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Visuelle Instrumente zur Analyse literarischer Werke

Diplomarbeit von Sandra Teschow und Sophie Ketterer

Autor:

Jeder von uns musste sich während der Schulzeit durch so manches große Werk der Literatur kämpfen. Verstanden hat man auf Anhieb oft kaum was. Komplexe Handlungsstrukturen und undurchschaubare Personenkonstellationen haben es fast unmöglich gemacht, einen Einstieg in das Buch zu finden. Der Griff zur Sekundärliteratur war (und ist auch heute noch) die letzte Hoffnung.

Sandra Teschow und Sophie Ketterer von der Fachhochschule Schwäbisch Gmünd, haben in ihrer Bachelorthesis zwei Meisterwerke der Literatur analysiert und grafisch aufbereitet. Entstanden ist eine großartige und ganz neue Form der Sekundärliteratur mit dem Titel »Visuelle Instrumente zur Analyse der Werke „Odyssee“ und „Ulysses“«.
Erst kürzlich vom ADC in der Kategorie »Beste Abschlussarbeit« ausgezeichnet, freuen wir uns darauf, die Arbeit hier auf slanted zu präsentieren.

Projektbeschreibung

Visuelle Instrumente zur Analyse der Werke „Odyssee“ und „Ulysses“

Ein Werk, das zur Weltliteratur gezählt wird, ist kein null - acht - fünfzehn Text, sondern ein komplexes, technisches Meisterwerk. Manchmal gleicht es einer Geheimschrift die nur Eingeweihte entziffern können. Könnte eine visuelle Aufbereitung solcher Werke nicht für ein besseres Verständnis hilfreich sein? Aus dieser Intention heraus entstand unsere Bachelor Thesis. Exemplarisch haben wir uns mit der » Odyssee « von Homer und der » Ulysses « von James Joyce beschäftigt.

Die Odyssee ist nicht nur eines der ältesten, sondern auch eines der meist bearbeiteten Werke der abendländischen Literatur- und Kulturgeschichte. Sowohl der Stoff  –  phantastische Irrfahrten und Abenteuer  –  als auch der Held  –  der listenreiche aber einsame Dulder, der nach langen Jahren heimkehrt und seine vertraute Welt nicht wiederfindet  –  sind in literarischen, dramatischen oder musikalischen Werken, bis hin zum modernen Film, immer wieder aufgegriffen worden.

Die Reihe der Werke, die sich von der Odyssee inspirieren ließen, beginnt schon in der Antike. Der römische Dichter Vergil  –  zuweilen als » zweiter Homer « bezeichnet  –  nahm sie sich zum Vorbild, als er das römische Nationalepos, die Aeneis, schuf.

Die Gestalt des Odysseus wurde von vielen Dichtern als Urbild des Menschen an sich verstanden: Neugierig, listig und stets auf der Suche nach Wissen und Erfahrung, gelingt es ihm immer wieder, Gefahren zu meistern. Andererseits muss er, der Willkür der Naturgefahren und der Götter ausgeliefert, » unnennbare Leiden erdulden «. Odysseus gilt daher als literarisches Vorbild für so unterschiedliche Figuren wie Goethes » Faust « oder Jules Vernes » Kapitän Nemo «, dessen lateinischer Name (deutsch: » Niemand «) der Kyklopen - Episode entnommen ist.

Als literarisch anspruchsvollste, moderne Bearbeitung des Stoffs gilt der Roman » Ulysses « (engl. für » Odysseus «) von James Joyce. Das 1922 erschienene, stilistisch bahnbrechende Werk gilt als einer der wichtigsten Romane des 20. Jahrhunderts. Es schildert einen Tag, den 16. Juni 1904, im Leben des Anzeigenverkäufers Leopold Bloom, der durch Dublin streift, dabei alltägliche Dinge erlebt  –  die aber exakt mit Odysseus‘ Abenteuern korrespondieren  –  und der spät nachts zu seiner Frau Molly heimkehrt.

Unsere Idee war es, für diese beiden Meisterwerke eine visuelle Sekundärliteratur zu schaffen. Beide Werke sind komplex geschrieben und ohne, dem von den Autoren vorausgesetzten Hintergrundwissen, nur schwer verständlich. Homer nutzt die griechische Mythologie als Grundlage, Joyce verwendete die Odyssee als Basis, was zu vielen Parallelen und Zusammenhängen führt.

Unsere Sekundärliteratur gibt diese erforderlichen Informationen mit verschiedenen visuellen Mitteln wieder, um ein besseres verstehen der beiden Werke zu ermöglichen. Wir haben die abstrakten Strukturen und Verbindungen analysiert und viele Beziehungen und Vergleiche definiert.

Um einen klaren Durchblick zu schaffen haben wir dieses » Verbindungschaos « in drei Ebenen unterteilt: den Handlungsstrang, die Ebene der Personen und die der Orte. Jedes der folgenden Bücher behandelt eines dieser Themen. Wir haben diesen vier Büchern die Namen: „alpha“ „beta“ „gamma“ und „delta“ gegeben.

