die DIN spricht arabisch / Parachute erweitert die DIN um ein neues Schriftsystem

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Die Typefoundry Parachute veröffentlicht den Klassiker DIN nun auch in Arabisch. In Zusammenarbeit mit dem Schrfitgestalter Hasan Abu Afash entstand die neue Version PF DIN Text Arabic, die einzeln erhältlich ist, sowie das Paket der PF DIN TEXT Universal erweitert.

In 8 Schnitten, von Hairline bis zu Extra Black steht die DIN Text Arabic zur Verfügung und unterstützt alle Versionen arabischer Schriften, u.a. Persisch, Urdu und Paschtunisch. Damit steht die Schriftfamilie DIN nun in vier großen Schriftsystemen zur Verfügung – Lateinisch, Kyrillisch, Griechisch und Arabisch.

Ein ausführliches Interview mit dem Designer und Einblicke in die Entstehung der DIN Text Arabic kann man auf dem Blog upscale typography nachlesen. Klick zum Interview

Shimun

Sorry...Aber was soll es für einen Sinn machen die schönen geschwungenen Formen und Elemente arabischer Kaligrafie in die leblosen und steifen Formen der DIN zu quetschen?
Absolut nicht mein Fall.

Marcel

Sorry Shimun, aber ich kann deinen Kommentar in keiner Weise nachvollziehen. Natürlich haben die arabischen Schriftzeichen sehr schöne geschwungene Formen, die Kalligrafen besonders schön umsetzen können. Aber warum sollten arabische Schriftzeichen kein Recht auf eine gute Groteskschrift haben?

Genauso wie chinesische Schriftzeichen berühmt sind für ihre kunstvolle kalligrafische Pinselmalerei, gibt es dennoch im Print jede Menge unterschiedliche Schriften die nichts mit Kalligrafie zu tun haben.

Ich finde jedes Schriftsystem hat ein Anrecht auf die Vielfalt unterschiedlicher Schriften und daher ist es großartig, dass Parachute mit der DIN eine einheitliche Schrift veröffentlicht, die arabischen Designern ein modernes Gestaltungsmittel an die Hand legt.

Auch auf der TYPO dieses Jahr war gerade die Herausforderung für nicht lateinische Schriftsysteme gute Schriften zu gestalten ein großes Thema. Rob Keller hielt zum Beispiel einen Vortrag über indische Schriftzeichen und hob hervor, wie dringend der Bedarf an guten Print und Web Schriften dort ist. Sollten die Inder deiner Meinung nach jetzt auch auf Groteskschriften verzichten müssen, nur weil sich ihre Schriftzeichen aufgrund geschwungenen Buchstabenformen toll für Kalligrafie eignen?

flo

warum sollte eine formalästhetische ausdifferenzierung von schriftzeichen historisch auf das lateinische alphabet beschränkt bleiben, shimun?

Gast

weil der Ursprung ein anderer ist. Arabisches Schriftdesign ist viel stärker mit kalligrafie verbunden als das lateinische Alfabet. Es macht wenig sinn eine arabische schrift zu entwickeln, die in seiner anmutung einer lateinischen schrift entspricht. Wenn man sich die Versuche von lateinischen Schriften ansieht, die arabische Schrift imitiert, kann man erahnen wie diese Schrift auf den arabisch lesenden wirkt...

Gast

Eine Frage an alle Verfechter der Authentizität: Lesen Sie arabisch?

Shimun

Mit Authentizität hat mein persönliches Empfinden nichts zu tun. Mir geht es in erster Linie um den Schwung, den Flow und die Proportionen der Buchstaben und darum mit einer tausend Jahre alten Tradition nicht zu brechen. Kein Mensch würde auf die Idee kommen die Mona Lisa zu vektorisieren, nur weil das ein "modernes" Gestaltungsmittel ist.

Selbstverständlich muss jede Gesellschaft bestimmte gestalterische Mittel haben, um auf die Anforderungen des Alltags zu reagieren, nur in diesem Fall macht eine Vereinheitlichung für mich keinen Sinn, da diese Schrift zu weit von den erlernten Schriften entfernt ist.

Ich möchte weder den Ansatz noch die Arbeit, die zweifelsohne in dieser Schrift stecken, schlecht reden, aber an dieser Stelle macht diese Vereinheitlichung für mein subjektives Empfinden nicht wirklich Sinn.

Ich lese weder arabisch, noch japanisch o.ä., trotzdem spreche ich mir ein gewisses ästhetisches Empfinden gegenüber den Kalligrafien dieser Kulturen zu und eben dieses Empfinden sagt mir, dass ich diese Schrift im Kontext nicht ansprechend finde.

