Zeit für eine neue Zeitung? / Und das in diesen Zeiten?

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Studenten des Fachbereichs Design an der Fachhochschule Düsseldorf haben sich Zeit genommen. Unter der Leitung von HORIZONT und beef Art Director Andreas Liedtke sind Konzepte für die Zeitung von morgen entstanden. Drei der Konzepte werden hier vorgestellt.

1. Globalisierung begreifen und gestalten
»tero – die Zeitung für Entwicklung und Zusammenarbeit« versammelt Themen aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Kultur. tero stellt Fragen: Haben die Entwicklungsorganisationen eine klare Vorstellung von dem Begriff »Hilfe zur Selbsthilfe? tero stellt infrage: Die TV-Berichterstattung zu den Attentaten in Mumbai. Wie viele Bewaffnete waren es exakt? Wie viele Menschen starben wirklich? Das Fernsehen präsentierte Vermutungen statt Fakten. Terror im TV. Viele Inder waren nicht einverstanden mit der Art der Berichterstattung. tero thematisiert: Alle sieben Minuten ein Todesfall. Über das Leid der Frauen in Ländern mit restriktiver Abtreibungsregelung. tero ist das Wort für Erde in der Plansprache Esperanto. tero präsentiert sich angenehm unaufgeregt: durchgehend schwarz-weiß gedruckt, bebildert mit Illustrationen und Fotos. Eben geerdet.
(Konzeption und Entwurf: Lydia Reich)







Interview zu tero:

Gib uns bitte ein paar Informationen über Dich.
Lydia Reich: In Herford aufgewachsen, habe ich nach dem Abitur mit dem Schwerpunkt Kunst und Gestaltung eine Ausbildung als Gestaltungstechnische Assistentin für Grafik-Design in Bielefeld abgeschlossen. Danach studierte ich zwei Semester Produkt-Design an der FH Aachen und wechselte anschließend an die FH Düsseldorf, wo ich vier Semester lang den Studiengang Kommunikationsdesign weiterführte. Durch ein Erasmus-Stipendium konnte ich ein Semester an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts de Nancy in Frankreich studieren und kehrte anschließend an die FH Düsseldorf zurück. Im Laufe meines Studiums experimentierte ich überwiegend im Bereich Buchgestaltung und Illustration, aber auch im frei künstlerischen Bereich.

Wie würdest Du Deinen Stil bezeichnen?
Lydia Reich: Je nach Thema und Typ der Arbeit gestalte ich sehr schlicht und strukturiert oder auch extrem chaotisch und verspielt.

Wo liegen Deine Stärken?
Lydia Reich: Wenn ich an einem interessanten Projekt arbeite, dann habe ich Phasen in denen ich sehr intensiv in meiner Tätigkeit versinke und dabei durch ständiges Hinterfragen die Arbeit immer weiter verfeinere. Außerdem gestatte ich mir gerne unstrukturierte und assoziative Denkweisen, da sie mir manchmal zu ungewöhnlichen Ideen verhelfen.

Wo arbeitest Du am liebsten?
Lydia Reich: Ich arbeite sehr gerne außerhalb meines Wohnraums an naturnahen Orten, wo mir verschiedenste Materialien und die notwendige Technik zur Verfügung stehen, wo die Atmosphäre stimmt und wo nette Leute in direkter Umgebung sind. Wichtig ist für mich aber auch das gelegentliche Wechseln meiner Arbeitsumgebung.

Was inspiriert Dich?
Lydia Reich: Mich inspiriert eigentlich alles, was mir in meiner Umwelt begegnet: verschiedene Materialien, Bilder, Objekte, Bücher, Menschen oder auch einfach einzelne Wörter. Regelmäßiger Abstand von meiner Arbeit schafft mir dabei Räume für neue Ideen. Den gewinne ich beispielsweise durch Reisen und fachfremde Jobs oder Tätigkeiten.

