Graffiti und Typographie

in

Wo seht ihr Unterschiede, wo Gemeinsamkeiten zwischen der traditionellen Typographie - inklusive heutiger Display-Schriften - und Graffiti? Habt ihr euch überhaupt mit dieser Kultur auseinandergesetzt?
Ich war nie Sprayer, jedoch seit längerer Zeit interessiert. Über das Bild oben stolperte ich vor einigen Wochen. Ehrlich gesagt gefällt mir die oberste Linie am besten…
Ich kenne genau zwei Sprayer beim Namen: Daim und und Loomit.
Daim
Loomit
Zusätzlich gibt es ja noch die "Kunst" der Tags, bei dem Leute ihre Namen mehr oder weniger kunstvoll verzieren.
Tags

Micha Heidinger

Schau Dir mal Banksy an. Rockt richtig! Er marschiert auch einfach mal in den Louvre – mit Trenchcoat und falschem Bart – und hängt heimlich gefälschte Bilder auf. Die Monografie hab ich mir übrigens im Orell-Füssli-Laden in Zürich gekauft :)

Boris

Wir Magmas haben uns auch mal mit dem Thema auseinandergesetzt.

Micha Heidinger

Hm, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu traditioneller Typografie? Ich frag mich, wie man das vergleichen soll. Am ehesten seh ich noch einen Bezug zu Kalligrafie. Im Gegensatz zu klassischen Satzschriften taucht ja beim Writing nie zweimal die gleiche Buchtstabenform auf. Geht ja mehr ums Wortbild. Wär interessant, wie nah man mit OpenType an ne Grafitti-Ästhetik rankommt....

Gutes Buch zum Thema:
Writing: Urban calligraphy and beyond

flo

na, bei graffiti gehts um kunst-/skillvolle verzerrung (siehe den verlauf oben) und personalisierung von typobotschaften (auch wenn die botschaften selten sooo prickelnd sind).
und oft um raum. also a. den ort und b. dreidimensionale lettern/ziffern in 2d. was ich wirklich ganz spannend finde. hat jemand darüber schon mal was gepostet?

JackieTreehorn

Bitte verwechselt Schablonensprüherei nicht mit Graffiti!

Shimun

Seltsamer Weise erinnert mich gerade die oberste Zeile am meisten an Graffiti. Die Oldschool Pieces von Seen aus den frühen New Yorker Anfangszeiten beispielsweise sahen genauso aus,nur eben auf U-Bahn und bunt.
Ich denke der Zusammenhang zwischen Typografie und Graffiti im Allgemeinen besteht zum grossen Teil in der Tatsache, dass sich das Graffiti-Lager selbst in Leute unterteilen lässt, die Ahnung von Typo haben und Leuten die einfach nur irgendwas kopieren was sie mal irgendwo gesehen haben. Könnte man in erster Linie vielleicht mit ner original Helvetica und nem Freefont-Helvetica-Klon vergleichen. Der eine weiss was er macht, der andere macht einfach nach.
Eine weitere Gemeinsamkeit sehe ich bei dem Aspekt der Lesbarkeit, der so genannte Dortmunder-Stil beispielsweise definiert sich dadurch das er "dick,blockig und voll erkennbar" sein will, was man vielleicht am besten mit einem Boldschriftschnitt vergleichen kann.
Dieser Aspekt ist besonders in Zeiten einer immer grössern Strafverfolgung seitens des Staates wichtig,da viele Maler sich bewusst oder unbewusst von sog. Style-Writing, also dem kunstvollen und viel aufwendigerem Ausschmücken der Lettern, abwenden und nur noch schnelle gut lesbare Bilder produzieren, was der allgemeinen Qualität nicht gerade zuträglich ist.
Allerdings sei gesagt, dass die Szene aufgrund der grossen Konkurrenz immer wieder eine Art natürliche Auslese begeht und sich im Endeffekt die wirklichen guten, aufwendigen Bilder durchsetzen.

Thierry

«Bitte verwechselt Schablonensprüherei nicht mit Graffiti!»

warum nicht? für mich gehören stencil-sachen genauso zu graffiti wie bombings, tags und richtige graffitis..

flo

im künstlerhaus bethanien in berlin war gerade erst sehenswert «backjumps#2 / the live issue», streetartausstellung mit einem who-is-who der szene (u.a. natürlich graffiti).

www.backjumps.org

robertmichael

bei mir verhält es sich so das ich von graffiti zur typographie gekommen bin. ich habe ca. 6 jahre graffitis gemalt (natürlich NUR legal *hehehe*), da lernt man eine menge über buchstaben und formen. aber es ist nicht nur typographie es ist auch viel kunst – gerade die sachen von daim (der hat seit jahren den gleichen style *gähn*)
odem (ein berliner ex-sprayer) hat z. b. schriftmaler gelernt und somit seinen eigenen stil gefunden. generell gibt es vieeeel zu diesem thema zu sagen, aber ich habe im moment wenig zeit ...
vielleicht später.

