Rutu Modan Interview

Comic-Festival in Angoulême

Autor: Heinrich Raatschen

Wenn am 24. Januar das Internationale Comic-Festival in Angoulême eröffnet, werden sich 200.000 Besucher durch die Straßen der westfranzösischen Kleinstadt drängen, Comic- und Buch-Verlage aus vielen Ländern werden ihre Stände aufbauen, und unter den zahlreichen Ausstellungen wird die erste umfassende Retrospektive der israelischen Comic-Autorin Rutu Modan sein.

Bekannt wurde sie mit ihren Graphic Novels »Exit Wounds« (168 Seiten, in Deutsch »Blutspuren«) und »The Property« (232 Seiten, in Deutsch »Das Erbe«), beide ursprünglich vom kanadischen Verlagshaus Drawn & Quarterly verlegt. Rutu hat zusammen mit Yirmi Pinkus, Itzik Rennert, Batia Kolton und Mira Friedmann 1995 die Zeichner-Gruppe Actus Tragicus gegründet. Heute ist sie Professorin an der Bezalel Academy of Art and Design in Jerusalem.

Wir trafen sie in einem Café am Strand von Tel Aviv.

Wie wichtig war internationaler Austausch für eure Entwicklung?

Rutu Modan: Anfang der 90er Jahre haben wir in Berlin Henning Wagenbreth, Atak (Georg Barber) und Anke Feuchtenberger kennengelernt. Yirmi Pinkus war für einige Monate in Berlin und hat die Beziehung hergestellt. Ihre selbstveröffentlichten kleinen Bücher waren für uns eine Inspiration, dasselbe zu tun. Wenn sie das tun können, haben wir gedacht, können wir das auch in Israel. Es gab damals nicht viele Comics in Israel. Nicht einmal kommerzielle Cartoons waren verbreitet, auch nicht für Kinder.

Früher wurden Retrospektiven für gestorbene Meister gemacht.

Es ist eine große Sache für mich, eine Retrospektive in Angoulême zu haben. Bei unserem ersten Besuch 1996 hatte ich einen Kulturschock. All die Künstler, Verleger, Besucher. Dann sind wir mit Actus Tragicus jedes Jahr hingefahren, um Verlage und Vertriebe zu finden. In Angoulême haben wir 1998 Drawn & Quarterly getroffen. Das hat uns den amerikanischen Markt geöffnet. Ohne Angoulême hätten wir es nicht geschafft. In Angoulême haben wir verstanden, was wir tun können und wie wir es tun. Ich sage meinen Studenten, wie wichtig es ist, die Branche zu verstehen. Du musst nicht gehorchen. Du machst immer noch deine eigene Arbeit, aber du lernst, wie man sie in die Welt trägt. Das hat uns Angoulême gezeigt.

Bist du am Ausstellungs-Design für Angoulême beteiligt?

Thomas Gabison, von Actes Sud, meinem französischen Verlag, kuratiert die Ausstellung. Ich bin gespannt, was er mit dem Material machen wird, das ich ihm nach Paris gebracht habe. Es ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Es ist nicht natürlich, dass Comics an einer Wand hängen. Es ist unmöglich, eine Seite zu wählen, die das ganze Buch repräsentiert. Aber es kann gelingen. Ich habe eine sehr gute Comic-Ausstellung über Hergé im Centre Pompidou gesehen, ein andere von L’Association in Angoulême. Thomas wird Themen auswählen, die die Ausstellung leiten, damit man nicht von der Menge des Materials überwältigt wird.

Du hast 2017 den 3 x 3 Award als Educator of the Year erhalten?

Ich bin Professorin für Illustration und Comics an der Bezalel Academy. Ich unterrichte Grundlagenkurse für die Jahrgänge 1-2, Kinderbuchillustration und alle Abschlusskurse. Lehrberufe sind etwas, das israelische Illustratoren schon früh in ihrer Karriere anstreben. Jedenfalls in unserer Generation hatten wir gute Möglichkeiten, dies zu tun. Die israelische Gesellschaft ist neu, Israelis lieben alles Neue.

Wirst du 2019 etwas publizieren?

Ich zeichne gerade ein neues Buch, mit einem wirklich schlechten Menschen und einem tragischen Ende. Es ist irgendwie politisch. Ich arbeite wahrscheinlich noch das ganze Jahr 2019 daran.

Exposition Rutu Modan – Un théâtre tragi-comique
46e Festival International de la Bande Dessinée
Angoulême, 24.–27. Januar 2019

Illustrationen aus: The Property, Exit Wounds, Jamilti and Other Stories, The New Yorker