Welche Bedeutung hat Design für Dich?
Lydia Reich: Design bedeutet für mich zweckorientierte Formgebung. Das Design ist also an den Nutzer angepasst und richtet sich an dessen Bedürfnisse und Interessen. Es vermittelt dem Nutzer die jeweilige Funktion und kann diese sowohl unterstützen, als auch beeinträchtigen. Originalität schafft dabei Aufmerksamkeit und einen Wiedererkennungswert. Eine Vereinigung von Design und Kunst sehe ich bei diversen Arbeiten gegeben, die zweckgebundene Gestaltung mit künstlerischer Aussage verbinden.

Kannst Du uns eine kleine Beschreibung Deiner Arbeit geben?
Lydia Reich: Die Zeitung tero ist als Semesterarbeit im Rahmen meines Studiums entstanden. Das Projekt ist fiktiv, daher war ich frei bei der Themenwahl und der Konzeptentwicklung. Inhaltlich beschäftigt sich die Zeitung überwiegend mit den Ereignissen in Entwicklungsländern und den Zusammenhängen mit der westlichen Welt. Organisationen, die sich auf eine Zusammenarbeit spezialisiert haben, finden hier Raum zur Veröffentlichung ihrer Projekte. Neben den politischen Neuigkeiten werden Artikel in Bezug auf Philosophie, Pädagogik und Sprachen integriert; Leserbriefe, themenbezogene Aktivitäten und Adressen veröffentlicht. Die Zeitung ist handlich im Format, durchgehend schwarz-weiß, sehr übersichtlich und zurückhaltend in der Gestaltung und soll einmal im Monat überwiegend unabhängige Berichterstattung liefern.

Welches Konzept liegt Deiner Arbeit zugrunde? Wie bist Du auf die Idee gekommen?
Lydia Reich: Das Konzept besteht darin, dass die Problematik in Entwicklungsländern in das Bewusstsein der wohlhabenderen Weltbevölkerung gerückt wird, indem ihr eine eigene Zeitung gewidmet wird, die in mehreren Sprachen und vielen Ländern erhältlich ist. Der Zeitungstitel tero ist das Wort für »Erde« in der Plansprache Esperanto, welcher in diesem Kontext einen vereinigenden Gedanken vermitteln soll. Die Leser sollen über bestehende Zusammenarbeit informiert und auf Möglichkeiten des Mitwirkens hingewiesen werden. Die Gestaltung ist sehr klar und reduziert, damit der Inhalt in den Vordergrund rückt und Seriosität vermittelt wird. Professionell erstellte Fotos und die Wahl der Schriften »Univers« und »Excelsior«, unterstützen diese Wirkung. Die teils abstrakten, teils figürlichen Illustrationen beziehen sich auf typische Muster verschiedener Kulturen und deren symbolische Vereinigung. Sie lockern das rasterorientierte Layout auf. Des Weiteren wird eine möglichst kostensparende Produktionsweise bevorzugt, um weltoffene, kritisch-nachfragende Menschen aus allen sozialen Schichten zu erreichen.

Die Idee für diese Zeitung hat sich entwickelt, als ich auf der Suche nach einem Praktikumsplatz in der Ferne die Internetseiten der Entwicklungshilfe-Organisationen durchsah und feststellte, dass viele davon zwar ihre eigenen Projekte dokumentieren und publizieren, dass es für den interessierten Leser aber schwierig ist, sich auf ansprechende und leicht zugängliche Weise ein vielseitiges Bild von der Situation in Entwicklungsländern zu machen. Des Weiteren hat mich der inhaltliche Schwerpunkt der französischen Zeitschrift »Silence« (écologie, alternatives, non-violence) dazu inspiriert, dem Leser durch die Zeitung ein hohes Maß an Handlungsmöglichkeiten zu vermitteln. Die konsequente Reduktion auf das Wesentliche, also den Inhalt der Texte und die angenehme Lesbarkeit, hat mich bei den »Blättern für deutsche und internationale Politik« beeindruckt. Die Monatszeitung für internationale Politik „Le monde diplomatique“ beeinflusste mich in Bezug auf ihr Konzept für den globalen Blick und mit der mehrsprachigen Ausgabe.