JackieTreehorn

Ich bin auch über Graffiti zur Typografie gekommen und der Meinung, daß es generell schwierig ist, eine Grenze zu ziehen.
Graffiti ist seit jeher Machogehabe und Reviermarkieren. Es geht darum, seinen Namen bekannt zu machen, wenn nötig auch durch „dick,blockig und voll erkennbar“ gemalte Lettern, wie Shimun und vor ihm TooStrong schon gesagt haben. Das ist das Kennzeichen von Graffiti.
Mit Dose und Schablone aufgetragen handelt es sich nicht um Graffiti, sondern um Pochoir, was ich der Street-Art zuordne, wie auch sehr Vieles von dem, was im oben genannten „Urban Calligraphy“-Buch abgebildet wird.
Mit einem Graffiti will ich schlicht und einfach ausdrücken, daß es mich gibt, daß ich der beste bin und Euch den Stinkefinger zeige. Das hat nichts mit Kunst zu tun.

>> Seltsamer Weise erinnert mich gerade die oberste Zeile am meisten an Graffiti

Man nennt diesen Stil „Blockbuster“. --> „dick,blockig und voll erkennbar“

>> Eine weitere Gemeinsamkeit sehe ich bei dem Aspekt der Lesbarkeit, der so genannte Dortmunder-Stil beispielsweise definiert sich dadurch das er "dick,blockig und voll erkennbar" sein will, was man vielleicht am besten mit einem Boldschriftschnitt vergleichen kann.

Eine Bold-Schrift ist tendenziell schlechter lesbar, weshlab ich so nicht vergleichen würde.
Der Aspekt der Lesbarkeit ist sicher sehr interessant, denn die Devise lautet meistens: Jedem Platz sein Graffiti.
Ich male an der Autobahn groß und lesbar, an Stellen, wo man Zeit hat, es sich anzuschauen, einen abgefahrenen Style. Ein unsauberes, klares Piece heißt noch lange nicht, daß der Maler nicht gut ist.

>> Allerdings sei gesagt, dass die Szene aufgrund der grossen Konkurrenz immer wieder eine Art natürliche Auslese begeht und sich im Endeffekt die wirklichen guten, aufwendigen Bilder durchsetzen.

Hier in Berlin gibt es kein „Survival of the fittest“, hier wird größtenteils nur noch mit der Farbrolle gemalt. Je schneller, größer und schlechter, desto besser. Deshalb geht Deine Rechnung leider nicht auf.

Thierry

jackie, mit stencils meinte ich übrigens die z.b. auf http://www.stencilrevolution.com/ zu findenden motive. ein sehr bekanntes beispiel wäre z.b. die banana.

für mich gehört das einfach auch zu "urban art", ob mans jetzt graffiti nennt oder nicht ist doch echt egal.

ich hatte früher viele freunde, die in der szene dabei waren und auch wirklich viel getagt/gebombt/gesprayt haben. ich kann mich noch erinnern wie ich damals auch in n blackbook gezeichnet habe, sehr sehr schlecht, und wie mir einer gesagt hat: ach, das geht jedem so, am anfang kanns niemand. übe einfach, irgendwann wirst du gut werden.

und das ist für mich doch eine verbindung zur traditionellen typographie: bei beidem drehts sich um buchstaben, bei beidem gehts um stil, gestaltung, machart. natürlich auf ganz unterschiedlichen ebenen - aber schlussendlich sind es auch buchstaben.

Chris

Die oberste ist schon recht nett, wobei die ganz unterste auch ihren Reiz haben kann. mmmhhhhh Grenze ? Tja ja ! Gute Frage !

Shimun

@Jackietreehorn:
Also das Graffiti nichts mit Kunst zu tun hat finde ich nicht. Es ist immer auch eine Frage der Definition.Ich finde das die Grenzen zwischen Streetart und Graffiti mittlerweile mehr als fliessend sind. Es gibt sicherlich ne Menge Leute die einfach nur ihren Namen malen und sich wenig darum scheren was ihre Umgebung davon hält. Allerdings ist Kunst auch immer Kommunikation und es gibt ebenso genauso viele Maler die sich bei ihren Bildern ne Menge denken, da steckt dann Herzblut und ne Philosophie hinter den Bildern.
Dass Berlin, was gerade den Bereich Streetbombing angeht, ne Sonderrolle einnimmt muss eigentlich nicht erwähnt werden, allerdings kann man z.b. in Dortmund sehen wohin diese Entwicklung führt wenn alle nur noch diese riesigen schlechten Bilder machen.. Und es dauert ewig das rückgängig zu machen, aber wenn das grösste Bild gemalt ist setzten die Leute irgendwann wieder auf Qualität und die Bewunderung der Kids galt schon immer den Leuten die Bilder und Buchstaben besonders aufwendig gemalt haben.
Aber ich glaube ich bin jetzt ein bissl vom Thema abgekommen, nichts für ungut.

lars

bombing kann auch richtig ätzend sein! so selten gut, so oft nur störend...

flo

immerhin sind tags, graffitis etc. (wenn auch kleine) rückeroberungen des öffentlichen raums. oder zumindest nicht vorgesehene nutzungen und visuelle markierungen desselben. das finde ich schon wichtig und gut.

ist mir lieber, als den gesamten raum irgendwelchen werbe- und corporategrafiken zu überlassen, alles schön aussehend, stadtmöbliert (pennerabweisend) und videoüberwacht.
die kleineren behauptungen und reclaim-the-streets visuals finde ich weniger störend als so vieles an anderer visueller umweltverschmutzung.

