Leitsystem der Dokumenta12 Kassel / Vier5 aus Paris

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Unser Redakteur Rüdiger John war auf der Dokumenta12 in Kassel und hat ein paar Bilder vom Leitsystem mitgebracht. Entwickelte wurde dieses von dem Duo Vier5 aus Paris.
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marc_m

Grundsätzlich gefällt mir dieses krude Vorgehen, aber ob der Guard sich in seinem Sabberlatz wirklich wohl fühlt? Irgendwie fehlt da die Authorität, die rote Schrift erinnert eher an Krankenschwester? »Kein Zutritt für niemand« ist zwar schon wieder Kunst, aber lässt sich auch leicht entfernen …

Edward

Ich bewundere vier5 – für die Dreisthet, die Welt zuzumüllen. Ich habe ebenfalls nichts gegen 'krudes Vorgehen', es ist oft unterhaltsam und anregend, nur wenn es zur Masche wird, hm, das ist es einfach peinlich. Aber kein großer Grund sich aufzuregen, der Auftraggeber ist doch glücklich (man wußte, auf was man sich einlässt)

hans schumacher

Erinnert euch das auch an bisschen an Grapus, halt nur in »nouvelle vague« marc_m, Edward? mmh? Ihr habt doch nicht ernsthaft was gegen Arbeiten, die in einer fundierten Tradition stehen, oder …

hans schumacher

und hier noch ein bisschen was aus der wikipedia über Grapus, das Grafikkollektiv:

Die Gründer der Gruppe, Pierre Bernard, Gérard Paris-Clavel und François Miehe kennzeichnete ein Mangel an Hemmungen, eine Poesie der Konzeption und ein generelles Misstrauen gegen Werbung und ihre Propagandatechniken. Nach der Meinung Bernards ist der Betrachter erst dann gerührt, wenn der Sinneseindruck durch den Filter der persönlichen Erfahrung und der inneren Überzeugung durchgegangen ist.
“Il faut s’approprier le message.” (Sie müssen sich die Nachricht zu ihrer eigenen machen.) – Grapus

und noch ein Zitat von ihrem Lehrer:

“Ich habe nicht die Geduld, Schönheit um ihrer selbst willen zu bewundern, Virtuosität des Auges oder der Hand. Mir ist ein verrückter Einfall lieber als künstlerische Perfektion. Ich habe versucht, mich anders auszudrücken, vielleicht ist es Kauderwelsch, zusammenhanglose Gedanken in einem unvollendeten, abgebrochenen Satz. Infolgedessen haben meine Zeichnungen einfach oft nichts, was man anschauen kann, nichts “Hübsches”. Es sind Dinge, die dem Auge nicht schmeicheln können; sie sind flüchtig und schwer erfassbar. Das mag erklären, weshalb sich ein Vergleich mit dem Kabarett anbietet.” - Henryk Tomaszewski

marc_m

wie gesagt grundsätzlich gefällt mir die Typo nur den Sabberlatz finde ich nicht grapus-tauglich, aber wer weiß schon wer den ausgesucht hat?

marc_m

Bei grapus wäre glaube ich jeder Buchstabe handschriftlich anders ausgefallen, hier scheint doch ein digitalisierter gezeichneter Font vorhanden zu sein. Grapus hätte vermutlich auch ein paar mit Farbe gefüllter Luftballons gegen die Container geschmissen.

CHR15

ihr könnt gleich weiter über formalitäten streiten aber dennoch kurz die frage nach dem eigentlichen zweck:

leitet es denn, das leitsystem?

CHR15

Edward

leiten wird es schon, denn es ist auffällig anders und wenn es groß auf weissen Flächen steht, dann setzt es sich ab inmitten der Kunst und der Kasseler Nachkriegsarchitektur. Das würden aber auch andere Systeme mit Leichtigkeit schaffen.

hans schumacher > über Grapus musste ich doch etwas nachlesen – diese Zeit hat einiges aufgerüttelt (unter dem Pflasterstrand). Ein Kabarett auf der documenta zu veranstallten ist schon eine witzige Idee – nur ist der Rahmen passend? Es sind nicht 5.000 und auch nicht 50.000 Besucher und sie kommen meistens nur für einen Tag. Unter diesen Voraussetzungen darf man nicht seinen Launen nachgehen. (Aber nichts gegen Entwerfen mit guter Laune, so sollte es immer sein)

stina

also, ich fand es in jedem Fall auch Interessant anzuschauen_aber geleitet hat es nicht wirklich gut. Wir haben uns verlaufen und "wichtige" Dinge_wie den großartigen Buchshop_erst sehr spät wirklich entdeckt.

