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Amman

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Wie Yanone (Jan Gerner) versprach, können wir nun endlich seine neue Schrift bestaunen: Amman. In Sans und Serif, von dünn bis fett, charakterisiert der Font das Lebensgefühl der Hauptstadt Jordaniens. Um diese typografische Herausforderung zu meistern, machte sich Jan Gerner auf den Weg in die weite Welt. Als Souvenir brachte er seine neue Schrift mit und hat dazu noch viel zu berichten. Denn wer auf Reisen geht, der hat was zu erzählen… Aber lest selbst:

Junger Bauhaus-Absolvent gestaltet Schriftfamilie für Jordaniens Hauptstadt Amman

Ende 2008 besucht der junge deutsche Schriftgestalter und Multimedia-Künstler YANONE Jordaniens Hauptstadt Amman, um eine zweisprachige lateinisch/arabische Schriftfamilie für die Stadt zu zeichnen. Die Zusammenarbeit mit dem dort ansässigen Gestaltungsbüros SYNTAX erfolgt anlässlich der Vorbereitungen zu den 100-Jahr-Feierlichkeiten zur Gründung der Metropole. Er schafft es, mehrere Innovationen in die Schriftfamilie zu integrieren, die es bisher in digitaler arabischer Schriftgestaltung so nicht gegeben hat.

Ahmad Humeid, Gründer und Geschäftsführer von Syntax, und Yanone trafen sich zum ersten Mal 2004 an der Bauhaus-Universität in Weimar. Dort hielt Humeid einen Vortrag und einen Workshop zu kulturübergreifender Gestaltung. Er lud Yanone kurz später als dritten von ca. zehn Studenten als Praktikant in sein Büro in Amman ein. Vier Jahre später, als sich Yanones Studium der Visuellen Kommunikation seinem Ende neigte, verabredeten sich die zwei, für Amman eine eigenständige Schriftfamilie zu kreieren. Syntax hatte kurz zuvor den Auftrag erhalten, das öffentliche Erscheinungsbild von Greater Amman Municipality, der Stadtgemeinde von Amman, zu überarbeiten. Der neugewählte Bürgermeister Ammans, Omar Ma’ani, wollte der Stadt anlässlich des bevorstehenden hundertjährigen Jubiläums einen neuen Anstrich verleihen.
Ahmad Humeid: “Soweit ich weiß, hat es keinen Versuch gegeben, eine Schriftfamilie für eine arabische Hauptstadt zu kreieren. Das Konzept des Stadt-Branding selbst ist recht neu in der Region. Nur eine Handvoll Projekte existieren; hauptsächlich in der Golf-Region. […] Eine Schriftfamilie für eine Hauptstadt wie Amman zu erschaffen, erschien uns als ferner Traum. Aber die Sterne standen gut für dieses Projekt. […] Wir kannten Yanone als talentierten und willigen Praktikanten, als Teil unseres Austauschprogramms mit deutschen Bauhaus-Studenten. […] Außerdem hatten wir Hussein Alazaat, Gestalter aus unserem Büro, mit einer Leidenschaft für traditionelle arabische Kalligrafie. Zu guter letzt, aber überaus wichtig, hatten wir ein vorwärts schauendes und aufgeschlossenen Kunden-Team bei der Greater Amman Municipality, angeführt von einem Bürgermeister, der Gestaltung und seinen strategischen Wert überaus schätzte.”
So wurde das Projekt auch zum perfekten Vorhaben für Yanones Diplom, in Weimar an der Bauhaus-Universität.

“Ich wollte einen großen Sprung in zeitgenössische arabischer Schriftgestaltung vollbringen”, sagt Yanone. Ihm fielen mehrere Aspekte eine großen Schriftfamilie auf, die zwar in der westlichen Welt Gang und Gäbe sind, im Arabischen aber bis dato nicht zu finden waren. Der augenfälligste ist die Eingliederung zweier Stile in die Familie: Eine humanistische Groteske mit gleichmäßiger Strichstärke und moderner Erscheinung, und eine Antiqua mit einer eher traditionelle Erscheinung.

Die wichtigste Innovation ist womöglich die Integration einer echten arabischen Kursiven. Kursive finden im westlichen Schriftsatz seit ihrer Einführung durch den Italiener Aldus Manutius 1501 Verwendung. Heute werden sie als dekorative Schrift benutzt, um Wörter zu betonen oder hervorzuheben, Titel oder fremdsprachige Wörter zu markieren. Die lateinische Kursive ist enger als die Aufrechte und nach rechts geneigt. Ihre Formen entstammen der Handschrift; einzelne Buchstaben werden ohne Absetzen der Feder geschrieben. Da heutzutage die Mehrzahl der Gestaltung im Nahen Osten zweisprachig – meist Englisch und Arabisch – erfolgt, benötigt das arabische Pendant eines englischen Textes ebenso diese Möglichkeit der Auszeichnung. Die Hersteller von digitalen arabischen Schriftfamilien antworten darauf mit lediglich schiefgestellten Varianten der Aufrechten. Ähnlich geschah es schon in der westlichen Welt in den 1980er Jahren, als die Hersteller, angetrieben vom Konkurrenzkampf, in Windeseile ihre Bleisatz- und Fotosatzbestände digitalisierten, und dabei die Kursive manchmal vergaßen. Stattdessen ließen sie den Computer die schiefgestellte Kursive aus der Aufrechten errechnen. Yanone übersetzte diese lange Tradition einer echten Kursiven Schrift ins Arabische. Er zeichnete eine digitale Variante des gebräuchlichen arabischen Handschriftstils Ruq’aa, der die aufrechte Druckschrift Naskh fortan begleiten sollte.

