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Eine Abrechnung mit dem Tod

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Die Diplomarbeit »Eine Abrechnung mit dem Tod« von Christina Taphorn, die im Fachbereich Design an der FH Münster entstanden ist, beinhaltet eine interessante Ansammlung von Zahlen und Fakten sowie Skurrilitäten und Informationen rund um den Tod, einem Thema mit dem sich jeder – früher oder später – einmal beschäftigt oder beschäftigen muss. Das zentrale Kapitel ist »Das Geschäft mit dem Tod«.

Eine Abrechnung mit dem Tod (Text von Hendrik Tieke)

Tief in uns liegt sie, diese Angst. Wenn wir die schwarz umrandeten Anzeigen in der Zeitung sehen, streift sie uns. Wenn wir die verwitterten Mauern eines Friedhofs passieren, spüren wir sie schon deutlicher, und wenn wir einmal unerklärliche Beschwerden haben, ergreift sie bisweilen sogar Besitz von uns. Aber uns ihr stellen? Das tun wir meistens nicht. Und so ist der Auslöser dieser Angst, der Tod, auch ein Thema, das in der Öffentlichkeit über oberflächliche Bestürzung hinaus nur wenig Aufmerksamkeit genießt. Christina Taphorns Buch „Eine Abrechnung mit dem Tod“ ist eine gestalterische Bestandsaufnahme davon, wie die Menschheit heutzutage mit dem Ende des Lebens umgeht. Es zeigt, wie auch hier Funktionalität und »Geiz-ist-geil«-Mentalität Einzug gehalten haben.

Der Tod von heute ist entweder plötzlich oder wird in die kalte Sterilität weiß gestrichener Krankenhäuser verbannt. Keine weihevollen Zeremonien mehr, die den Hinterbliebenen den Abschied von den Verstorbenen erleichtern. Stattdessen tritt die kühle Ökonomik in Erscheinung und Beerdigungen werden zunehmend durch Entsorgungslogik geprägt. »Bei uns trauern Sie nicht um ihr Geld!« werben Unternehmen auf Seiten wie www.sarg-discount.de. Kaffeefahrten nach Tschechien zum Billig-Krematorium sind mittlerweile gang und gäbe. Die morbide Schnäppchenjagd hat sogar so weite Kreise gezogen, dass Bestattungen mittlerweile bei Ebay zum Sofortkauf erstanden werden können.

Taphorn zeigt in ihrer Diplomarbeit, die am Fachbereich Design der Fachhochschule Münster entstanden ist, auch die vielen anderen Dimensionen des Themas. Angefangen beim Tod an sich, den sie auf eine subtile gestalterische Weise greifbar macht: »Ich habe Fotostrecken, die Szenen der Vergänglichkeit zeigen, auf extradünnes Papier drucken lassen«, erklärt die Diplomandin. »Wer sie sich anschaut, nimmt die Zerbrechlichkeit des Lebens beim Lesen nicht nur mit den Augen war.« Die Bilder zeigen zum Beispiel einen prallen Luftballon, der langsam erschlafft oder das Foto einer Frau, das nach und nach verblasst.

Taphorn wartet darüber hinaus mit einer Unzahl an Fakten und Skurrilitäten zum Tod auf. Sie erscheinen in einem unaufdringlichen Editorial Design, das trotz seiner objektivierenden Nüchternheit stets die Morbidität des Themas andeutet. So gibt es zum Beispiel eine Karte zu den weltweiten Todesfällen des Jahres 2008, bei der Schnipsel aus Todesanzeigen die fünf Kontinente bilden. Durchgestrichene Schwarzweiß-Fotos berühmter Persönlichkeiten, die in jenem Jahr verstorben sind, bebildern einen Kalender mit ihren Todesdaten. Und Illustrationen von explodierendem Feuerwerk mit Unterschriften wie »Onkel Günther« oder »Oma Erika« machen auf so manche absurde Bestattungsform aufmerksam.

