Interview

Schrift und Raum / Bachelorarbeit von Christoph Miler an der Fachhochschule Vorarlberg

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Schrift findet ihren Ort für gewöhnlich im Zweidimensionalen. So denken wir, wenn wir uns mit Schrift auseinandersetzen, zumeist an Bücher, Magazine, Plakate und vielleicht auch, seit Anbeginn der digitalen Revolution, an den Bildschirm. Doch Schrift findet sich auch in anderen Medien, so etwa im Raum. – Genau an diesem Punkt setzt Christoph Milers Bachelorarbeit, die im Studiengang InterMedia der FH Voralberg entstanden ist, an.

Die gedankliche Kombination von Schrift und Raum weckt üblicherweise schnell Assoziationen zu Feldern der Gestaltung wie Ausstellungsdesign, Signaletik oder vielleicht auch zur Szenografie. Betrachtet man den Raumbegriff allerdings etwas eindringlicher, so stellt sich schnell heraus, dass der Begriff »Raum« ein höchst heterogenes Begriffsgebilde repräsentiert. Er reicht vom architektonischen über den sozialen und philosophischen bis hin zum medialen oder politischen Raum. Hinzu kommen weitere, noch abstraktere Begrifflichkeiten, wie etwa Handlungsraum, Spielraum oder Freiraum.


In all diesen unterschiedlichen Raumarten lässt sich Schrift integrieren und anwenden. Die dabei entstehenden Möglichkeiten, Potentiale und Grenzen des Aufeinandertreffens von Schrift und Raum bilden den Hauptgegenstand meiner Abschlussarbeit.

Dabei geht Christoph Miller davon aus, dass sowohl Schrift, als auch der spezifische Raum bestimmte Charakteristika mit sich bringen, deren Kombination das Potential zu Synergien besitzt. Dabei können sich durch anwendungsspezifische Synthesen die einzelnen Attribute von Schrift und Raum verstärken, abschwächen, widersprechen oder miteinander konkurrieren. Christophs Arbeit richtet den Fokus also auf jenen Bereich der Thematik, in dem sich innerhalb eines Wechselspiels Schrift und Raum gegenseitig thematisieren.

Ausgehend von einer Analyse der diversen Raum- sowie Schrifteigenschaften und Gesprächen mit Experten auf dem Gebiet der Raumkommunikation/Environmental Graphics, setzte Christoph im Folgenden 35 raumtypografische Experimente innerhalb eines bestehenden architektonischen Raumes exemplarisch als Versuche von Schrift-Raum-Synthesen um. Dadurch ergibt sich im Idealfall eine Erweiterung des theoretischen Horizonts sowie ein Impuls für mutige Lösungen innerhalb der Disziplin der Raumkommunikation; Praxis und Theorie befruchten sich dabei gegenseitig, das bestehende Feld wird geöffnet und gedehnt, Horizonte verschieben und erweitern sich.


Christoph, wie kam es dazu, dass du dich in deiner Abschlussarbeit mit dem Thema »Schrift und Raum« auseinandergesetzt hast?

Da wir innerhalb unseres Studiums leider nie Kurse in den Disziplinen Signaletik, Architektur oder Ausstellungsdesign hatten, ich mich aber schon seit jeher für den Raum und die Möglichkeiten und Probleme, die man innerhalb dieser Dimensionen hat, interessiere, habe ich mich parallel zum Studium häufig selbst mit unterschiedlichen Themen der Raumkommunikation beschäftigt. Die Abschlussarbeit bot mir schließlich eine gute Gelegenheit, um mich mit einem Thema aus diesem Feld interdisziplinär und innerhalb eines interessanten Spannungsverhältnisses zwischen theoretischem Diskurs und praktischer Anwendung intensiver auseinanderzusetzen.

Du gehst davon aus, »dass sowohl Schrift, als auch der spezifische Raum bestimmte Charakteristika mit sich bringen, deren Kombination das Potential zu Synergien besitzt«. Kannst du uns dafür ein Beispiel geben?