marc_m

Ich bin zwar noch nicht da gewesen, aber wenn ich mir vorstelle vor so einem Container zu stehen, denke ich mir, da die Wörter größtenteils extrem spationiert sind, fallen die Begriffe wie z.B. »Bookshop« oder »Garderobe« doch sehr auseinander. Das formatfüllende Layout läßt dem Auge keine Chance die Begriffe mit einem Blick zu erfassen. Man muss den ganzen Container aus einiger Entfernung ablesen. Ein wenig enger und kleiner sowie mit Spannung in die Fläche gesetzt, hätte dem Leiten sicher gut getan. Hinzu kommt das die Schrift ziemlich dünn ist.

hans schumacher

also, ist doch immer schön, wenn man Dingen eine historische Dimension geben kann (Grapus) Edward, ich musste da auch erst mal nachlesen: die Haltung zur Gestaltung ;-) scheint mir aber doch eine sehr ähnliche zu sein. Um eine Diskussion auf formaler Ebene (schaut mal, das haben Grapus doch auch schon mal so gemacht) ging es mir nicht. Mehr darum, ein Verständnis für die Einstellung der Gestalter des Leitsystems zu entwickeln und vielleicht zu wecken.

Da handelt es sich, fürchte ich, um etwas tieferliegendes als Launen auszuleben, und sogar nicht mal um gute Laune beim Entwerfen. Schlimmer noch: wahrscheinlich meinen die Jungs es ernst (und vermutlich ist es ihnen egal, wenn mit einem anderen System, das sie selbst auch herstellen könnten, 50.000 Leute täglich rechtzeitig den Weg zum Klohäuschen finden)

(oh yeah, marc_m: die spationierung ist wirklich lausig, und die schrift auch echt sehr dünn. das meinst du jetzt nicht ernst, deine analyse)

StefanB

Wer ein Leitsystem bei vier5 in Auftrag gibt, weiß ganz genau, dass es eben nicht so ausschauen wird, wie es der »Standard« ist. Bei dem Leitsystem für das Meuseum Frankfurt hatten damals auch alle aufgeschrien, dass das gar nicht geht. Aber warum nicht? Alle Leute die ich kenne und auf der Documenta waren, haben sich zurechtgefunden, haben sich nicht in die Hosen gemacht (aufgrund nicht erkennbarer WC-Hinweise) und fanden das System recht spannend. Und wenn man solch eine Art der Info nicht mal mehr auf eben einer Veranstaltung wie der Dokumenta bringen darf, wo denn dann?

CHR15

genau, stefan. deinen worten kann ich mir nur anschließen.

marc's analyse scheint mir völlig fehl am platz. selbstverständlich gibt es erprobte kriterien für die gestaltung von leit- und orientierungssystemen. entsprechend schnellst wahrnehmbare fonts und am leichtesten verständliche piktogramme samt deren spezialisten.

aber, wer zum teufel, will dieses auf der dokumenta sehen? aufschreien tun die leute immer, wenn sie in irgendeine situation der desorientierung gelangenbzw. nicht schnell genug heruasgeführt werden. sei es durch bestimmte lebensumstände oder durch die unmittelbaren folgen visueller kommunikation.

in letzterem fall aber finde ich es (im kulturellen kontext!) durchaus richtig zu fordern! vollkornbrot anstatt grießbrei!

marc_m

Hans: »Es sind Dinge, die dem Auge nicht schmeicheln können; sie sind flüchtig und schwer erfassbar.« Richtig, das drückt es gut aus: »flüchtig und schwer erfassbar«
Verstehe mich nicht falsch, trotz Kritik mag ich es. Auf der Website der documenta gibt es übrigens ein Orientierungsplan als PDF der genau den »Standard« vertritt den StefanB meint. Also doch »Anything goes«?

Kwotes

Der Zettel an der Toilettentüre "Kein Eintritt für Niemand" ist nicht offizieller Teil der vier5 Kreation - sondern wohl in der Eile von irgendeinem der unterbezahlten documenta12-Helfer erstellt worden. Ich hatte ihn fotografiert weil er schön zeigt, dass das Leitsystem fragmentarisch bleibt und - wie in einem anderen Kommentar ebenfalls schon erwähnt - seiner Funktion (nicht nur auf den Toiletten) nicht immer gerecht wird. Insoferne ist das Leitsystem (inklusive dem Kronkorken-Pin) eher ein pseudokünstlerischer Beitrag welcher sich - allerdings substanzlos - einer Sprayer und Streetart Anmutung bedient.

