RGB 165/96/36, CMYK 14/40/18/20 / Die Signaturfarbe politischer Entdifferenzierung

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In Berlin sind Wahlen – aber gibt es trotz markanter Parteifarben noch echte Alternativen in der politischen Landschaft und in der Stadtpolitik? Eine Gruppe von Architekten und Stadtplanern meint »eher nicht« und hat die visuelle Quersumme bestimmt: s. o.

Pressetext:
Am 18. September 2011 wählt Berlin eine neue Landesregierung. Ein Vergleich der Wahlkampfprogramme der fünf derzeit im Landesparlament vertretenen Parteien zeigt, dass sich bei zahlreichen Themen – und insbesondere bei stadtpolitischen Fragen – kaum mehr programmatische Unterschiede zwischen den politischen Akteuren finden lassen bzw. relevante Inhalte kollektiv ausgeblendet werden. Und wo Unterschiede in den Parteiprogrammen bestehen, scheinen sie sich in der Praxis aufzulösen. Die Wahlkampfprogramme entziehen einer eindeutigen politischen Farbbestimmung die Grundlage. Das politische Farbspektrum Berlins verwischt zu einer Einheitsfarbe.



Diese Farbe lässt sich bestimmen. Mischt man die Signaturfarben von SPD, Grünen, CDU, Linke und FDP zu je gleichen Teilen, ergibt sich ein Braunton (RGB165/96/36, CMYK14/40/80/20) als die Signaturfarbe politischer Entdifferenzierung. Mit Beginn der Endphase des Berliner Wahlkampfs am 1. August 2011 wird diese Signaturfarbe in den öffentlichen Raum eingebracht – in Tageszeitungen, auf Websites, als monochrome Farbplakate und in weiteren Medien. 



Damit soll eine öffentliche Debatte über Unklarheiten im politischen Farbspektrum angestoßen werden. Lassen sich im politischen Diskurs wie auch in der eigenen Lebenswelt noch konkrete Aussagen auffinden, die dem Einzelnen eine Wahl zwischen inhaltlichen Alternativen lassen? Eine solche Debatte fragt nach den konkreten Anliegen der Wählerinnen und Wähler und fordert zugleich von den politischen Akteuren, Farbe zu bekennen. Ein Beispiel aus der Bundespolitik: In der aktuellen Diskussion um Rüstungsexporte sind inhaltliche Unterschiede zwischen den Parteien deutlich, hinsichtlich des Atomausstiegs aber nicht mehr. 



Die Frage nach klaren Farbkontrasten läuft also auf eine Frage nach den Differenzen hinaus, die sich derzeit im politischen Raum ausmachen lassen oder eben nicht ausmachen lassen. Mit Blick auf den Berliner Wahlkampf spielen stadtpolitische Themen eine besondere Rolle. Wir wollen deutliche Alternativen in den Aussagen über die gebaute Umwelt und die damit einhergehende Ordnung von sozialen Beziehungen.



@all, Arno Brandlhuber, Berlin, August 2011

http://rgb1659636.net/
http://brandlhuber.com/

Katinka

Der Braunton kommt mir bekannt vor.. Kein guter Bekannter.

Julia

Hoffentlich spiegelt die visuelle Quersumme nicht den politischen Trend wider. Danke für die Info!

Nina

DAS als die Signaturfarbe der ENTdifferenzierung? Na Mahlzeit.

Gerade im Politischen lassen sich Farben vielleicht doch nicht so leicht neu codieren...

hans schumacher

… äh, for sure – ich hoffe nicht, Julia (wir leben hier). P.S:

Farbflächen im CMYK-Code 14/40/80/20 werden als DIN A1-Plakate an folgenden Orten zur Mitnahme ausgelegt: Buchhandlung Walther König, DAZ, Hamburger Bahnhof, Sammlung Haubrok, Haus der Kulturen der Welt, KOW BERLIN, Kunsthochschule Weißensee, Neuer Berliner Kunstverein, Neue Nationalgalerie, Pro qm, Galerie Esther Schipper, Berliner Tafel / Laib und Seele, Galerie Barbara Weiss u.a.

(und später Malmaterial für die Kinder ? i am sure the kids will love it)

Zuppi

„die Mischfarbe aus allen Parteifarben ergibt braun – das spiegelt wieder, dass alle Parteien ähnliche Ziele usw. haben?”
— so ein Quatsch! Genau das gegenteilige Resümee müsste man daraus ziehen.
Denn mische ich rot und grün, blau und orange oder violett und gelb, also Komplementärfarben, die in einer Gegenüberstellung nicht unterschiedlicher sein könnten, entsteht auch braun… nur wenn ich ähnliche Farbtöne (wie zb. hellblau und dunkelblau) mische, entsteht ein eindeutiger Farbton (in dem Fall dann blau – Überraschung!).

CLMNZ

ist auch HKS 73 N-80-30 oder HKS 71 K-80-10

Gast

ich glaube solche projekte sind der grund warum 90% der Leute Designer nicht ernst nehmen. funktioniert natürlich nur im leeren raum berlin.