Ein einfaches Beispiel hierfür wäre etwa Schrift, die zur Orientierung innerhalb eines Gebäudeganges eingesetzt wird, der sich an einem bestimmten Punkt in zwei mögliche Wege aufteilt. Wenn an diesem Punkt die Schrift nicht einfach auf eine Seite der Wand appliziert, sondern um die Ecke des Ganges gezogen wird, sodass die Teile der zusammengehörigen Wörter zwei Wandflächen gleichzeitig belegen, lässt sich ein interessanter Effekt beobachten: Indem wir mit dem Auftreten von Schrift immer das Vorhandensein einer gewissen Linearität verbinden (Wörter beginnen z.B. im Normalfall in unserem Kulturkreis links und enden weiter rechts), suggerieren uns die am Eckpunkt der einen Wandfläche vorgefundenen, unfertigen Wörter, dass sich der Text um die Ecke fortpflanzt.

Dadurch wird uns durch die Eigenschaft der Leserichtung gepaart mit der Eigenschaft einer räumlichen Ecke die Bewegungsrichtung vorgeschlagen, welche uns dorthin führt, wohin das um die Ecke gezogene Wort verläuft. Die Vermengung formaler und inhaltlicher Aspekte des Raumes und der Schrift führt so zu einer Synergie, die Orientierung ermöglicht und Bewegungen steuern kann.


Nach einer Analyse von Raum- und Schrifteigenschaften hast du dich mit Experten getroffen. Mit wem hast du über welche Aspekte gesprochen?

Mit den Interviews wollte ich ein möglichst breites Spektrum an Zugängen und neuartigen Impulsen zu dem Thema Schrift und Raum zu erhalten. Deshalb habe ich für meine Arbeit insgesamt 4 Gespräche mit Designern geführt, deren gestalterischer Fokus teilweise sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Konkret habe ich mit Designern gesprochen, die in einem oder in mehreren Feldern der Ausstellungsgestaltung, der Signaletik, der Schriftgestaltung, des Grafikdesigns, sowie der Designtheorie tätig waren oder sind.

Als besonders spannend und bereichernd empfand ich dabei jene Teile der Dialoge, die sich von den praktischen Anwendungen aus den klassischen Disziplinen der Raumkommunikation abwandten und unkonventionelle Potentiale der Kombination von Schrift und Raum ausloteten. So habe ich mit Nathanaël Gourdin beispielsweise über das Potential von Schrift zur Widerspiegelung historischer Räume oder mit Markus Hanzer über die Frage, inwieweit die Veränderung von Schrift innerhalb des urbanen Raumes über die Zeit hinweg über das soziale Klima des Gebietes Auskunft geben kann, gesprochen. Abgesehen davon habe ich mit allen meinen Gesprächspartnern natürlich auch über ihre Arbeit geredet; diese Teile der Konversationen haben mir vor allem gezeigt, wie schwierig es in der Praxis oft zu sein scheint, Bauherren, Architekten oder Investoren von unkonventionellen und neuartigen Zugängen im Bereich der Signaletik oder des Ausstellungsdesigns – speziell hinsichtlich des Umganges mit Schrift im architektonischen Raum – zu überzeugen.


Anschließend sind verschiedene eigene Experimente entstanden. Wie war das Verhältnis von Theorie und Praxis?

Ich denke, dass eine Stärke dieser Arbeit die enge Verbindung, die gegenseitige Befruchtung, von Theorie und Praxis ist. Nach einer ersten intensiven Recherchephase zu den unterschiedlichen Raumauffassungen und –begriffen hatte ich eine solide Basis, um erste Experimente durchführen zu können. Im weiteren Verlauf haben die praktischen Anwendungen dann die Entwicklung meiner theoretischen Arbeit beeinflusst und umgekehrt. So bin ich in einen Arbeitsfluss geraten, in dem mich ein Experiment zum nächsten getragen hat und ich dabei gleichzeitig theoretische Ansätze ergänzt, verworfen oder innerhalb weiterer Experimente aufgenommen habe. Dieser Prozess zog sich über etwa drei Monate, was schlussendlich zu 35 unterschiedlichen Experimenten, also 35 unterschiedlichen Arten, auf die ein und derselbe Raum bespielt wurde, führte.

