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Typografie kennt Regeln, kennt ihr sie auch? / Gastbeitrag von Janina Lingenberg / viaprinto

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»Der massenhaft grafische Schund kommt einer kulturellen Belästigung gleich.« Rudolf Paulus Gorbach ist Meister seines Faches: der Typografie. Der Autor, Seminargeber und ehemalige Vorsitzende der tgm, Typographische Gesellschaft München, gibt einen Überblick über die aktuelle Lage und die typografischen Trends. Zudem erklärt der Fachmann, was es an Grundregeln zu beachten gibt.

Typografie ist ein Handwerk. Ob jemand sein Handwerk versteht, lässt sich leicht herausfinden. Gerade bei der Typografie. Das Problem nur: Vielen Anwendern und sogar manchen Grafikern fehlt das Wissen – und sie tun es trotzdem. Für Rudolf Paulus Gorbach ein Thema, das sich zum Schlechten gewendet hat: »Da jeder heute Typografie irgendwie macht, es aber nicht gelernt hat oder sogar ignoriert, kommt massenhaft grafischer Schund heraus, was einer kulturellen Belästigung gleichkommt.« Aber es gibt auch Gutes: »Bei einer richtigen Benutzung moderner Programme und dem Wissen und Können in der Gestaltung kommt heraus, dass wir nie zuvor so gute Typografie wie heute machen konnten.«

Rudolf Paulus Gorbach ist gelernter Buchdruckmeister, Hersteller, Gestalter, Lehrkörper, Autor und vieles mehr. Über zehn Jahre war er der erste Vorsitzende der Typographischen Gesellschaft München und gibt heute weiterhin Seminare. Oberstes Prinzip: Qualität – klare Gestaltung und saubere Typografie. Deswegen ist Typografie intensiv nicht nur ein Seminar- oder Buchtitel, sondern auch Passion des 75-Jährigen. Viel hat sich geändert im Laufe der Zeit, vor allem in den vergangenen Jahren, in denen Typografie digital wurde. Sagen sie, Herr Gorbach, was sind die aktuellen Trends? »Da muss man zwischen echtem Trend und den Moden unterscheiden. Schriften erscheinen viel zu viele und wir brauchen so viele eigentlich nicht. Trotzdem ist es reizvoll immer wieder andere und auch neue Schriften zu verwenden, vorausgesetzt sie sind in jeder Hinsicht gut gestaltet, wozu ziemliche Erfahrung beim Schriftentwurf gehört. Als typografischen Trend sehe ich seit Jahren ein Besinnen auf Klarheit und gute Lesbarkeit, weg vom postmodernen Flimmern«, sagt der Typograf.

Und was kann eine Druckerei wie viaprinto in Zukunft für die perfekte Typografie leisten: »Materialvielfalt im Papier, nicht zu viel Veredelungswahn, bei dem dann meistens die eigentliche gestalterische Basis vergessen oder übertont wird. Mit dem erreichten Standard des Druckens bin ich heute sehr zufrieden. Die Typografie selbst entsteht vor dem Druck, also sollte die Wiedergabe auch im Textbuch beispielsweise dem traditionellen Standard des Grauwertes entsprechen«, sagt Gorbach und ergänzt: »Eine absolut präzise Wiedergabe der Gestaltung von Text und Bild ist heute möglich, sollte daher selbstverständlich sein. Natürlich müssen die Druckdaten ›sauber‹ angelegt sein. Aber die Gestaltung wirkt natürlich mit. Wirre Gestaltung kann noch so gut gedruckt sein, der Eindruck des Betrachters bleibt dann eher mäßig.«

»Wirre Gestaltung«, ein Grundthema der Typografie, die eigentlich der obersten Regel folgen sollte: der Lesbarkeit. Wer als Gestalter mit Verlagen oder Marketingabteilungen zusammenarbeitet, weiß, dass durch ein Zuviel und Zudicht alle Gestaltungsideen vernichten werden können. Nur führt tatsächlich an der Lesbarkeit kein Weg vorbei: »Die ›richtige‹ Schriftwahl, nämlich eine gut lesbare Textschrift, die nicht zu individuell oder modisch ist. Die Bedürfnisse der Mikrotypografie müssen vom Gestalter beherrscht werden«, sagt Rudolf Paulus Gorbach. 

Beherrschen Sie sie? Kennen Sie die Gestaltungsregeln? Rudolf Paulus Gorbach definiert die Top fünf der Fehler, die bei Drucksachen gemacht werden:

1. Mangelnde Mikrotypografie
2. Unklare Aufteilung
3. Zu viel gewollt, was man aber selbst nicht beherrscht
4. Falsche Schriftwahl
5. Zu viele Inhaltselemente unterbringen wollen

Detaillierte Beispiele und auch Tipps gibt Gorbach in seinem Werk Typografie intensiv. Ein paar kleine Grundregeln liefern wir noch mit:

– Achte immer auf die Basis-Schriftgröße: Sie sollte zwischen 9 bis 12 Punkt liegen.
– Zeilen nicht zu lang werden lassen: Online darf sie gerne auch etwas kürzer daherkommen als im Print.
– Zeilenabstand: Längere Zeilen brauchen größeren Abstand. Keine zu großen Abstände wählen, sonst verliert der Leser den Faden.
– Obacht bei Wort-Trennungen: Wörtern den Sinn durch eine Trennung nicht nehmen. Und: Nicht mehr als drei Trennungen in der Abfolge.  
– Verwenden von Schriftzeichen wie Anführungsstriche: Deutsche Gänsefüßchen sind keine Doppelstriche. Zahlen: Für Telefonnummern beispielsweise gibt es festgelegte Abstände durch Achtelgeviert, die Zweiergruppen bilden. Trennungsstriche oder Gedankenstriche? Da existiert ein Unterschied, denn Gedankenstriche sind länger.
– Schriftmischung: Nicht zu viele Schriftarten mischen (höchstens zwei). Auszeichnungen sollten sich aus der Grundschrift und ihren Schnitten bedienen. 
– Gestaltung: Bilder und Text als anregende und logische Seitenaufteilung anlegen. Dynamik, Schwerkraft und Gleichgewicht sind zu beachten. 
– Negativtext ist für den Leser immer eine Herausforderung.

Lese- und Fortbildungstipp:
Als Buch: Rudolf Paulus Gorbach: Typografie intensiv, August Dreesbach Verlag 2013, 48,- Euro oder als Seminar. Eine berufsbegleitende Aus- und Fortbildung in Typografie und Gestaltung.

Portraitfoto: Dominik Parzinger

Gast

sehr schön, das wird mein Fachbuch unterm Weihnachtsbaum!

Gast

Fauler Flattersatz, öde zum Bund ausgerichtete Marginalien und ein Layout, das an Cornelsenlehrbücher von 1995 erinnert. Ich verneige mich vor diesem Großmeister der Typografie und slante mir mal eben eine faux italic.

Das Buch mag gestalterisch ein wenig altmodisch daherkommen, aber es ist ein super Grundlagenwerk – man findet alles schnell und es ist nicht zu ausführlich; außerdem können damit auch Menschen etwas anfangen, die nicht vom Fach sind. Ganz sicher: für alle, die auch nur eine Visitenkarte selbst gestalten wollen: bitte unter den Weihnachtsbaum!

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