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»10x Stadt«

Masterarbeit von Carolin Rauen

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»10x Stadt« heißt die Masterarbeit von Carolin Rauen. Sie beschäftigt sich mit den Fragen, ob Städte einen Charakter haben, ob sie jeder subjektiv wahrnimmt und diese Wahrnehmungen trotzdem Übereinstimmungen aufweisen. Die Arbeit entstand an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle im Rahmen des Masterstudiengangs »Editorial Design« unter der Betreuung von Prof. Anna Berkenbusch und Prof. Severin Wucher.

Carolin Rauen im Slanted Interview:

Slanted: Du befasst dich in deiner Arbeit mit drei verschiedenen Städten. Warum hast du dich für Nürnberg, Leipzig und Duisburg entschieden? Hast du einen speziellen Bezug zu den Städten?

Als ich begonnen habe, mich mit dem Thema »Identität von Städten« zu beschäftigen, wurde mir schnell klar, dass ich mehr als eine Stadt untersuchen muss, um eine Aussage zu erzielen. Erst der Vergleich zeigt die Aspekte, in denen sich Städte unterscheiden und die sie somit eigen machen, ab einer Anzahl von drei Objekten werden dabei langsam Nuancen deutlich. 

Bei der Auswahl der Beispielstädte war für mich wichtig, dass sie in ihrer Größe vergleichbar sind (alle etwa 500.000 Einwohner), denn eine Kreisstadt in Schleswig-Holstein hat natürlich andere Strukturen und Funktionen als eine Großstadt wie Berlin. Alle Städte befinden sich in Deutschland, allerdings in ganz unterschiedlichen Regionen: In Franken, in Sachsen und im Ruhrgebiet, somit waren regionale Unterschiede spürbar. Außerdem war mir ein unvoreingenommener Blick wichtig: Alle drei Städte kannte ich vorher kaum, sodass ich ohne Vorurteile recherchieren konnte. 

Slanted: Was sind die Unterschiede deiner Arbeit zu üblichen Reiseführern? 

Wenn ich mich vor Umzügen oder Urlauben mithilfe eines Reiseführers über einen Ort informiert habe, hat mich immer gestört, dass nur die Highlights der Stadt – meist historische Bauwerke – im strahlenden Sonnenschein gezeigt wurden. Dabei fehlte mir der Einblick in den aktuellen Alltag der Einwohner, das was das Leben in der Stadt ausmacht: Wann stehen sie auf, treffen sie sich zuhause oder im Café, wohnen sie lieber im Alt- oder im Plattenbau, treiben sie Sport, welche Gerichte werden in den Restaurants und Imbissen angeboten, blicken die Menschen optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft usw. 
Durch theoretische und praktische Recherche habe ich zehn Methoden festgelegt, die auf verschiedenste Arten den Alltag erfassen: Von statistischen Daten über Rekorde, die die Stadt hält, von Interviews mit Einwohnern und einem Stadtplaner bis zu Assoziationen von Außenstehenden und Bewohnern. Ich habe Institutionen, die es in jeder Stadt gibt, fotografiert, achtlos Weggeworfenes und zahlreiche Anekdoten gesammelt. Außerdem bin ich jeweils von der südlichen zur nördlichen Stadtgrenze gelaufen und habe in regelmäßigen Abständen Fotos gemacht. 

Diese Bilder bilden den Anfang und das Ende des Buches, der Betrachter wird also in die Stadt hinein- und wieder hinausbegleitet. Sie waren mir wichtig, da somit auch Unscheinbares oder Unschönes gezeigt wird. Dazwischen mischen sich auf zwei Ebenen die Methoden mit Motiven, die ich als typisch empfunden habe.

Ein weiterer Unterschied ist sicher, dass ich aus der Sicht einer Fremden agiert habe und mir aus dem, was ich gesehen und von den Einwohnern erfahren habe, ein Urteil gebildet habe. Damit stehe ich auf der gleichen Seite wie Touristen oder neue Einwohner. In den meisten Reiseführern nehmen diese Rolle Einheimische ein, in deren Perspektive neben den sicherlich intensiveren Ortskenntnissen wahrscheinlich immer auch ein Stück Stolz und Patriotismus mitschwingt. 