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen/aussagen?
Lydia Reich: Mit dieser Arbeit möchte ich, mit Hilfe gestalterischer Mittel, einen Ansatz liefern, um den Zugang zu diesem Thema zu erleichtern. Mit einer vergleichbaren Zeitung könnte ein größerer Interessentenkreis für die Probleme in Entwicklungsländern gewonnen und das Verantwortungsgefühl der Leser hierfür gesteigert werden.

Wie/Wo wäre die ideale Anwendungsweise?
Lydia Reich: Idealerweise sollte die Zeitung in zahlreichen Ländern in der entsprechenden Landessprache zu niedrigem Preis erhältlich sein. Ein jeweils wechselnder Abschnitt, der sich auf das Publikationsland bezieht, wäre dabei sinnvoll.

Arbeitest Du eher darauf los oder gibt es lange Konzeptionsphasen?
Lydia Reich: Meistens entwickeln sich parallel verschiedene Konzeptansätze, so dass ich mich entscheiden oder Kombinationsmöglichkeiten suchen muss. Bei der Umsetzung arbeite ich jedoch eher drauf los; hierbei ist es mir wichtig, mich ganz auf das jeweilige Projekt einlassen zu können, um maximale Übereinstimmung zwischen Gestaltung und Inhalt zu erreichen.

Wie lange hast Du an Deinem Layout gearbeitet?
Lydia Reich: Das Layout stand bei dieser Arbeit vergleichsweise schnell fest, da mir der Aspekt der angenehmen Lesbarkeit besonders wichtig war und ich damit eine verspielte und aufwendige Gestaltung direkt ausschließen konnte.

Wer hat Dich betreut und wie hast Du davon profitiert?
Lydia Reich: Andreas Liedtke leitete den Kurs »Zeit für eine neue Zeitung« und betreute mich bei meiner Arbeit. Er beriet mich bei gestalterischen und inhaltlichen Fragen zum Thema und wies auf Verbesserungsmöglichkeiten hin.

Hast Du Deine Arbeit handgemacht (gedruckt, veredelt etc.)?
Lydia Reich: Ich habe den Zeitungsentwurf drucken und zuschneiden lassen und dann provisorisch Vorder- und Rückseite der Druckbögen zusammengeklebt, gefalzt und ineinandergelegt.

Hast Du Vorbilder? Was interessiert Dich an dieser/n Person/en? Welche Arbeiten gefallen Dir?
Lydia Reich: Bei Jean Tinguely gefällt mir beispielsweise die Ironie und Verspieltheit seiner Maschinenplastiken und die Interaktion der Werke mit dem Betrachter in einzelnen Kunstobjekten. Horst Janssen fasziniert mich mit seinem zeichnerischen Talent, wobei mich seine Selbstbildnisse ganz besonders ansprechen. Bei Richard Serras Werk „the matter of time“ beeindruckte mich die Veränderung der Wahrnehmung beim Begehen der monumentalen Stahlskulpturen und deren ausdrucksstarke Formensprache. Im Bereich Innenraumgestaltung und Möbeldesign finde ich das ressourcenschonende Konzept der OS2 Designgroup sehr interessant. Die zwei Architekten entwickeln ansprechendes Design aus Recyclingmaterialien, bei welchem sie die Betonung auf das verwendete Recyclingmaterial legen und dieses damit aufwerten. Zudem beeindruckt mich Rebecca Dautremer mit ihrem illustratorischen Feingefühl und Nadia Budde mit dem Humor in ihren Kinderbüchern.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?
Lydia Reich: Zunächst werde ich ein Projekt im Rahmen eines Mobilitätsstipendiums des Deutsch-Französischen Jugendwerks in Frankreich vollenden und dann steht nach einem weiteren Auslandssemester die Auseinandersetzung mit meiner Diplomarbeit an.
--