Boris

hi, I'm sorry that I don't understand a word of german - but I really like your website. I came up to the graffiti/typography article and I don't think that daim and loomit are the best in this sense. try a search for the italians Rebelink

I found the following
http://www.brixiafame.com/pagine/speciali/rebelink.asp
http://www.rebelink.org/

they work with typography and calligraphy and graffiti.

keep on with your great website
ciao
ale (fatbombers.com)

Shaw

Wenigstens scheint ja einiges zu passieren..

Graffiti ist erwachsener geworden, was schon anhand eurer Beiträge zu erkennen ist. Immer mehr Menschen beschäftigen sich deferenziert mit dem Thema Graffiti und Writing in all seinen Facetten. Nicht mehr nur irgendwelche Sozialarbeiter oder Jugendforscher welche von flippigen Jugendlichen reden, welche sich mal austoben wolllen.

Graffiti und Stylewriting wird irgendwann zur Kunst(-richtung).. vielleicht auch zu einer "Designgrundlage".. auch wenn viele Writer das nicht wahrhaben wollen. Leider weiss ein großteil der Sprüher garnicht das sie Künstler sind und halten ihr Licht unterm der Ghettomülltonne.

VODOU

ööhm .... nja stencil ist keine graffitie art....es gehört zur rubrik streetart aber ist kein graffitie... nunja zu dem ganzen thema muss ich sagen das die wurzeln ganz klar in der typhografie jedoch hat sich alles weitentwickelt..... wenn man z.b. das buch "Subways Art" (Buch über die NYS writher scene) und eine heutiges graffitie magazine (backspin/Sylefile ... ) vergleicht sieht man viele unterschiede.... einer der mir schnell ins auge gesprungen ist das die handführung für den heutigen standart! teilweise miserabel war, waas auch zum teil an der ausstattung lag (Caps/Dosen). Aber graffitie hat viele gesichter....sehr viele verschiedene Styles haben sich abgespalten und manche ähneln noch mehr der typografie (Bubble Style/ Bomb).... und manche überhaupt nicht mehr. Schaut euch einfach mal auf www.farbsucht.de ein paar walls an und ihr versteht von was ich rede....
PS: Berlin ist sehr zu entpfelen.

Gast

Ich finde das Graffiti hat weiterhin grösstenteils das Motto: "Just write my name" hat, aber vielen geht es auch um die Ideen. Wie man sei Ding durchziehen kann ohne andere Styles zu klauen. Jeder gute Writer hat seinen ganz anderen Stil. Ob man nur die Letters grundsätzlich verzieht oder man nur die Endungen verspullt...
Ich beschäftige mich seit der 4. Klasse mit Graffiti und auch teiweise Streetart. Man schafft es etwas Logik in des Caos zu bringen. Durch Graffiti kam ich auch auf Kunst ohne Dose. Man macht sich eigentlich die Arbeit um den Anderen zu zeigen was man drauf hat.
Anerkennung bekommt man bei anderen Writern nur wenn man seine Farben und Formen gut verzogen mit einem eigenen Style macht..
oder hat riesege Dinger auf der Hauptstrasse was ich persönlich nicht mag...

Gast

ja da hast du allerdings recht ....ich mach graffittie schon seit ich 7 jahre bin (habe es von meinen bruder abgeschaut) und bin nun seit einem halben jahr auch mit der dose unterwegs (nur legal versteht sich!), aber mir gefällt es auch nicht wirklich was viele writher machen. Bei mir in der Stadt gibt es viele die einfach total unkeativ und hässlig mit scheiß schriftführung, groß auf eine weiße wand ihren namen schreiben. ich finde das nicht gut weil somit allg. "graffitie" in den dreck gezogen. Als ich in Berlin, war ich auch ein wenig entäuscht da ich mehr erwartet hatte von der Scenen Stadt. Ich finde es ok wenn man gut tagt und seinen namen ab und zu passend auf ein bushalte stelle schild usw. macht aber ich finde das es nicht gut wenn man privat gebäude "beschmutzt". Ich versuche stets kunst zu machen und dann dort meinen namen danneben zu schreiben um auch ein wenig fame zu bekommen :P. Aber es gibt zu viele schwarze schafe, die denken wenn sie überall ihren namen hinschreiben werden sie postiv bekannnt, doch dies ist absolut nicht der Fall!

Gast

^hb

alex99

Danke für die guten Kommentare hat gut geholfen ! könnt ihr mir vielleicht ein guten namen vorschlagen danke !

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