Florian Pfeffer

für jeden gestalter, der mit auftraggebern aus dem mittleren osten arbeitet (so wie wir bei one/one), gibt es einen sehr grossen bedarf an arabischen schriften, die ästhetische merkmale mit lateinischen schriften teilen. der grund dafür ist ein ganz einfacher: unternehmen im mittleren osten sind gleichzeitig auf einem globalen und einem regionalen markt tätig. das bedeutet, dass texte häufig in beiden schriften nebeneinander gezeigt werden. alle in diesem forum sind sich mit sicherheit einig, dass typografie einen grossen einfluss auf die visuelle identität eines unternehmens hat. will man - in einem erscheinungsbild beispielsweise - eine starke formensprache aufbauen, bei der typografie eine zentrale rolle spielt, kommt man um diese frage nicht herum.

die arabische DIN von Parachute ist da ein zeimlich interessanter beitrag und ich kann mir sehr gut vorstellen, diese schrift in einem arabisch/internationalen projekt einzusetzen.

bei manchen kommentaren hier merkt man aber auch, dass es nicht genug kenntnis über arabische schriften gibt. so gibt es im arabischen verschiedene schriftsysteme bzw. ästhetiken: die kalligrafische variante und eine sehr geomtrische schreibweise (sogenannte "kufi" oder "kufische schrift"). es ist also überhaupt kein widerspruch, dass arabische schrift eine geometrische/groteske formensprache hat. das einzige, was man dabei wissen muss, ist, dass die lesbarkeit der kufischen schreibweise bei längeren texten abnimmt (ähnlich dem versaliensatz bei lateinischen schriften). bei logos oder headlines ist das aber überhaupt kein problem.

ein viel grösseres problem ist die frage nach dem kulturellen verhältnis von arabischer und westlicher welt. die meisten lateinisch/arabischen schriften nehmen die lateinische schrift zum ausgangspunkt für eine anpassung der arabischen schrift. ich würde mich freuen, wenn es auch schriftgestalter gäbe, die den umgekehrten weg beschreiben - also eine lateinische schrift, die aus einem arabischen schriftbild abgeleitet ist. da es aber bei weitem keine so ausgeprägte anzahl von schriftarten im arabischen raum gibt, wie in der latischen schriftwelt, muss man darauf wahrscheinlich noch ein bisschen warten ...

hans schumacher

> ein viel grösseres problem ist die frage nach dem kulturellen verhältnis von arabischer und westlicher welt. die meisten lateinisch/arabischen schriften nehmen die lateinische schrift zum ausgangspunkt für eine anpassung der arabischen schrift. usw.

Ein interessanter Aspekt, der mal die Möglichkeit zu einer Buchempfehlung für den Baggersee gibt: »Arm und Reich« von Jared Diamond, der unter anderem der Fragestellung nachgeht »Warum der Inka-Herrscher Atahualpa nicht auszog und König Karl I. von Spanien gefangennahm« – ein Kapitel ist der Evolution der Schrift und der Rolle von Schriftsystemen in der Ausbreitung von Zivilisationen gewidmet und die Frage von oben wird – zumindest indirekt – beantwortet. Lateinisch, Kyrillisch, Griechisch und Arabisch – DIN flavoured. Wow.

flo

auf die gefahr hin, hier als formalist dazustehen – der postkoloniale aspekt ist sehr wichtig, aber die DIN ist einfach eine Grotesk in Richtung Monoline. Also formal aufs Basale reduziert, wenn auch nicht auf Basisgeometrie aufgebaut. Warum soll das nicht bei anderen Zeichensystemen möglich sein? Das sind ästhetische Fragen, bei denen der westlich-hegemoniale Aspekt vielleicht erstmal nachrangig bleiben kann.

Ich bezweifle, dass es DIE arabische Schrift gibt, von der aus solche formalen Neuerungen ausgehen können – wenn man formal reduziert landet man irgendwann bei der DIN, auch vom arabischen her. Sonst (aber das ist keine ästhetische Neuerung) hier:
http://www.gestalten.com/fonts/detail/?id=d7f6f0d817779bea011778cdc1090005

Mittelalterliche Mönche fänden die DIN allerdings auch furchtbar.
Danke für den Buchtip, Hans!

Julia

Simon Otten (http://shimun.de/) hat uns passend zur Diskussion hier eine elektronische Postkarte aus Tunesien geschickt. Danke!

hans schumacher

Hier ist noch was von der Tourismusiniative Abu Dhabi, die uns auch ein lateinisches Alphabet mit arabischem Flair ins Haus schickt (… ich glaub aber, es ist nicht die Talib) …
http://www.visitabudhabi.ae/de/default.aspx
Die westliche Seite wird sich wohl – statt im Tourismusgeschäft – zB bei den Bodenschätzen und Bodenschätzen verarbeitenden Betrieben verwirklichen ;-)

Flo, ich glaube allerdings nicht dass, wenn man formal reduziert, automatisch bei der DIN landet, da bin ich sehr zuversichtlich was die formal eigentlich extrem reduzierten Ausdrucksmittel einer Schrift betrifft, und den Reichtum an individuellen Ausformungen, den man damit erreichen kann. Es könnte auch die Copy sein, wär mir lieber – (zu geometrischem und Basis-geometrischem könnte Thomas Mettendorf sich da glaube ich wesentlich besser äußern … ist sein ureigenes Terrain, fulminante Schrift, find ich … cheers)

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