2. Fläche, Farbe und Form
Architektur, Design, Kunst, Fotografie und Typografie. All das monatlich in Form gebracht. Und alles zu lesen und zu sehen in »Format – die Zeitung für Kunst und Kultur«. Beispielsweise ein Beitrag über die Bekleidungsfirma American Apparel. Inhalt und Form passen hier perfekt zusammen. Das Bild ist der Text und der Text ist das Bild. Neben dieser Formensprache berichtet Format über die Finanzkrise im Museum und listet die wichtigsten Termine auf. Format ist farbig und gedruckt auf lachsfarbenem Zeitungspapier.
(Konzeption und Entwurf: Kristin Reker)









Interview zu Format:

Gib uns bitte ein paar Informationen über Dich.
Kristin Reker: Geboren im beschaulichen Gütersloh, nach dem Abitur folgten 2 Jahre GTA, danach 2 Jahre Festanstellung in einer Internetagentur. Dann der Befreiungsschlag aus Ostwestfalen, Umzug nach Düsseldorf und Beginn des Studiums an der FH Düsseldorf. Jetzt bin ich 27 und nebenbei als Freelancerin tätig. Zur Zeit in Berlin.

Wie würdest Du Deinen Stil bezeichnen?
Kristin Reker: Klar, reduziert und typolastig. Ich liebe visuelle, prägnante Konzepte mit Aha-Effekt. Weniger ist mehr, das find ich gut!

Wo liegen Deine Stärken?
Kristin Reker: Ich kann ganz gut ganz schnell rumwerkeln und Ergebnisse zeigen ;)

Wo arbeitest Du am liebsten?
Kristin Reker: Am gut sortierten Arbeitsplatz.

Was inspiriert Dich?
Kristin Reker: Blogs, Menschen, Bücher, Fotografie, Texte und Streetart.

Welche Bedeutung hat Design für Dich?
Kristin Reker: Schon eine ziemlich große. Da ich von Geburt an so gut wie gehörlos bin, bin ich für visuelle Reize viel empfänglicher als für das Akustische und nehme mehr über das Sehen wahr. Gutes Design beruhigt mich und schmeichelt den Augen.

Kannst Du uns eine kleine Beschreibung Deiner Arbeit geben?
Kristin Reker: Aufgabe war es, ein eigenes Zeitungskonzept zu entwickeln und zu gestalten. Da mir die »Liebling« vom Inhalt, Layout und Format her sehr gut gefällt, ließ ich mich von ihr inspirieren. Da ich viel Material zum Setzen brauchte, habe ich teilweise auch Inhalte aus der »Liebling« und ähnlich konzipierten Zeitungen übernommen und in eine neue Form gebracht.

Welches Konzept liegt Deiner Arbeit zugrunde?
Kristin Reker: Format. Der Name ist Programm. Die vielfältig zusammengesuchten Beiträge zu ausgewählten Themen rund um Design, Kultur, Architektur, Mode etc. wurden sowohl inhaltlich als auch visuell in eine adäquate Form gebracht. Die Form dient als roter Faden. Natürlich gibt es aber auch gemischte Artikel und kleinere Beiträge, die im typischen Spaltenraster gesetzt sind. Zugleich deckt die »Form« als übergeordnetes Konzept ein breites Spektrum ab. So kann ein Streitgespräch zweier Architekten über die Form einer Moscheekuppel genauso dazugehören, wie der Bericht »Hosen runter!« über das amerikanische Label American Apparel. Dies wird augenzwinkernd kommuniziert durch eine großzügige Typo-Doppelseite in label-typischer Unterhosen-Form. Weitere Doppelseiten kann man sich momentan noch unter www.kristinreker.de ansehen, die Seite wird demnächst überarbeitet.

Wie bist Du auf die Idee gekommen?
Kristin Reker: Ich liebe typografisches Arbeiten und wollte unbedingt mal wieder jenseits starrer Raster arbeiten. Das kommt schon häufig genug vor.

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen/aussagen?
Kristin Reker: Zeitungen können extrem spannend sein, wenn man die vorhandene Fläche clever nutzt.