CHris S

der absolute kompromiss. haha.

Gast

Was viele bereits vermuteten: jetzt ist es physikalisch nachgewiesen!
DIE ALTERNATIVE ZUR MEINUNGSVIELFALT IST BRAUN!

Ich grüße alle braun Gebrannten: Bleibt scheu!

spacken

ääh for sure.. i hope so!

hans schumacher

oh yeah, Danke fürs Zitieren, wär nicht nötig gewesen – und dann noch out of context …

Gast

Oh please no problem. the kids will love it! for sure..

hans schumacher

na dann. see you later alligator. bleib mir treu!

Und noch mal zur Sache: Tut mir leid, wenn ich mich da weiter oben unklar oder gar nicht ausgedrückt habe: einen Rechtsruck halte ich einfach für wenig wahrscheinlich, jedenfalls für Gesamtberlin – deshalb ein flaues ' i hope so' – und hoffentlich irre ich mich nicht. Bei der Aktion geht es wohl auch nicht um Nazitum – vielleicht weckt die Farbe entstprechende Assoziationen (bei mir nicht), der Initiator sieht sie eher als »Durchschnittsfarbe« (s. auch dieses Interview: http://www.taz.de/Architekt-Arno-Brandlhuber-ueber-den-Wahlkampf/!75358/")

RGB 165/96/36  CMYK 14/40/80/20 steht für das Fehlen politischer Differenz. Diese Farbe soll überall dort auftauchen, wo das Fehlen dieser politischen Differenz offensichtlich wird: Wenn irgendwo steht: "Berlin verstehen"...
... wie auf den aktuellen Wahlplakaten der SPD...
... dann werden hier bewusst konkrete Aussagen ausgespart. Ein Fall fehlender politischer Farbbestimmung, ein Fall für die Durchschnittsfarbe.
(die Wahlplakate der SPD zeigen z. B. geschmackvolle SW-Fotos von der Ikone Wowereit sozial gerahmt von Kindern, Alten, jungen Mädchen mit dem Slogan »Berlin verstehen« in Konkurrenz zu Grünen/Bündnis 90, für die auf Farbplakaten »Renate« (Künast) kämpft – für Arbeitsplätze –, sorgt – für Bildung – etc. In der Praxis sind das dann eher unterbezahlte Erzieherinnen, die sich sorgen, kümmern usw.)
weiter:
(und sollten die Plakate zweckentfremdet, zB als Malmaterial – Kinder mögen dann wohl doch eher die hoffentlich weisse Rückseite – verwendet werden:) … Selbst die Verwendung dieser Plakate als Packpapier äußert sich in den öffentlichen Raum.

Ich finde da hört man stark den Stadtplaner raus und möglicherweise eine Überschätzung dieses öffentlichen Raums, der zur Zeit mit spezifischen, kleinteiligen Wahlplakaten (Fotos, Farben, Botschaft) zugeknallt ist – aber immerhin geht es um was – keinen leeren Raum, sondern ein Ballungsgebiet mit ein paar Millionen Einwohnern, da kann sich dem Planer schon mal die Faust in der Tasche ballen. Als Kommunikationsmassnahme leider reichlich unspezifisch, aber hier im Blog mit dem Zusatz »Signaturfarbe politischer Entdifferenzierung« hat es ja – Danke für die Kommentare, ist das ungewohnt – halbwegs funktioniert, ob im Raum des worldwideweb mit einer handvoll umgefärbter Hintergründe – ick weeß ja nicht.

Vielleicht ist das ja auch eine Qualität einer Aktion, die ein Unbehagen gegen die politische Kaste ausdrückt und auf bürgerliche Inititiative und »Mundpropaganda« setzt, statt allgemein akzeptierte Kriterien für Kommunikationskampagnen erfüllen zu können/zu wollen. Ohnmacht als politisches Statement. Das unspezifische eines unegalen Farbtons (der sich bei mir nicht mit Assoziationen zu politischen Ausrichtungen füllt) ist mir jedenfalls tausendmal lieber als die fadenscheinigen Appelle auf den Wahlplakaten der Grünen »da müssen wir ran«. Der politische Hintergrund – offenbar parteiübergreifende Akzeptanz der Privatisierung öffentlicher Liegenschaften, sogenannte Gentrifizierung (Gefährdung der »Berliner Mischung« Arbeiten, Wohnen, Leben, mehr oder weniger vermischt und an einem Platz) – ist jedenfalls konkret und gegeben. Geht wählen … aber bitte nicht den Oberg ;-) schönen Gruss – aus Berlin.

PS: Veranstaltungshinweis (das Event zur Aktion)
Sonntag, 11. September um 12:00 bei KOW BERLIN (Brunnenstr. 9, Berlin-Mitte):
Arno Brandlhuber liest aus den Berliner Wahlkampfprogrammen 2011

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