Slanted: Welche besonderen Schlüsse konntest du aus dem Städtevergleich ziehen? Was sind für dich persönlich verwandte und weniger verwandte Bezüge der drei Städte?

Auffällig waren zu Beginn natürlich Unterschiede in Architektur und Landschaft. Da die Bücher sehr bildlastig sind, wird das beim Blättern auch schnell deutlich: Während in Leipzig noch viel Altbausubstanz erhalten ist, wurden Duisburg und Nürnberg im Zweiten Weltkrieg so stark zerstört, dass Bauten aus den 1950er Jahren das Stadtbild beherrschen. Nürnberg ist zudem sehr eng bebaut und verfügt über wenige Parks und Grünflächen, dafür findet man riesige Waldgebiete um die Stadt herum. Leipzig dagegen ist lückenhafter, noch immer sind Leerstand und Abriss in einigen Vierteln ein Thema. In Duisburg merkt man an der teilweise geringen Höhe der Häuser die Nähe zu den Niederlanden.

Je länger ich mich in den Städten aufgehalten und mit den Menschen gesprochen habe, desto vertrauter sind mir aber auch die unterschiedlichen Mentalitäten geworden: In Duisburg isst man Pommes und Currywurst, trifft sich an der Trinkhalle und kennt die Nachbarn, alles recht bodenständig, aber mit viel Charme. Die Nürnberger dagegen erschienen mir unzufriedener, sie jammern gern, obwohl sie Veränderungen auch nicht gerade begrüßen. Leipzig ist im Umbruch, günstige Mieten, eine breite Kunst- und Kulturszene und ein intensives Bürgerengagement machen die Stadt für mich sehr lebendig.

Die Unterschiede der Städte spiegeln sich auch in der Gestaltung wider: Auszeichnungsfarbe und -schrift sowie die Art des Papiers variieren, um erlebbar zu machen, dass beispielsweise Leipzig rau und unfertig (ungestrichenes Papier), aber mit Sinn für Kultur (Schrift: Nobel Light, Farbe: Gold) daherkommt, während Duisburg sehr unscheinbar (Schrift: Arial) und Nürnberg undynamisch (Braun als Farbe) erscheinen.

Diese Eindrücke und Urteile sind natürlich subjektiv, aber durch Gespräche habe ich erfahren, dass ich mit dem Grundtenor nicht allein darstehe. Einige Bewohner fühlten sich zwar ein wenig angegriffen, vermutlich weil sie eigentlich gewohnt sind, nur Positives zu sehen. Doch gerade das bestärkt mich in meiner Herangehensweise, denn somit setzen sich die Betrachter mit dem Gesehenen auseinander und schärfen ihren Blick für den Alltag – und das war ja unter anderem mein Ziel.

Pressetext:

Haben Städte einen Charakter? Wie lässt er sich in Worten und Bildern festhalten und kommunizieren? Nimmt jeder Stadt anders wahr oder gibt es Schnittstellen der subjektiven Erfahrungen?

Diese Fragen stellte sich Carolin Rauen, Absolventin des Masterstudiengangs „Editorial Design“ an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle in ihrer Arbeit „10x Stadt“. Um die Antworten zu finden, ist sie nach Duisburg, Leipzig und Nürnberg gefahren und hat die Städte mit Hilfe von zehn Methoden aus verschiedensten Blickwinkeln erkundet. Das Resultat sind drei Bücher, die einen Städtevergleich ermöglichen und gleichzeitig die Eigenheiten der Stadt aus ihrer Sicht herausstellen. Auf diese Weise bietet sie nicht nur eine ehrlichere Alternative zum Stadtmarketing, sondern zeigt außerdem Möglichkeiten, wie man den Blick für die eigene Umgebung schärfen kann.