Wie/Wo wäre die ideale Anwendungsweise?
Kristin Reker: Schöne, kleine, feine Zeitungen mit Liebe zum Detail.

Arbeitest Du eher darauf los oder gibt es lange Konzeptionsphasen?
Kristin Reker: Das war lange Zeit eine problematische Einstellung bei mir. Mittlerweile überlege ich vorher, was ich nachher mache. Bei Format ging ich jedoch recht pragmatisch an die Sache heran. Das Konzept stand schon sehr früh, danach folgte eine Menge Layout-, Text-, Material- und Fotorecherche.

Wie lange hast Du an Deinem Layout gearbeitet?
Kristin Reker: Ich hatte ein Semester lang Zeit, dann fiel ein Monat oder noch länger mein Rechner aus, für Design + Layout blieben dann noch etwa anderthalb Monate.

Wer hat Dich betreut und wie hast Du davon profitiert?
Kristin Reker: Andreas Liedtke hat den Zeitungs-Kurs betreut und durch seine Arbeit bei beef und HORIZONT natürlich jede Menge Erfahrung mit Editorial Design, die er gern an uns Studenten weitergibt!

Hast Du Deine Arbeit handgemacht (gedruckt, veredelt etc.)?
Kristin Reker: Kostentechnisch war richtiger Zeitungsdruck leider nicht drin. Daher musste ich mogeln und die Farbe des Papiers mit Digitaldruck vortäuschen. Gedruckt wurde auf A3 in der FH Düsseldorf, anschließend dann manuell zusammengeklebt und gebunden.

Hast Du Vorbilder? Was interessiert Dich an dieser/n Person/en? Welche Arbeiten gefallen Dir?
Kristin Reker: Mir gefällt vieles von kleinen, feinen Designbüros aus Großbritannien.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?
Kristin Reker: Ein hoffentlich tolles Diplom und tolle Projekte!

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3. Aufgedeckt und Aufgeklappt
Geht es noch kompakter, informativer und handlicher? Ja. Der Falter macht es vor: Die Themenbereiche Politik, Wissenschaft, Panorama, Sport und Feuilleton liegen gefächert hintereinander. Auf einen Blick zu sehen sind zunächst die Schlagzeilen der einzelnen Ressorts: Winter in Deutschland, Krise in Gelsenkirchen, Wut auf Merkel. Mit einem Griff lässt sich der Der Falter aufblättern. Zu lesen sind dann die wichtigsten Meldungen in Kurzform. In der Heftmitte ist Raum für lange Text- und Bildstrecken. Aus dem Inhalt: Umbruch. Das US-Finanzsystem muss sich ändern. Abbruch. Wie lange haben die Alpen noch Schnee? Aufbruch. Hoffenheim stürmt an die Spitze der Bundesliga. Durchbruch. Streetart wird salonfähig. Der Falter präsentiert Nachrichten aus der ganzen Welt und entfaltet ein breites Themenspektrum: klar und kompetent, kritisch und kontrovers.
(Konzeption und Entwurf: Hannes Höhlig und Nico Prang)






Interview zu Der Falter:

Gebt uns bitte ein paar Informationen über Euch.
Hannes Höhlig: Ich bin 26 Jahre alt und komme eigentlich aus der Nähe von Berlin. Ich habe Abitur gemacht und bin dann nach längerer Praktikumsphase an die Fachhochschule in Düsseldorf gekommen, um mein Diplom in Kommunikationsdesign zu machen.
Nico Prang: Geboren am 26. Januar 1984 in Nassau an der Lahn, nicht Bahamas. Aufgewachsen im Westerwald. Das Gymnasium mit Fachabitur verlassen, um dann Praktikant bei der Gramm Werbeagentur zu werden. 2005 begann mein Studium an der FH Düsseldorf. Parallel konnte ich noch ein Jahr als studentische Aushilfskraft arbeiten und bin seit 2008 selbstständig und weiterhin für Agenturen tätig. Mein Diplom werde ich in zwei bis drei Semestern ansteuern.

