TYPO Berlin Tag 3: Shoko Mugikura, 16 Uhr / Vertikal? Horizontal?

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Das Japanische ist Thema in Shoko Mugikuras Vortrag, sie ist Japanerin, hat zuerst Buchgestaltung in Tokyo studiert, dann in England und erklärt uns diesen Wechsel: sie kam in ihrer japanischen Studienzeit in Berührung mit Büchern von Jan Tschichold und war unglaublich beeindruckt und auch neidisch auf die Möglichkeiten, die man in der Gestaltung mit lateinischen Buchstaben hat, und wusste sofort, genau das will ich auch machen. Heute lebt sie in Berlin und führt zusammen mit Tim Ahrens Just Another Foundry.

Japanisch besteht aus drei Zeichensystemen. Kanji, Hiragana, Katakana. Kanji ist das chinesische Zeichensystem. Japanisch und Chinesisch sind gesprochen sehr unterschiedlich, daher übernahm man zwar die Zeichen, aber nicht deren Aussprache. In Kanji stehen im Japanischen vor allem Substantive und Verben, in Hiragana alles grammatikalisch verbindende, in Katakana fremde Wörter, wie »Computer« u.ä. Um uns den Unterschied zwischen diesen Systemen zu verdeutlichen findet Shoko Mugikura ein schönes Beispiel: Ein Buch in deutscher Sprache aus dem Jahr 1698. Der deutsche Fließtext ist in Fraktur gesetzt, aber alles fremdsprachige, also lateinische, französische etc. in einer Antiqua. Genauso fühlt sich der Mix aus chinesischen und japanischen Schriftzeichen an. Wie einleuchtend!

Im Japanischen gibt es die vertikale und die horizontale Zeichenanordnung. Ursprünglich wurden die japanischen Zeichen vertikal gesetzt, auch heute sind alle traditionellen Texte vertikal, Romane, Mangas, Kalligrafie, auch in japanischen Restaurants wird vertikal geschrieben. Sollte in einem japanischen Restaurant der Text horizontal angeordnet sein, wird dort nie ein Japaner essen, sagt sie.

Das Horizontale entstammt dem westlichen Einfluß, am Beispiel von historischen Wörterbüchern zeigt sie uns sehr eindrucksvoll die Variationen der Schreibweisen bis hin zum heutigen Wörterbuch in horizontaler Schreibweise. Vor allem Leitsysteme, Websites u.ä. werden komplett horizontal geschrieben.

In der Gestaltung wird der Wechsel zwischen horizontal und vertikal eingesetzt wie bei uns kursiv oder bold, in Zeitungen und Zeitschriften wird gemischt und auch in speziellen Fällen wie bei der Metro-Map von Tokyo. Hier gibt es allerdings keine Logik, horizontal und vertikal wird wild gemixt, je nach dem was der Raum zulässt.

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