Das Verglühen der Asche beim Feuerwerk ist dabei fast schon die langweilige Variante. Wer will, kann seine Asche auch im Amulett einschließen, zum Diamanten pressen oder mit einer Rakete in den Weltraum schießen lassen. Wem sein Körper dafür zu schade ist, dem bieten Firmen in den USA unbegrenzte Lagerung im Hightech-Gefrierfach. Nur für den Fall, das man diesen in Zukunft wieder beleben könnte. Es scheint keinen Bestattungswunsch zu geben, der nicht erfüllt werden könnte. Jedenfalls meistens: »Manchester United hat vor einiger Zeit das Verstreuen von menschlicher Asche auf seinem Rasen wieder rückgängig gemacht. Die Grasnarbe vertrug das nicht mehr,« sagt Taphorn.

Künstler wie Gunther von Hagens werden reich durch ihre Ausstellungen mit echten Toten. Stars wie Michael Jackson machen dank ihres Ablebens noch einmal richtig Umsatz. Und die Medien hätten ohne den Tod sowieso nur halb so viel zu berichten. Das Geschäft mit dem Tod bringt den Lebenden viel Geld ein. Wer weiß, vielleicht macht er ihnen damit ja ein kleines Zugeständnis dafür, dass sie ihm nicht entkommen können.

Auch Taphorn ist der Tod trotz monatelanger Recherche immer noch ein Mysterium. »Dass ich jetzt gar keine Angst mehr davor habe, kann ich nicht sagen,« so die Diplomandin. »Denn herauszufinden, was nach ihm kommt, dabei konnten mir die Arbeit an meinem Buch auch nicht helfen.« Weiß sie denn jetzt wenigstens, wie sie sich dereinst bestatten lassen will? »Bei all den Möglichkeiten, die ich in meinem Buch vorstelle, klingt jetzt vielleicht etwas seltsam. Aber ich glaube, ich würde mich für die klassische Erdbestattung entscheiden.«







Slanted-Interview:

Gib uns bitte ein paar Informationen über Dich und/oder die Firma, für die Du arbeitest.
Ich heiße Christina Taphorn, bin 28 Jahre alt und habe nach einer Ausbildung zur Gestaltungstechnischen Assistentin an der Fachhochschule Münster Grafikdesign studiert. 2008 war ich für ein Semester in Genf an der Haute école d’art et de design. Danach hat es mich nach Berlin verschlagen wo ich ein halbes Jahr für die LeadAcademy gearbeitet habe. Im Anschluss daran habe ich im Juli 2009 mein Diplom gemacht.

Was ist Deine Grafikdesign Richtung? Wie würdest Du Deinen Stil bezeichnen? Wo liegen Deine Stärken?
Meine Stärken liegen im Bereich Editorial Design, Buchgestaltung und Typografie. Einen Stil zu beschreiben fällt mir schwer. Grundsätzlich bevorzuge ich eine klare, reduzierte Gestaltung, die allerdings hier und da auch mal ausbrechen darf. Da meine zeichnerischen Fähigkeiten leider recht eingeschränkt sind versuche ich oft andere illustrative Wege zu gehen und schneide, nähe, klebe oder scanne.

Wo arbeitest Du am liebsten?
In meinem sonnigen Neuköllner Arbeitszimmer, mit offener Balkontür und gelegentlich von der Arbeit abhaltenden aber inspirierenden Besuch. Ansonsten auch überall wo ich Strom, Zigaretten, Kaffee und Schokolade bekomme.

Was inspiriert Dich?
Das kann alles Mögliche sein. Kunst, Musik, Bücher, Filme, fremde Städte, Menschen aber auch banale Alltagsgegenstände oder Erlebnisse.

Welche Bedeutung hat für Dich Design?
Es macht die Welt nicht nur schöner, sondern auch verständlicher.