Wo liegen Eure Stärken?
Nico Prang: Ich würde sagen in der Konzeption und Typografie. Da konnte ich bis jetzt am meisten Erfahrung sammeln. Bin aber noch in der Experimentierphase, Fotografie und Illustration interessieren mich auch.
Hannes Höhlig: Ich sehe mich eher in der Bildgestaltung und Illustration. Dies war sozusagen die Erkundung eines neuen Gebietes.

Wo arbeitest Du am liebsten?
Nico Prang: Überwiegend am Rechner, ob im Büro oder Zuhause ist eigentlich egal. Kommt ja auch darauf an, was man gerade macht. Manchmal ist es wichtig im Austausch im Team zu arbeiten, manche Dinge macht man besser allein und in Ruhe. Hauptsache die Atmosphäre stimmt und man kann sich konzentrieren.

Was inspiriert Euch?
Hannes Höhlig: Musik vor allem. Aber eben auch die alltäglichen Bilder, die diese Welt ausspuckt. Nicht zu vergessen die Geschichte ...
Nico Prang: Beim Snowboarden kann man super abschalten und nachdenken. Inspiration sehe ich in vielen Dingen. Kann aber nicht sagen, was der Auslöser ist. Kommt auf die Aufgabe, Vision oder Idee, mit der man sich gerade beschäftigt, an. Ich würde sagen: Ich gehe wachsam durch diese Welt

Welche Bedeutung hat Design für Euch?
Hannes Höhlig: Die Möglichkeit das Alltägliche etwas netter zu machen ... oder eben meine Fähigkeiten mit einem Einkommen zu verbinden.
Nico Prang: Gutes Design ist wichtig für gesunde Augen ...

Könnt Ihr uns eine kleine Beschreibung Eurer Arbeit geben?/
Welches Konzept liegt Eurer Arbeit zugrunde?

Hannes Höhlig: Unser Ansatz war eine kompakte, informative und handliche Tageszeitung mit einer versierten, anspruchsvollen Wochenzeitung bzw. einem Magazin zu kombinieren.
Nico Prang: Der formale Aspekt der sich verkürzenden, einzelnen Reiter war die Schlüsselidee zur Umsetzung dieses Konzeptes. Dadurch haben wir die Möglichkeit, viel Information sichtbar zu machen, ohne die komplette Zeitung aufzuklappen. So lässt sich die Zeitung auch bequem lesen - in der U-Bahn beispielsweise. Die Seitenfolge führt einen in den inneren Teil der Zeitung, der dann wieder mit ausgedehnten Berichten im Magazinstil das gewohnte Format der Zeitung nutzt.

Wie seid Ihr auf die Idee gekommen? Wie lange habt Ihr an Eurem Layout gearbeitet?
Nico Prang: Wir experimentierten lange mit alten Zeitungen und zerschnitten diese unzählige Male, bis der „Falter“ geboren wurde. Wir hatten nach circa zwei Wochen unsere Schlüsselidee. Dann haben wir uns einen weiteren Monat um das Konzept und erste Umsetzungen bemüht.

Was möchtet Ihr mit Eurer Arbeit erreichen/aussagen?Wie/Wo wäre die ideale Anwendungsweise?
Hannes Höhlig: Viele Menschen gerade aus den jüngeren Generationen haben keine Zeit mehr. Die Frequenz an Bahnhöfen und anderen Verkehrsknotenpunkten nimmt immer mehr zu und sorgt für mehr Hektik und weniger Platz. Eine Zeitung zu entwickeln, die sich diesen Verhältnissen anpasst, aber trotzdem nicht den klassischen Leser vergrault, wäre das was wir uns vorstellen.

Arbeitet Ihr eher darauf los oder gibt es lange Konzeptionsphasen?
Nico Prang: Da sind wir beide ganz verschieden. Ich bin eher der, der viel denkt bevor er umsetzt und Hannes arbeitet eher darauf los. Gemeinsam war das aber eine ganz gute Kombination für unser Projekt. Hat sich ganz gut ergänzt.

