PULP – Patrick Thomas

Ausstellung in Berlin

Autor: Sebastian Schubmehl

PULP ist der Titel einer neuen Werkgruppe, die von Patrick Thomas als Antwort auf die Lebensrealitäten in einem Zeitalter des »Wahrheitsverfalls« geschaffen wurde. Er überarbeitet verschiedene Tageszeitungen – die traditionell als Quelle für sachliche Informationen angesehenen werden – indem er sie mit gefundenen, gezeichneten und digital-kodierten Formen im Siebdruckverfahren überdruckt. Die daraus resultierenden Drucke, die bewusst mehrdeutig sind, können wegen ihrer abstrakten Schönheit geschätzt und als Hommage an die großformatig gedruckten Zeitungen gelesen werden; sie können aber auch eine dunklere Seite verbergen, die auf Manipulation, Verheimlichung und Zensur hinweist. PULP sind kraftvolle grafische Aussagen, die einen Zeitpunkt dokumentieren, in dem es darum geht, mehr Fragen zu stellen als Antworten zu geben und die sich aufgrund der instabilen physikalischen Eigenschaften des Zeitungspapiers im Laufe der Jahre im Stillen weiter
verändern werden. Patrick Thomas (Liverpool, GB) ist Grafikdesigner und Künstler, lebt und arbeitet in Berlin und ist Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.

Grafik als politische Ausdrucksform

»Im Zuge des Aufschwungs sozialer Medien wie des Aufschwungs rechtspopulistischer Bewegungen nicht allein in Europa scheint der Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung zur politischen Verhandlungsmasse geworden zu sein. Angesichts des Problems der Unterminierung von Tatsachen im Namen machtpolitischer Interessen stellt sich nicht allein die Frage, welche Formen politischer Reaktion hier angemessen sind. Es stellt sich auch die Frage, in welchen Medien politische Interventionen tragfähig sein könnten. Zu den Stärken von Patrick Thomas gezeigten Arbeiten gehört nicht allein, dass sie mit Mitteln des Graphikdesigns dessen funktionale Logik zersetzen und an der Grenze zwischen graphischer Kunst und Social Design operieren. Dazu gehört vielmehr auch, dass sie aus der Perspektive einer politisch prekären Gegenwart mit irreduzibel ästhetischen Ausdrucksformen die Frage nach Rolle und Funktion des Graphischen in politischen Verhandlungsprozessen selbst stellen.
In ihrer Schichtung unterschiedlicher graphischer Formen spielen sie nicht allein mit der Semantik von Ober- und Unterfläche (wenn in einer der Versionen der Arbeit »Empire« der Barcode von Trumps Buch auf eine Titelseite der FAZ gedruckt ist, so lässt sie sich als Thematisierung einer kapitalistischen Logik politischer Prozesse lesen, die in Spannung, aber auch Kontinuität zur Agenda dieser Zeitung stehen könnte). Dieses Spiel ist vielmehr irreduzibel an eine Ästhetik von Ober- und Unterfläche gebunden. Der Blick der Betrachter*innen oszilliert zwischen einer Wertschätzung der graphischen Seite (die dadurch abgründig wird, dass sie an Praktiken des Wegschneidens und Zensierens gemahnt) und einer Betrachtung materiellen Grundlagen der Zeitung. Wie bei Kippbildfiguren scheint das, worum es geht, immer in der gerade nicht eingenommenen Perspektive zu bestehen, die der Gegenstand uns auch anbietet. Die Aufgabe der ausgestellten Arbeiten ist es nicht, konkrete mediale Formate und Praktiken zu entwickeln, die politische Entscheidungsprozesse in eine produktive Richtung lenken. Vielmehr sind sie als ästhetische Gegenstände und Arbeiten einer graphischen Kunst mit Mitteln des Graphikdesigns Medien der Reflexion und damit der Bildung der Betrachter*innen.«
(Daniel Martin Feige, Professor für Philosophie und Ästhetik in der Fachgruppe Design an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart)

A———Z ist ein neuer Raum in Berlin, der sich der Entwicklung, Präsentation und Diskussion von Ideen und Projekten widmet, die herkömmliche Grenzen des Grafikdesigns hinterfragen und neu ausloten. Renommierte Grafikdesignerinnen und Grafikdesigner werden eingeladen, in diesem Rahmen ihre eigenen künstlerischen, konzeptuellen oder formal experimentellen Projekte vorzustellen.

Wo?
Torstraße 93
10119 Berlin

Wann?
Eröffnung: Donnerstag, 12. September 2019, um 19 Uhr
Öffnungszeiten:

Während der Berlin Art Week 13. September – 15. September 2019, 13–19 Uhr
Vom 16. September bis 8. November 2019, Freitags 13–19 Uhr und nach Vereinbarung

Vortrag von Patrick Thomas:
Donnerstag, 10. Oktober, um 19 Uhr

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