Die Gestaltung des gesamten Alphabets reflektiert das ‘kantige’ Lebensgefühl der lebhaften Hauptstadt. Einzelne Formen sind so eckig wie möglich, ohne die Lesbarkeit aufs Spiel zu setzen, und orientieren sich an der vorherrschenden Architektur der Stadt: Rechteckige Häuser auf den sieben Hügeln und seinen Tälern. Yanone wählte das einstöckige “a” und “g” für sein lateinisches Alphabet, das in Antiqua-Druckschiften sonst selten verwandt wird. Diese Formen sollen die Idee des architektonischen Gefühls unterstreichen. Hussein Alazaat, Kalligraf und Gestalter bei Syntax, fügt hinzu: “Wenn du in arabisch denkst, musst du von rechts nach links denken. Außerdem musst du die langen horizontalen Linien des Arabischen in Betracht ziehen. Das Lateinische hingegen hat eine wesentlich vertikaler angeordnete Erscheinung. Die Herausforderung besteht also darin, die beiden Schreibstile einander anzupassen, ohne die Tradition der einzelnen Alphabete zu negieren. […] Die Familie wurde für eine arabische Hauptstadt entworfen, und zwar zweisprachig von Anfang an. Das ist ein Novum. Außerdem möchte ich hinzufügen, dass es die umfangreichste arabisch/lateinische Schriftfamilie ist, die ich kenne.”

Ahmad Humeid: “Das Resultat ist vielseitig einsetzbar. Stadt-Kommunikation, vor allem für eine aufsteigende Stadt wir Amman, dessen Identität sich ständig wandelt, muss sich oft traditionell und normal anfühlen; trotzdem jung und dynamisch in anderen Fällen. Eine serifenbetonte und eine serifenlose Variante zu haben, ist extrem nützlich. […] Die ‘moderne’ Schriftfamilie ist eine Adaption mit gleichbleibender Strichstärke, die für arabische Augen sehr geometrisch und vielleicht etwas unverwandt aussieht. Die traditionelle Variante sieht entschieden kalligrafischer aus, mit höherem Strichkontrast und einer weicheren Erscheinung. Insgesamt unterscheidet sich die Amman-Familie genug vom Mainstream, um Stirnrunzeln und Bedenken hervorzurufen. Trotzdem liegt sie nah genug an der Tradition der arabischen Schrift, um von den Lesern akzeptiert zu werden.”

In der Zwischenzeit hat der in Berlin ansässige Schrifthersteller FontShop International angeboten, die Schrift in ihrer bekannten FontFont-Bibliothek zu veröffentlichen und somit einem größeren Publikum zugängig zu machen. Es wird die zweite arabische Schriftfamilie in der Bibliothek sein, nachdem 2009 schon die FF Seria Arabic des Libanesen Pascal Zoghbi veröffentlicht wurde. Seine Schriftfamilie entstand im Rahmen des Typographic Matchmaking-Projekts, dass von der Khatt-Stiftung für arabische Typografie durchgeführt wurde. Ziel war es, zehn arabische Pendants zu bekannten lateinischen Schriftfamilien zu entwerfen. Die FF Amman soll 2010 erscheinen.

Yanone’s Amman Projektseite:
http://www.yanone.de/typedesign/amman/

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Über Yanone:
Yanone wurde 1982 als Jan Gerner in Dresden geboren. Er ist ein junger Gebrauchsgrafiker und Schriftgestalter, Multi-Media-Künstler, DJ und Sound-System-Operator. Nachdem er neun Jahre seiner Kindheit und Jugend mit der Familie in Addis Abeba, Hauptstadt des ostafrikanischen Äthiopiens lebte, kehrte er 1997 ins wiedervereinigte Deutschland zurück und schloss seine Schulbildung am Gymnasium in Dresden ab. Sein Vater lehrte ihm mit 14 Jahren die Programmiersprache Pascal. Das zum Hobby gewordene Programmieren sollte fortan sein Berufswunsch sein. Frühe Erfahrungen im Web-Design und das Gestalten der Abi-Zeitung seines Jahrgangs verschoben den Fokus allerdings schnell auf die Gebrauchsgrafik, und die Schriftgestaltung im Speziellen.
2002 nahm er das Studium der Mediensysteme an der Bauhaus-Universität in Weimar auf, wo er 2004 ins Fach Visuelle Kommunikation wechselte. Ein Freund brachte ihm damals das Gefühl für das Gestalten einzelner Buchstaben und die benötigte Software bei, was sein Interesse in Schriftgestaltung erneuerte. Seine sieben Universitäts-Jahre brachten ihn u.a. auch zu einem Praktikum nach Amman, Jordanien, in das dort ansässige Gestaltungsbüro SYNTAX, und nach Berlin zum Schriftenhersteller FontShop International. Dort lernte er das Verständnis und den notwendigen Durchblick zum Herstellen professioneller Schriften.
Kontakt:
Jan Gerner
Altmobschatz 8, 01156 Dresden, Germany
http://www.yanone.de
[email protected]

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