Wer hat Dich betreut und wie hast Du davon profitiert?
Hannes Höhlig: Die Idee mal wieder eine neue Zeitung zu machen, hat uns beide interessiert. Deshalb kam uns der Kurs »Zeit für eine neue Zeitung« von Andreas Liedtke sehr entgegen.
Nico Prang: Aber wenn Zeitung dann richtig. Deshalb haben wir bewusst in die Richtung gedacht, eine Tages-/Wochenzeitung zu revolutionieren. Am Anfang hatten wir ein wenig Zweifel, ob das überhaupt umsetzbar ist, was wir uns da ausgedacht haben, aber Andreas Liedtke hat uns ermutigt die Idee umzusetzen. Mit seiner Erfahrung konnte er uns bei den Zwischenpräsentationen auch sehr hilfreiche Tipps geben.

Hast Du Deine Arbeit handgemacht (gedruckt, veredelt etc.)?
Nico Prang: Der Dummy ist Handarbeit gewesen. Haben auf A2 beidseitig drucken lassen und dann in Handarbeit geschnitten und gefalzt.

Habt Ihr Vorbilder? Was interessiert Euch an dieser/n Person/en? Welche Arbeiten gefallen Euch?
Hannes Höhlig: Schon lange nicht mehr ... Viral Marketing: ZEVS (ein Streetart Künstler der eine Werbefigur kidnappte), Streetart.
Nico Prang: Vorbilder sind für mich alle, die ihren eigenen Weg gehen und auch dranbleiben, wenn Rückschläge kommen. Wenn man von sich behaupten kann, sein Ziel erreicht zu haben, kann man stolz auf sich sein. Ansonsten habe ich keine Vorbilder die man mit Namen nennen könnte.

Was sind Eure Pläne für die Zukunft?
Hannes Höhlig: Diplom und dann ma schaun was die Krise so mit sich zieht ...
Nico Prang: Diplom und dann ma schaun was die Krise so mit sich zieht ...

Gast

Die oberste Zeitung ist eine spiegelverkehrte, verkleinerte und bildlastigere Version der "Le Mond Diplomatique" - Deutschland. Die zweite Arbeit ist eine von den toten, fancy Designmüllprodukten, die man viel zu oft sieht und die dritte Arbeit: da steckt sehr, sehr viel drin. Gedanken, Innovationswille, Eigenständigkeit! Endlich mal wieder eine gehaltvolle Arbeit, die man auf diesen Seiten leider viel zu selten zu Gesicht bekommt.

Stattdessen immer diese "schönen", entrückten, künstlerisch angehauchten, sich ständig wiederholenden und von Dreiecken und diagonalen Strichen über fast leere Seiten, mit ein wenig Typo oben links und einem transparenten, farbigen Kreis überlagernten nonsense Wörter oder Sätze.

Gast

stimme dem gast vollkommen zu. beispiel 1 und 2 sind sinnentleerte designs. zu zeitgeistig, zu gesehen, zu gewollt. dies ist allerdngs bei einem großteil der magazinlandschaft der fall. das sind doch studentenarbeiten. warum nicht mal was wagen und nicht aussehen wollen wie borsche, lombardo und konsorten.

beispiel 3 hat auch mich vom konzept überzeugt, zeigt neue ideen auf ist vor allem nachhaltig. den ersten beiden konzepten gebe ich eine halbwertszeit von einer woche.

Gast

"Der Falter" ist ein sehr sehr guter und interessanter Ansatz. Immer noch eine Zeitung, immer noch auf Papier, immer noch am nächsten Tag zum Wegwerfen.

Die ersten beiden "Zeitungen" scheinen nicht von Grund auf neu konzipiert worden zu sein, sondern versuchen mit Layouts was spannendes zu machen - zu wenig Eigenständigkeit.

zustimmender Gast #3

Schließe mich voll und ganz den beiden Kommentaren vorher an.

