Wim Crouwel im Londoner Design Museum / Eine graphische Odyssee

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In Londons Feuilletons wimmelt es seit Wochen von Wims. Zu Recht, denn kaum sind die Wim Wenders Photo Ausstellung in der Haunch of Venison Gallery und die Kinoprämiere von “Pina” vorüber, sorgt nun seit einigen Wochen die Retrospektive der niederländischen Design-Ikone Wim Crouwel im Design Museum für Furore.

“Wim Crouwel – A Graphic Odyssey” lautet der Titel der Ausstellung, kuratiert hat sie Tony Brook vom Londoner Design Studio Spin. Passend zur verbalen Anlehnung an Kubricks “Space Odyssey” ist Crouwel im Eingangsbereich auf metallisch glänzendem Hintergrund in einer Weltraumkluft abgebildet, die vor einigen Jahrzehnten als äußerst futuristisch durchgegangen wäre. Heute wirkt sie so richtig schön “retro”. Ähnlich verhält es sich mit einigen der grafischen Arbeiten, die im Rahmen der Werkschau zu sehen sind. Diese umfasst eine Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten, und zeigt unmissverständlich auf, wie maßgeblich Crouwel besonders die 60er und 70er visuell geprägt hat.

Sei es in Hinblick auf das seinerzeit schockierend unleserliche “New Alphabet”, die vielgefeierten Plakate fürs Stedelijk Museum, oder jene niederländische Briefmarkenserie in kunterbunten Farbverläufen. - Wie Kubriks Odyssey war auch die Crouwels wegbereitend. Und so bahnbrechend und progressiv seine Entwürfe die eingene künstlerische Disziplin damals vorangebracht haben, so stetig und solide scheint die Crouwelsche Formensprache heute wie in einer Zeitkapsel zu überdauern. Crouwels Stil wurde kopiert, zitiert, und hat Generationen von Grafikern mehr oder weniger unbewußt beeinflußt. Wer wiederum Crouwel beeinflußt und inspiriert hat, das erschließt sich dem Ausstellungsbesucher nahe des Eingangs - allerdings erst nach einem kurzen Moment des Zweifels, überhaupt in der richtigen Ausstellung gelandet zu sein. Man hatte ja unter dem Titel “Wim Crouwel – A Graphic Odyssey” nicht unbedingt mit Max Bill und Josef Müller-Brockmann gerechnet. Schnell wird jedoch klar, welche Schlüsselrolle kreative Einflüsse, Vermächtnisse und Traditionen in Tony Brooks kuratorischen Konzept spielen. Statt einer linearen Retrospektive zeichnet er den Lebenszyklus einer grafischen Ära - der Ära Wim Crouwel. Der Kreis schließt sich mit Arbeiten und Kommentaren zeitgenössischer Gestalter wie Peter Saville und Stefan Sagmeister, die Crouwel offenkundig Tribut zollen, am Ende des Ausstellungsrundgangs.

Crouwels Interesse am dreidimensionalen Raum, dass auch in seiner zweidimensionalen Arbeit immer wieder zum Ausdruck kommt, scheint sich in der durchdachten innenarchitektonischen Struktur der Ausstellung zu spiegeln, die das britische Architektenbüro 6a in Zusammenarbeit mit Spin konzipierte. Geschickt schläust sie den Besucher durch den offenen, hellen Raum, entlang eines sorgfältigen Arrangements weißer Tische und der Phasen und Stationen Crouwels gestalterischer Laufbahn.

Die ganz in weiß gehaltene Szenerie nimmt Bezug auf eine Seite weißen Papiers, den standardmäßigen Untergrund Crouwels kreativer Praxis, und schafft dabei einen wirkungsvollen Kontrast zwischen Kulisse und Werk, als “figurative white page to the exhibits’ colourful intensity,” wie es die 6a Architects ausdrücken. Aber auch als minimalistischer Gegenpol zur Fülle und Bandbreite der Exponate.

Zu denen zählen Plakate, Kataloge, Schrift-Entwürfe, Designs für Briefpapier, Briefmarken und Plattencover, teils mit Original Skizzen und Kommentaren Crouwels. Außerdem Archiv Photographien, Video- und Audio Material, das Crouwels Schaffen und die dem zugrunde liegenden Ideen verdeutlicht. Erwähnenswert ist auch der Ausstellungskatalog, erschienen bei Unit Editions, dem gemeinsamen Verlagsunternehmen von Tony Brook und Adrian Shaughnessy. Neben zahlreichen Abbildungen der im Rahmen der Retrospektive ausgestellten Arbeiten enthält dieser ein dreizehnseitiges Interview, in dem Crouwel Interessantes zu seiner Arbeit und derer zugrundeliegenden Ideen kund tut. “Life” redet Crouwel dann am 23. Juni im Design Museum über “Pioniers of Industrial Culture”. Der Vortrag ist ausverkauft, aber wer an sein Glück glaubt, kann es noch mit der “Ultimate Wim Weekend Competition” probieren, in deren Rahmen das Museum Tickets incl. einer Übernachtung in London und einer Wim Wundertüte (“Wim Crouwel Goody Bag”) verlost. Die Odyssey läuft noch bis zum 03 Juli.

“Wim Crouwel – A Graphic Odyssey”
30 März – 03 Juli 2011

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