Fontplore / Interview mit Christian Hertlein und Marcus Paeschke

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Die Interface-Design Studenten Christian Hertlein und Marcus Paeschke haben kürzlich ihr Semesterprojekt „Fontplore“, das an der FH Potsdam entstanden ist vorgestellt. Fontplore ist eine interaktive Anwendung mit der man Fonts neu organisieren kann. Basis der Anwendung ist ein interaktiver Tisch auf dem Fonts ausgewählt, angeschaut, verglichen und entdeckt werden können.

Wir haben Christian und Marcus zum Interview gebeten.
 

Woher kam die Idee zu diesem experimentellen Projekt? Aus Liebe zur Typografie oder aus Liebe zur Technik und Interaktion oder vielleicht sogar aus eigener Verzweiflung über den Umgang mit Schrift?

Für uns stand an erster Stelle schon das Interaktionsdesign, insbesondere die Art und Weise, wie man an interaktiven Tischen arbeitet. Dass es sich bei unserer Anwendung letztendlich um eine Schriftsuche handelt ist allerdings auch kein Zufall. Wir haben durchaus eine gewisse Leidenschaft für Typographie.
 
Was war das Reizvolle an der Aufgabe?

Der Blick in die Zukunft! Den Computer einmal hinter sich zu lassen und ein neues, für Menschen schon beinahe natürliches Interface zu konzipieren und umzusetzen. Wir hoffen, dass wir mal viel mehr solcher Arbeiten auch in "freier Wildbahn" sehen können.
 
Das Projekt ist als Semesterarbeit an der FH Potsdam entstanden, inwiefern waren die Möglichkeiten einer Hochschule für ein solches Projekt wichtig?

Die Unterstützung der Hochschule war extrem wichtig. Immerhin konnten wir auf eine fertige und lauffähige Hardwarebasis zurückgreifen und uns komplett auf das Anwendungsdesign konzentrieren.
Ohne die Arbeit des Teams hinter dem maeve-Projekt, wäre es wohl nicht zu einer Umsetzung unserer Idee gekommen.
Besonders wichtig für unsere Entwicklung ist auch, dass uns die Hochschule rund um die Uhr die Möglichkeit gibt, „im Material“ zu arbeiten und dadurch ganz viele praktische Erfahrungen zu sammeln.
 
Erklärt bitte kurz die Funktionsweise des Tisches.

Das Prinzip ist ganz einfach. Das Bild wird mit einem Beamer von unten auf die Tischfläche projiziert und parallel dazu wird der Tisch mit infrarotem Licht durchleuchtet, welches an den Objekten auf dem Tisch reflektiert wird. Diese Reflexionen werden von einer Kamera unter dem Tisch gefilmt, wodurch die verschiedenen Objekte auf dem Tisch identifiziert werden können. Wer es noch genauer wissen will, dem sei die Internetseite von ›reactivison‹ (reactivision.sourceforge.net/) empfohlen.
 
Warum glaubt ihr, dass so ein Tisch ein Mehrwert für den Umgang mit Typografie sein kann und wie seht ihr den Einsatz eines solchen Tisches im Alltag, z.B. in Agenturen?

Während unserer Arbeit an dem Tisch, waren wir doch recht überrascht wie anders das Arbeitserlebnis empfunden wird. Die Suche nach einer Schrift fühlt sich mehr nach einer spannenden Exkursion an, statt nach einem müßigen Job. Wir glauben, dass ein ansprechendes Interface einen starken Einfluss auf die Arbeitsmotivation haben kann und sehen hier ganz allgemein viel Potenzial für alle Arbeitsgebiete. Eine besondere Stärke unserer Anwendung sehen wir darin, dass sie sowohl eine gezielte, qualitative Suche, als auch das freie Erkunden von einem Schriftkatalog erlaubt.
Letztendlich stehen wir aber auch noch ganz am Anfang und können uns weit komplexere Anwendungen im Bereich der Schriftgestaltung auf einem solchen Tisch vorstellen.
 
Wäre auch eine andere Umsetzung als der Tisch, den ja nun mal nicht viele Leute mal eben so erwerben können, denkbar gewesen? Wäre eine solche Applikation – wenn auch nicht so interaktiv – vielleicht interessant für Online-Typo-Verzeichnisse von Type-Foundries?

Der Trend geht ganz eindeutig zu natürlichen Interfaces, die wesentlich vielfältigere Interaktionen erlauben. Unsere Applikation könnten wir uns also auch gut auf kleineren, aber zumindest multitouch-fähigen Geräten vorstellen. Maus und Tastatur jedoch würden den Kern unserer Arbeit – das neue Arbeitserlebnis – nur ungenügend transportieren.
 
Ihr sagt selbst, dass die Entwicklung des Projektes noch in einer frühen Phase ist. Heißt das, ihr werdet es weiter ausbauen? Wie wichtig ist euch dabei Feedback, das von potentiellen Nutzern kommt?

Im Rahmen des Kurses ist die Arbeit erst mal abgeschlossen, da wir jedoch viel positives Feedback bekommen haben, wollen wir das Thema im nächsten Jahr noch einmal aufgreifen. Wir würden uns sehr freuen, wenn wir bis dahin nicht nur noch mehr, sondern vor allem auch kritisches Feedback zu Fontplore bekommen.
 
Denkt ihr, dass Informationsaufbereitung auf diese Art und Weise in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen wird, Tastaturen und Maus evt. sogar weichen werden?
 
Die Veränderung ist in vollem Gange. Die Eingabe durch Tastatur und Maus wird in Zukunft immer öfter durch andere Lösungen ersetzt werden, wobei es unter anderem auch die Aufgabe von Interfacedesignern sein wird, herauszufinden wann und wo dieser Austausch wirklich sinnvoll ist. Die Problematik einer angenehmen und gleichzeitig effizienten Benutzerschnittstelle ist mit dem technischen Fortschritt allein jedenfalls noch nicht gelöst. Wir sehen unser Projekt daher als einen Beitrag zu dieser Diskussion.

Plant ihr ein weiteres Projekt in der Art in Zukunft? Was kommt als nächstes?
 
Im Moment haben wir erst mal ein Auslandssemester eingeschoben, da wir unsere Arbeitsweise in unserem Studiengebiet um den Blickwinkel einer anderen Kultur bzw. einer anderen Hochschule erweitern wollen. Es ist jedoch tatsächlich auch noch ein weiteres Projekt am Tisch geplant, allerdings in einem völlig anderen thematischen Rahmen. An dieser Stelle wollen wir jedoch noch nicht all zu viel verraten.

Mehr auf Fontplore.org
Das Interview führte Nadine Roßa

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