Gast

alter falter, alter gestalter

Gast

designer müssen nicht jeden tag die welt neu erfinden.

auch wenn man das ein oder andere gestaltungselement wiedererkennt -
ich würde mich freuen, mehr von ZEITUNGEN(!) in form von beispiel
1+2 zu sehen, die sich so von den gängigen, teiwleise sehr ähnlichen,
textlastigen und oft wenig überschaubaren tages-, wochenzeitungen
absetzen...

Gast

ich denke das problem ist, dass die ersten beiden einfach das thema verfehlt haben - es geht hier um eine zeitung und nicht um eine zeitschrift - eine analytische arbeit was eine zeitung ausmacht, wie z.b. die informationsdichte fehlt offensichtlich

auch mir gefällt die idee und die konzeption des falters, auch wenn typografisch nicht nach meinem geschmack

Gast

@ den vorigen Eintrag: wo siehst du in den Beispielen 1 + 2 den bitte viele Bilder?

Die erste Version hat im Durchschnitt weniger Bilder als zum Vergleich eine Frankfurter Rundschau oder der The Guardian: Selbst die Frankfurter Allgemeine hat mittlerweile farbige Bilder (auch wenn farbige Bilder kein Muss sind).

Darüber hinaus ist die Zeitung 2 überhaupt keine Zeitung: Sie ist ein Magazin und davon haben mittlerweile sowohl Sueddeutsche als auch Zeit, als auch Zeitung X und Y und Z eine Version.
Zu Zeitung 1 möchte ich noch sagen: Ich liebe die "Le Monde Diplomatique". Ihre Gestaltung, übrigens von damals noch SpiekermannParterns, heute EdenSpiekermann - ist sensationell. Aber wer bitte braucht eine Kopie davon? Und gerade darum sollte es bei guter Gestaltung doch gehen: Eigenständigkeit. Das niemand mehr die Welt neuerfindet, dass sollte jedem klar sein. Aber stumpfes Kopieren - und tut mir leid Zeitung 1 ist definitiv einfach eine spiegelverkehrte Kopie der "Le Monde Diplomatique" - hat damit nichts zu tun. Eigenständigkeit muss übrigens nicht absolut innovativ bis ins letzte Detail sein, sondern vor allem authentisch. Beide Arbeiten, 1 und 2, sind das nicht.
Arbeit 3 hingegen ist tatsächlich "innovativ". Egal ob da Elemente auftauchen, die man schon mal gesehen hat (schwarze Balken etwa mit invertierter Schrift). Alleine an dem Arrangement der wichtigsten Headlines durch das Faltprinzip sieht man, dass sich hier wirklich Gedanken um das Medium gemacht wurden. Wenn Innovation bedeuten würde, dass man immer alles revolutioniert, dann hätte die Helvetica vor gefühlt 4 Milliarden Jahren zuletzt verwendet werden dürfen.

ÜBRIGENS: Umfragen - beispielsweise des Institut für Demoskopie Allenbach (und ich könnte weitere nennen, plus renommierte Zeitungsgestalter) - haben ergeben, dass mehr Inhalte und nicht weniger das Produkt interessant machen: Je höher der Anteil an Inhalten in einer Zeitung, desto größer das Individualisierungspotenzial des einzelnen Lesers! Das müssen natürlich nicht längere Texte sein, sondern könnten vor allem auch aufwendige Infografiken darstellen.

Gast

Mit "@vorigen Eintrag" ist mittlerweile @vorvoriger Eintrag gemeint. Da hat doch tatsächlich jemand dazwischen gepostet ;)

Gast

Auf slanted fällt mir immer wieder auf wie herablassend und selbstgerecht manche Leute hier kritisieren, es scheint als wäre die komplette Elite aus Design und Typografie als Gast hier um ihren Senf abzugeben.

Gast

finde alle drei zeitungen interessant.
ansonsten stimme ich meinem vorredner zu.
hier reden manche selbsverherlichend, als
hätten die das grafik design persönlich erfunden.

Gast

Die beiden Vorredner haben total Recht! Bitte mehr Respekt!

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