Mehr wundert mich allerdings, dass dieser Zettel ernsthaft im Blog als Teil des Leitsystems angesehen wurde - ist er doch stilistisch und im Material deutlich abweichend. Wo sind euer Stilkompass und ästhetische Treffsicherheit geblieben?

hans schumacher

Darf ich mich anschließen, StefanB und CHR15? Ich finde es nämlich auch gut, wenn die mögliche Optimierbarkeit der Wegsuche zum WC mittels Verwendung der FFLeit (Trademark) oder LTWeg (Trademark) mal eine zu vernachlässigende Größe darstellt, und die kreative Geste und Authentizität im Vordergrund steht.

Ich denke das Leitsystem funktioniert und »vier5« haben ihren Job auf spannende und interessante Weise erfüllt, vielleicht sogar ein wenig fordernd für die Besucher (siehe kommentar von stina)

Aber was noch wichtiger ist: das Leitsystem wird dem Kredo der Macher »the work of Vier5 aims to prevent any visual empty phrases and to replace them with individual, creative statement« gerecht. Auch deshalb passt das auf die documenta / dürfen die ein Leitsystem für die documenta machen.

CHR15

kwotes, ich bezweifle, dass hier jemand 'kein zutritt für niemand' ernsthaft dem leitsystem zugeordnet hat. daher ja auch mein ton-steine-scherben-cover auf das merkwürdigerweise keiner reagiert hat … insofern ist dein jetziger hinweis vielleicht doch berechtigt …

marc_m

kwotes: tatsächlich habe ich den Zettel anfänglich in das System eingeordnet und gleichzeitig gedacht, dass es Kunst sein könnte. Das es weder noch ist hast du nun aufgeklärt. Wie passt aber jetzt »pseudokünstlerisch« mit »kreative Geste und Authentizität« zusammen?

Bernd 24 h

Also … mir gefällt das prima.
Raus aus dem Notizblock, drauf auf die Containerwand.
Grapus hin oder her …

marc_m

postsrcriptum sabberlatz: ich nehme meine kritik an der guard uniform zurück, falls es tatsächlich ein Sabberlatz darstellen sollte. Ein Sabberlatz bietet bekannterweise einen gewissen Schutz.

Edward

PS. und ich nehme nicht zurück. Wie auch immer, es lebe die Vielfalt – deshalb hat sich schließlich auch GRAPUS gegründet.

flo

hans, vielen dank für die historische verortung.

und es ist ja kein geheimnis, dass ich die arbeiten von vier5 sehr schätze.

also, ich finde es erstmal ziemlich gut.
die verkleidung der aufsichten weniger, das sieht ein wenig aus wie rettungsweste/erstsemesterprojekt-modedesign/müllabfuhr/instant-oder-selbstgemacht-für-öffentliche-funktion, aber mag ja modisch wertvoll sein, oder auch im anti-design-kontext. da müsste man den hintergrund/die designerInnen (der bekleidung) kennen, und ich kenn mich da nicht so aus. jedenfalls kommt mir die übersetzung von aufsicht zu guard fragwürdig vor.

die container- oder (nicht selber gesehen) – vermutlich ähnlichen – anderen beschriftungen sehe ich jetzt nicht so kritisch, auf ihre funktion hin. funktionsrückbindung kommt zwar immer dufte rüber, rhetorisch, aber vier5 ging es offensichtlich um etwas anderes, wie ja viele hier bereits festgestellt haben.

als pseudo-künstlerisch würde ichs gar nicht abtun. und substanzlos? eine trennung zwischen kunst oder design, dienstleistung oder frei, oder zwischen substantiell oder (inhalts-?)leer würde ich auch nicht aufmachen wollen. wir leben ja schliesslich in einer kulturellen welt, in der solche grenzziehungen zunehmend durchlässiger und differenzierter (aufgefasst) werden. ich denke, vier5 gehen vor allem ästhetisch vor – wie bessere kunst auch –, und da stören mich die bezüge auf street-art oder graffitimässiges gar nicht, weil es sich davon auch amtlich unterscheidet (skalierung, technik, an – dilettantische – handschrift/script angelehntes).

die – vermeintliche – ununterscheidbarkeit zwischen instant-zettel und «leitsystem» (arbeiten vier5 nicht vielmehr mit den operatoren von leitsystemen, und mit deren (genre-) grenzen?) scheint mir ebenfalls bezeichnend zu sein. für diesen bislang wohl prominentesten vier5-look. ist doch wunderbar.

aber man muss es ja nicht mögen. affinität funktioniert ja meistens reflexhaft, davon schliesse ich mich überhaupt nicht aus. danke für die bilder, rüdiger! auch danke, chris, für keine macht für niemand.

stefan schleich

könnt ihr documenta bitte mit C schreiben? mir zuckt es jedesmal im kopf, wenn ich das sehen muss :-)

marc_m

nee, das echte lätzchen sieht doch anders aus:
http://documenta.besucherdienst.org/MerchandiseProducts/Product/Id/32

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