rot und schwarz
www.belletristik-berlin.de

Coline

Weil Schreiben, Illustration und die Beziehung zwischen den beiden neu erfunden werden.

Zuerst werden die Regeln gebrochen. Man erkennt dies in "Landstraße" (S.12). Die Autorin setzt Natur und Zivilisation nicht einander gegenüber, sie verbindet Beide. Es geht nicht darum, Natur zu verteidigen oder kennenzulernen, sondern sie zu leben. Das symbolisiert für mich das Bild. Die Farbe Rot als Gestaltungselement unterstreicht die starke, fast gewälttätige Aussagekraft des Bildes. Die beiden riesigen Augen schauen auf die nächste Seite, das heißt, es ist das Ergebnis. Neuer Blick? Blick der Zweideutigkeit jedenfalls. Das Rot scheint die Erstarrung der müden Augen hervorzuheben. Dunkle Augenringe ziehen die Aufmerksamkeit nach unten, gleichzeitig scheint der Blick nach oben gewandt. Hier sind Hoffnung und Enttäuschung unzertrennlich. Das Mädchen folgt dem gleichen Schema: Verletzung, aber keine Schmerzen. Die Zwiespältigkeit wird gesteigert durch die Darstellung von llustrativen Elementen wie Zweigen und Bussen, die einen Rahmen bilden. Durch das Spiel der Masse scheinen Natur und Zivilisation endgültig im gleichen Universum zu arbeiten. Zweideutigkeit? Schlichtung.

Dann werden die Regeln invertiert. Lilly Jäckl schreibt in "Touristenschmerz" (S.37): „Jetzt fliegen Versprechen durch die Luft.“ Es handelt sich nicht mehr um die Besessenheit des Augenblicks, sondern um die Ewigkeit, die durch Raserei maskiert ist: alles zu sehen, alles zu erleben, alles zu versuchen, alles zu haben. Die Realität wird zu einem „exotischen Reiseziel“. Das Gedicht sagt: das ist nicht Kunst, die die Wirklichkeit deformiert, sondern ein unnachgiebiger Blick, der „die Welt auf der Mattscheibe“ sieht. Man kann diese Inversion mit Sina Möhrimgs Illustration sehen (S.30). Das Mädchen, das die Hauptperson zu sein scheint, ist nicht sichtbar: wir sehen nur ihr Spiegelbild. Ausserdem ist es verkehrt, das Mädchen ist durch eine Rückansicht zu sehen, sie verlässt das Bild. Alles ist organisiert, damit der Leser bewegt wird, hinter die Kulissen zu blicken. Schliesslich zeigt das Rot nicht das Mädchen, sondern die Blätter.

Die Realität wird neu erfunden. Die Illustration von Sandra Haselsteiner (S.23) zeigt die Allgegenwart des Lebens mit rebellischen Blasen. Sie beschichten ein Porträt, deren Augen geschlossen sind: es handelt sich für den Autor nicht darum, eine Vision zu diktieren, sondern darum, sie dem Leser vorzuschlagen. Ein zweites Porträt wurde nur angeschnitten, mit dem Ersten verbunden, als ob die Zeichnerin nur skizziert sei. Das zeigt ihre Rolle: das Werk des Autors zu umarmen, um eine gemeinsame Vision zu bilden. Die Realität wird zum Bild, das Autor und Illustrator zusammen bauen. Asmus Trautsch drückt dies in "Paarbild" (S.44) aus: „Ich bin der Fotograf dieser Stunde, post factum eingeweiht in die lichtlose Geschichte und vor der Wärme ihrer Umarmung gefroren, ein Bild.“

Endlich, was mir in der Belletristik 10 gefällt ist diese Verschmelzung zwischen Text, Illustration und Gestaltung.

Post new comment

Deine E-Mail wird nicht veröffentlicht.

Wir freuen uns über Deine konstruktive Meinung und behalten uns vor, gehaltlose, persönlich verletzende und themenfremde Kommentare zu löschen.

Wenn Du nicht angemeldet bist, wird Dein Kommentar von der Redaktion zuerst geprüft und dann freigeschaltet.

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.

Verwandter Artikel

»Belletristik. Zeitschrift für Literatur und Illustration«

Sonderausgabe zum »Festival Zeitkunst« in Berlin

»Texte voller Musik, Bilder voller Worte.« Den Autoren der Zeitschrift Belletristik dienten zum einen ausgewählte ...

in ,

Nächster Artikel

Plakativ!

Geschichte und Entwicklung der Werbegrafik

Plakativer gehts nicht – Geschichte und Entwicklung der Werbegrafik, auf mehr als 500 Seiten und 400 Abbildungen. ...

in , 6 comments

Vorheriger Artikel

Danke Kurt

von Giusueppe Vitucci

Basierend auf einer Entwurfsskizze von Bauhausstudent Kurt Kranz (1930/31) kreierte Giuseppe Vitucci die kleine ...

in , 3 comments