Kannst Du uns eine kleine Beschreibung Deiner Arbeit geben?
Meine Diplomarbeit ist ein Buch, das eine Ansammlung von Zahlen und Fakten sowie Skurrilitäten und Informationen rund um den Tod beinhaltet. Das zentrale Kapitel ist »Das Geschäft mit dem Tod«. Neben Grundinformationen und Prognosen des Bestattergewerbes gibt es einen Überblick über die Entwicklungen in der Bestattungskultur. Es werden von der günstigsten bis zur teuersten Methode unterschiedlichste Varianten aufgeführt, die menschlichen Überreste »beizusetzen«. Die Bandbreite reicht vom Komplettangebot des Berliner Billigbestatters »Sargdiscount«, welcher für 888 Euro zusätzlich »höchste Qualität und Topservice« garantiert, über das Pressen von Diamanten aus der eigenen Asche, bis zu Hunderttausenden von Euro für die eisige Ewigkeit der Kryonik. »Ausführlich beraten« wird man bei der Kaffeefahrt ins Krematorium und besonders Eilige erstehen die Bestattung bei Ebay über die Sofort-Kaufen-Funktion. Mein Buch »Eine Abrechnung mit dem Tod« zeigt, dass auf den Friedhöfen Deutschlands Geiz immer geiler und die leblose Kundschaft härter umkämpft wird als je zuvor. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Arbeit sind die Memento Mori-Bildstrecken die im Anschluss jedes Kapitels einen, sich über mehrere Seiten ziehenden, vergänglichen Prozess zeigen. Um die Thematik haptisch zu unterstützen sind diese Bildstrecken auf Dünndruckpapier gedruckt.

Warum hast Du diese Arbeit gemacht? Wie bist Du auf die Idee gekommen? Was steckt dahinter?
Eigentlich wollte ich einen Geschäftsberichtsbericht in einer freieren Form entwickeln. Hierfür habe ich nach einem fiktiven Unternehmen gesucht. Eine Reportage über die »Kaffeefahrt ins Krematorium« hat mich schließlich auf die Idee gebracht. Als Monopolist einer krisensicheren Branche, sollte der Tod über sein Unternehmen berichten. Aus diesem ersten Ansatz entwickelte sich ein Buch rund um das Geschäft mit dem Tod.

Was möchtest Du mit Deiner Arbeit erreichen/aussagen?
Ich wollte zeigen dass es möglich ist, ein so schweres Thema wie den Tod auf eine andere Art und Weise darzustellen. Der Tod wird dem Leser sehr sachte und subtil ins Bewusstsein gerufen und bei manchen Seiten stellt sich die Frage ob er lachen oder weinen soll.

Arbeitest Du eher darauf los oder gibt es lange Konzeptionsphasen?
Es gibt lange Konzeptionsphasen, aber wenn ich mit dem Konzept nicht weiter komme fange ich an zu gestalten und wenn ich mit der Gestaltung nicht weiter komme feile ich wieder am Konzept und so geht es immer weiter, bis am Ende ein schlüssiges Gesamtergebnis dabei herauskommt.

Wie lange hast Du an Deinem Werk gearbeitet?
Gefühlt sechs, aber es waren nur dreieinhalb Monate.

Wer hat Dich betreut und wie hast Du davon profitiert?
Betreut hat mich Prof. Gisela Grosse, sie hat mir vor allem geholfen mich zugunsten einer gestalterischen Konsequenz von lieb gewonnenen Illustrationen zu trennen. Es tat zwar weh die Arbeit einer Woche in einer Minute zu löschen, aber im Rückblick bin ich ihr dankbar.

Hast Du Deine Arbeit hand gemacht (gedruckt, veredelt etc.)?
Es gibt einige Seiten bei denen ich per Hand Details ausgeschnitten habe.

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?
Für die nahe Zukunft, in kürzester Zeit das aktuelle Projekt gut abzuschließen. Für danach wünsche ich mir spannende Jobs und vielleicht irgendwann ein eigenes kleines Design Büro.

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