Alpha beschäftigt sich mit der Einführung in das Thema, den Autoren und nützliches Wissen für ein besseres Verständnis der weiteren Bücher.
In dem Beta Buch liest man im parallelen Ablauf den Inhalt der Bücher nach. Unterteilt in Kapitel und Gesänge. Hier haben wir verschiedene Formate gewählt, um eine Schnellnavigation zu ermöglichen.
Gamma zeigt die 30 wichtigsten Personen der beiden Bücher auf. Wer ist mit wem gleichgestellt, welche Priorität haben die Personen. Wir haben uns für Löcher entschieden um auch hier dem Leser eine Schnellnavigationen zu ermöglichen und auf eine spielerische Art und Weise das Wissen zu erleben.
Delta zeigt welche Wege die Protagonisten Odysseus und Leopold Bloom auf ihren Irrwegen gehen. Wo treffen sie wen? Welche Abenteuer müssen Sie meistern? In Form einer richtigen Karte wird hier mit Hilfe eines Koordinatensystems gearbeitet. Der Leser hat durch die Grafik der Land- und Stadtkarte sofort ein bessere Orientierung.

Komplexe Werke der Weltliteratur für jederman  –  auf eine ungewöhnliche Art und Weise.

Heft »Alpha«

Heft »Beta«

Heft »Gamma«

Heft »Delta«

Slanted im Interview mit Sandra Teschow und Sophie Ketterer

– Wer seid ihr, wo habt du studiert?
Wir sind Sandra und Sophie und haben an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd Kommunikationsgestaltung studiert. Seit diesem Sommer sind wir Bachelor of Arts.

– Was hat euch auf die Thematik gebracht?
Am Anfang hatten wir eigentlich ein ganz anderes Abschlussthema. Wir wollten uns nämlich mit der deutschen Sprache beschäftigen, genauer mit den Neologismen, also Wortneuschöpfungen. Aber bei der Recherche dazu sind wir irgendwie, und unter Bier-Wein-Einfluß auf die Odyssee und die Ulysses gestoßen und haben entdeckt dass diese beiden Werke irgendetwas miteinander zu tun haben. Und das fanden wir so spannend, dass wir kurzerhand unser altes Thema über den Haufen warfen und unsere Profs davon überzeugten, das Thema zu wechseln.

– Ist Informationsdesign ein Schwerpunkt eures Studiums?
Ja, schon. Einer der Schwerpunkte in Gmünd ist es, zu Informieren bzw. Wissen zu vermitteln. In diesem Studienschwerpunkt entwirft man komplexe Kommunikationsprodukte. Man integriert und koordiniert dabei grafische, typografische, fotografische, filmische, auditive und digitale Gestaltungsmittel.

– Wie lange hat die konzeptionelle Phase gedauert? Wie lief diese ab?
Die hat eigentlich bis zum Ende nicht aufgehört. Klar, in den letzten Wochen ging es dann hauptsächlich nur noch um die Umsetzung, aber auch da haben wir immer noch die Hörspiele der beiden Bücher gehört oder irgendwelche Informationen organisiert und gesammelt. Wir haben die ganze Zeit über wahnsinnig viel gelesen, gehört und geredet. Die Verbindungen, die zwischen den beiden Werken vorhanden sind sind so komplex, das zu ordnen und zu strukturieren, rauszufinden was wichtig und unwichtig ist, das haben wir tatsächlich bis kurz vor Ende gemacht.

– Ihr anaysiert und verarbeitet in euer Arbeit unzählige komplexe Strukturen und Verbindungen – wie behält man da den Überblick?
Unser wichtigstes Hilfmittel war eine riesengroße Pinnwand die bei uns im Büro hing. Auf der haben wir alle Informationen in Form von einzelnen Wörtern gesammelt. Und die Wörter die miteinander zu tun hatten, die haben wir mit unterschiedlich farbigen Bindfäden verbunden. So hatten wir die tatsächlichen Zusammenhänge auch immer vor Augen.

– Könnt Ihr uns noch etwas über die Umsetzung erzählen? (Druck, Bindung etc.)
Gedruckt haben wir alles selbst, in der Plottwerkstatt unserer Hochschule mit der großartigen Unterstützung des Plotter-Franks. Das hieß für uns, eine Woche lang, Tag und Nacht plotten. Alle 7 Minuten den Druckbogen wechseln oder einen neuen einlegen. Wir haben alle Seiten selbst beschnitten, selbst gefalzt usw. Und mit diesem Rohstoff-Paket sind wir dann zum Buchbinder. Der hat uns gesehen und wollte uns sofort wieder nach Hause schicken aber wir konnten ihn dann glücklicherweise doch noch überzeugen. Aber seinen Namen dürfen wir nicht verraten, er hat Angst dass ihm sowas nochmal ins Haus kommt.

– Wie lange habt ihr für eure Arbeit gebraucht? Wer hat euch dabei betreut?
Das Semester fing Mitte März an und ging bis Ende Juni. Davon müssen wir aber die ersten 4 Wochen noch abziehen, da wir am Anfang ja noch das „alte“ Thema hatten. Leider viel zu kurz, es hat so viel Spaß gemacht… Betreut haben uns Prof. Michael Götte und Prof. Ulrich Schendzielorz.

– Was macht ihr gerade? Wo möchtet ihr gerne hin, beruflich, mit
euer gestalterischen Arbeit?
Berühmt werden in Panama.

-Wird es eine Veröffentlichung geben?
Wär schön.

Vielen Dank für das Interview.
Wir haben zu danken!

Wer Kontakt zu den beiden aufnehmen möchte:
sandra.teschow[at]googlemail.com
sophie.kettere[at]googlemail.com