Besonders interessant war für mich, zu beobachten wie sehr das theoretische Hintergrundwissen meine Herangehensweise an die Experimente beeinflusste. Zu Beginn, mit dem zum damaligen Zeitpunkt geringen theoretischen Fundament, waren meine Experimente sehr plakativ, anschaulich und gleichzeitig vergleichsweise einfach gestrickt. Als ich allerdings damit begann, mich mit dem Raumbegriff innerhalb der Soziologie und Philosophie zu beschäftigen, wurden meine Experimente schlagartig konzeptioneller, komplexer und weniger zugänglich. An diesem Punkt musste ich dann versuchen, meinen Theorieinput bewusst zu steuern, um eine nachvollziehbare Komplexität und Verständlichkeit meiner Experimente nicht komplett über Bord zu werfen. Retrospektiv betrachtet war also vor allem der Prozess der intensiven Arbeit an dem Projekt in einem beinahe tranceartigen Fluss an Gedanken, Ideen, Fort- und Rückschritten besonders spannend.

Deine Experimente beziehen nicht immer konkrete Buchstaben ein: Es gibt zum Beispiel eine Umsetzung mit Papierstreifen, die sich wie Wellen vom Boden, auf dem sie liegen, abheben. – Kann man sagen, dass Symbole auch Sprache sind und damit in gewisser Weise (be)schreiben (also Schrift sein können)?

Da innerhalb der Analyse meiner Experimente unter anderem genau diese Fragestellungen aufgetaucht sind, habe ich mich auch mit der Definition und dem Wesen von Schrift beschäftigt. In der Linguistik ging man lange Zeit (und teilweise tut man das noch immer) davon aus, dass gesprochene und geschriebene Sprache grundsätzlich zu unterscheiden sind. Geschriebene Sprache, also Schrift, ist generell ein System aus Zeichen, deren Bedeutungen für uns – sofern wir die Sprache erlernt haben und uns die Art der Codierung (also das Schriftsystem) bekannt ist – dechiffrierbar sind.

Meiner Meinung kann so jeder systematisch gebrauchte visuelle, akustische oder auch haptische (Brailleschrift) Zeichenvorrat zur Schrift werden. Speziell wenn man ein neues Schriftsystem lernt oder die Zeichen eines bekannten Schriftsystems in ungewohnter Form verändert werden, kann das aber zu Problemen der Decodierbarkeit führen. Einige meiner Experimente provozieren genau diese Probleme, indem sie einzelne Lettern stark verzerren, dehnen, biegen oder ihnen der Charakter bestimmter Raumelemente oder Materialien aufgezwungen wird. So bewegt man sich in einem permanten Spannungsfeld zwischen Abstraktion und konkretem Verweis auf bestehende/bekannte Zeichen, zwischen lesbar und nicht lesbar.

Besonders interessant ist dabei, dass wir sofort Probleme mit der Lesbarkeit von Schrift bekommen, sobald sie auf komplexere Weise die dritte Dimension nutzt und so skulpturalen Charakter bekommt. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass wir es aus kulturhistorischen Gründen einfach nicht gewohnt sind, die dritte Dimension zu dekodieren. Ein spannender Aspekt dabei ist, dass die unterschiedlichen Raumformen immer recht rücksichtslos mit den uns bekannten Letternformen umgehen. Sie werden verzerrt, dekonstruiert, fragmentiert. Genau an dieser Grenze zwischen abstrakter, unlesbarer Form und konkretem Buchstaben findet aber unter anderem diese starke Wechselwirkung, dieser intensive Dialog zwischen Schrift und Raum statt, der unerwartete Potentiale und Möglichkeiten in sich birgt.

Christoph Miler stellt seine Experimente und das entstandene Buch auch unter www.behance.net/ChristophMiler vor.

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